Nr. 16/2006 vom 20.04.2006

Ein gutes Herz reicht nicht

Der Skandal um die in einem spanischen «Heim» misshandelten Jugendlichen zeigt Schwachstellen in der Sozialen Arbeit auf. Diese braucht mehr Professionalität - und mehr Geld.

Von Elena Wilhelm

Die Geschichte holt die Zürcher Stadträtin Monika Stocker ein. In einer 2003 erschienenen Studie über die Zwangsmassnahmen in der Zürcher Fürsorge von 1890 bis 1970 entschuldigte sich die Vorsteherin des Sozialdepartements bei den Opfern für das Unrecht, das ihnen angetan worden war. Gleichzeitig schätzte sie sich als Vorsteherin des Sozialdepartements glücklich, dass ihre Behörde heute mit hohem ethischem Bewusstsein handle. Das düstere Kapitel der Fürsorge wähnt sie abgeschlossen. Dem ist leider nicht so, wie der Skandal um die Jugendlichen zeigt, die in einem vom Zürcher Sozialdepartement finanzierten illegalen «Heim» misshandelt wurden. Das liegt aber nicht allein in der Verantwortung von Monika Stocker und ihren MitarbeiterInnen, den SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen, sondern auch in der politischen Steuerung und Strukturlogik der Sozialen Arbeit.

«Wohlfahrtssport»

Die Soziale Arbeit - also Sozialpädagogik und Sozialarbeit - ist ein Feld, in dem man auch heute noch ohne Ausbildung eine Anstellung finden kann. Für die Begleitung, Beratung, Bildung und Erziehung von Menschen, die unter erschwerten Bedingungen leben, scheinen ein gutes Herz und gesunder Menschenverstand sowie soziale Gesinnung, genügend Autorität, ein wenig handwerkliches Geschick oder musisches Flair ausreichend zu sein. Erziehen und helfen kann offenbar - fast - jedeR. Das ist bereits seit hundert Jahren so, seit dem Ursprung der Sozialen Arbeit in der bürgerlichen Politik des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in der Frauen aus dem Bürgertum, die sich um ihren Lebenssinn betrogen sahen, ein neues, auf sie zugeschnittenes Tätigkeitsfeld fanden. Der deutsche Sozialreformer und Fürsorgewissenschaftler Wilhelm Feld spottete schon 1922 über die «wohlfahrtssporttreibenden Damen». Seither hat sich zwar in diesem Bereich viel verändert. Vieles aber ist auch gleich geblieben.

Wie die Medizin, Pädagogik, Psychologie oder das Recht gehört auch die Soziale Arbeit zu den so genannten Professionen. Professionen sind, wie der deutsche Soziologe Ulrich Oevermann gezeigt hat, besondere Berufe: Sie sind in der Berufsausübung autonom und orientieren sich stark am Gemeinwohl, werden nicht durch marktförmige Leistungen oder eine staatliche Bürokratie bezahlt und wenden Wissen nicht - wie etwa Ingenieure - technisch an. Professionelles Handeln ist nicht standardisierbar, da die Probleme - im Fall der Sozialen Arbeit beispielsweise von Kindern, Jugendlichen und deren Eltern - immer individuelle Lösungen erfordern, welche die Menschen als ganze Personen beteiligen. Professionelles Handeln ist immer dann gefordert, wenn die Situationen komplex, ungewiss oder risikobehaftet sind, weil die Integrität von Personen und gesellschaftliche Wert- und Normvorstellungen im Spiel sind.

Die Soziale Arbeit hatte diesen doppelten Fokus schon immer: die Aufrechterhaltung und Gewährleistung einer kollektiven Praxis von Recht und Gerechtigkeit einerseits, von psychosozialer Integrität und Autonomie des Einzelnen andererseits. Diese beiden Fokusse der Sozialen Arbeit stehen in einem Spannungsverhältnis, welches das Handeln in der Sozialen Arbeit schwierig macht. Dieses Spannungsverhältnis lässt sich nicht beiseite schaffen und muss im konkreten Fall immer wieder ausgewogen und reflektiert werden. Der Entscheid, einem Menschen die Freiheit zu entziehen oder Eltern ein Kind wegzunehmen, ist hierfür nur ein extremes Beispiel.

Konkurrierende Kriterien

SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen müssen unter diesen erschwerten Bedingungen ein Handeln entwickeln, das zwischen den Gesetzesgrundlagen, den «Falldaten», verschiedenen Lösungen und den vorhandenen und zu erschliessenden Ressourcen abwägt, wie der Erziehungswissenschaftler Stefan Schnur sagt. Sie müssen - manchmal miteinander konkurrierende - Kriterien der Fachlichkeit, der Rechtmässigkeit und der Wirtschaftlichkeit mit Blick auf mögliche Folgen der getroffenen Entscheidung gewichten. Im Falle von Kindern, Jugendlichen und Eltern, die Probleme haben, müssen SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen mit den Betroffenen ein Arbeitsbündnis eingehen. Für die Bewältigung dieser Anforderungen bedarf es eines vielfältigen Wissens und der Fähigkeit, das Wissen jedes Mal auf den jeweiligen Menschen und die jeweilige Situation zu beziehen und zu entwickeln.

Unter welchen Bedingungen kann man nun diesen hohen Anforderungen gerecht werden? Es braucht eine neue Organisationsform der Sozialen Arbeit, die professionelle Arbeit gewährleistet, ermöglicht und unterstützt. Personen und Einrichtungen, die im öffentlichen Auftrag und mit öffentlichen Mitteln einen Lebensort für Kinder und Jugendliche organisieren und mit ihnen in ein Erziehungs- und Bildungsverhältnis eintreten, müssen nach bestimmten Kriterien lizenziert werden.

Allerdings ist damit nicht eine administrativ-bürokratische Kontrolle gemeint, wie sie zunehmend - zum Beispiel in der Medizin, die auch eine Profession ist - gefordert wird. Bürokratisierung erschwert oder verhindert gar die notwendige autonome Handlungspraxis. Nur eine Fachbehörde kann eine solche Lizenzierung erteilen, da sich die Leistungen von Professionen weder durch die Verwaltung noch durch den Markt hinreichend kontrollieren und beurteilen lassen. Professionelles Handeln erfordert eine kollegiale, auf die Verinnerlichung von professionsethischen Idealen angewiesene Selbstkontrolle. Diese Professionsethik kam im Fall der Jugendlichen, die durch die Organisation «Time out» in einem illegalen «Heim» in Spanien untergebracht wurden, nicht zum Zuge, weil die «Gastfamilie» aus nichtausgebildeten Personen bestand. Statt professionsethischer Ideale waren monetäre Interessen handlungsleitend. Mit der pauschalen, empirisch nicht begründbaren und naiven Behauptung, dass Kinder und Jugendliche in Heimen besser aufgehoben seien als in Pflege- und Gastfamilien, hat sich «Time out» selber der Unprofessionalität überführt.

Unabdingbar ist darüber hinaus die Verpflichtung zu einer fundierten Aus- und einer permanenten Weiterbildung, die in der Sozialen Arbeit ebenso unumgänglich wie in den anderen Professionen ist. Menschen, die in Kontakt mit SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen kommen, befinden sich in belastenden Verhältnissen. Aus irgendeinem Grund sind sie in ihrer Entwicklung und in der Aneignung von Handlungsmöglichkeiten blockiert oder gescheitert und haben teilweise die Kontrolle über sich verloren. SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen müssen in jedem einzelnen Fall erkunden, wie die Lebens-, Lern- und Entwicklungsbedingungen für die Menschen zu gestalten sind, ohne sie zu entmündigen. SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen begegnen dem Menschen also in einer prekären Situation, in der die Kompetenzen aufgespürt werden müssen, die Menschen auch dann entwickeln, wenn sie mit belastenden Verhältnissen konfrontiert sind.

Pädagogischer Ort

Die Grundstruktur des sozialpädagogischen Handelns besteht darin, wie der Pädagoge Michael Winkler sagt, den Menschen imaginierte und reale Orte zur Verfügung zu stellen, durch welche sie Anstoss zu einem eigenen Entwicklungs- und Bildungsprozess erhalten. Pädagogische Orte müssen allerdings bestimmten Kriterien entsprechen, um Bildungsprozesse überhaupt zu ermöglichen: Sicherheit, Schutz, Geborgenheit, Fehlerfreundlichkeit, Zukunftsoffenheit, Spiel zwischen Innen und Aussen, Eröffnung eines sozialen Zusammenhangs, der lebensgeschichtlich relevant ist. Und pädagogische Orte müssen auf den spezifischen «Fall» abgestimmt sein. Nicht jeder Ort ist für jeden Menschen gleich geeignet. Die Schwierigkeit beginnt bei der Wahl des richtigen Ortes. Sie setzt die Kenntnis von Lebenswelten und Alltagserfahrungen der Betroffenen voraus und verlangt den souveränen Umgang mit verschiedenen Handlungsmodellen. Ein solcher pädagogischer Ort muss nicht in Spanien liegen. Würde man die Forschung in der Sozialen Arbeit zur Kenntnis nehmen, wüsste man dies. Eine Platzierung in Spanien hat allerdings den Vorteil, dass sie kostengünstig ist.

Die Soziale Arbeit braucht innovative Konzepte, Methoden und Programme. Diese sind aber weder in der Verlagerung von Menschen ins Ausland noch bei privaten, nichtlizenzierten Organisationen zu finden. Soziale Innovation beginnt im Kleinen. Der Anstoss zu Innovationen erfolgt häufig auf der Grundlage von Forschung, also von neuem Wissen: Wissen über soziale Probleme, über die Menschen und deren Dasein in unserer Gesellschaft, über deren Ängste und Bewältigungsstrategien, Wissen darüber, wie diese Menschen in ihrer Integration und in ihrer Teilhabe und Teilnahme an unterschiedlichen Systemen der Gesellschaft gefördert, unterstützt und bestärkt werden können. Natürlich ist das nicht gratis zu haben.

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