Nr. 14/2007 vom 05.04.2007

«Dass das Menschen sind ...»

Schikanen, Zwang, unkontrollierte Hände: Immer wieder überschreiten Sozialtätige Grenzen. Darüber zu reden, ist tabu. Ein Betroffener tuts trotzdem.

Von Yves Kramer

Im Heim für Menschen mit geistiger Behinderung steht das Mittagessen bereit. Der Sozialpädagoge Tim Pfeiffer* bittet zu Tisch. Alle nehmen Platz - bis auf einen. Der Mann bückt sich und setzt ich da hin, wo ihn keiner sieht: unter dem Tisch. Tim Pfeiffer interveniert: «Hier wird nicht am Boden gegessen.» Doch der Mann lässt sich nicht dazu bewegen, hervorzukommen. Ein Wort gibt das andere. Schliesslich packt Pfeiffer den Mann und drückt ihn auf den Stuhl. Da bleibt dieser nicht lange. Schon sitzt er wieder unter dem Tisch. Der Vorgang wiederholt sich: hochzerren, abtauchen, hochzerren, abtauchen. Der Sozialpädagoge ist ausser sich, beschimpft den Mann und droht, ihm das Essen wegzunehmen. Hände kommen ins Spiel. Je stärker sich der Mann wehrt, umso härter wird er von Pfeiffer angefasst.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Betreuer ausrastet und gewalttätig wird. Immer wieder verletzt er die Leitsätze der Organisation. Leitsätze, die eigentlich einen «partnerschaftlichen Umgang» mit den BewohnerInnen verlangen. Lange Zeit wird im Team über die Übergriffe nicht gesprochen. Erst als Pfeiffer bei der Heimleitung angezeigt und vorübergehend freigestellt wird, werden sie zum Thema.

«Man» statt «ich»

Ein Jahr später sitzt Tim Pfeiffer in einer Beratungsstelle für Gewalttäter und rekapituliert seine Geschichte. Er ist schon lange im Sozialbereich tätig. Über die Vorfälle zu sprechen, fällt ihm nicht leicht. Er braucht Zeit für seine Schilderungen. An einige Vorfälle erinnert er sich nicht mehr. Solches beobachtet der für ihn zuständige Gewaltberater öfter. «Eigentlich ist Gewalttätern ja schon klar, dass sie Unrecht tun. Aber sie wollen es nicht wahrhaben und blenden ihre Taten aus. So wird die Scham verdrängt.» Beim Sprechen kommt sie wieder zum Vorschein - zum Beispiel dann, wenn Pfeiffer von «ich» zu «man» wechselt: «Man schämt sich, dass man sich so gehen liess, und fragt sich natürlich, wie es so weit kommen konnte.»

Dass der Sozialpädagoge nicht sofort Hilfe suchte, überrascht den Gewaltberater nicht: «Unsere Erfahrung zeigt, dass die Täter erst dann bereit sind, sich mit ihrem Verhalten auseinanderzusetzen, wenn der Druck aus dem Umfeld massiv ist.» Der erste Übergriff von Tim Pfeiffer liegt denn auch bereits mehrere Jahre zurück. «Ich hatte zusehends das Bewusstsein dafür verloren, dass das Menschen sind, mit denen ich arbeite. Alles musste so laufen, wie ich es wollte. Wenn einer sich widersetzte, hab ich ihn halt gezwungen...»

Wie ist es, als Gewalttäter entlarvt zu werden? «Man ist versucht, das Ganze runterzuspielen, zu verharmlosen, was man gemacht hat», sagt Pfeiffer. Richtig schlecht sei es ihm aber gegangen, nachdem er freigestellt wurde, «da war auf einmal der Boden unter den Füssen weg. Ich wusste nicht mehr, wie weiter.» - «Aber», sagt er noch, «es war auch eine Erleichterung.»

Wenige Wochen nach der Freistellung nahm Pfeiffer seine Arbeit wieder auf. Er wurde in eine andere Abteilung versetzt. Parallel dazu ging er in die Gewaltberatung. In den Gesprächen wurde nicht nur über den einen Fall diskutiert, auch die Betriebskultur wurde zum Thema. «Es gäbe einiges zu verbessern», stellt der Gewaltberater fest - nicht zum ersten Mal in seiner Arbeit. «In sozialen Einrichtungen wird oft geschwiegen, anstatt sich über problematische Vorfälle auszutauschen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. So entstehen Bedingungen, die gewalttätiges Verhalten begünstigen.» Tim Pfeiffer ist überzeugt, dass es noch andere Sozialtätige gibt, die im Umgang mit ihnen anvertrauten Menschen Grenzen verletzen und sich Übergriffe zuschulden kommen lassen. Aber das Thema ist tabu. Gewalt passt nicht zu dem Bild, das wir von Sozialtätigen haben.

Subtil, offen, regelmässig

Dieses heile Bild erhält auch Risse, wenn man mit ExpertInnen spricht. Studien zur Gewalt von Sozialtätigen gibt es kaum, und aktuelle Zahlen sind nicht verfügbar. Wenn geforscht wird -wie zum Beispiel im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 51 «Integration und Ausschluss» -, dann vor allem zur Geschichte von Heimen und psychiatrischen Kliniken. Aber bei Selbsthilfeorganisationen kennt man das Problem.

Insieme Schweiz setzt sich für die Anliegen von Menschen mit geistiger Behinderung und deren Angehörigen ein. Gewalt sei für sie «selbstverständlich ein Thema», sagt Beatrice Zenzünen von Insieme. «Wir müssen davon ausgehen, dass es da zu Grenzüberschreitungen und Übergriffen kommen kann, dass Gewalt im Betreuungsalltag in subtiler oder offener Form Realität ist. Wie übrigens im normalen gesellschaftlichen Alltag auch.» Zu einem ähnlichen Schluss kommt Benjamin Adler von Agile, dem Dachverband der Behinderten-Selbsthilfeorganisationen: «Gewalt in Institutionen kommt regelmässig vor.»

Bastian Nussbaumer, der zuletzt eine Einrichtung der stationären Jugendhilfe in Hausen am Albis führte, musste sich während seiner langjährigen Tätigkeit als Leiter verschiedener Institutionen vor allem mit Gewalt auseinandersetzen, die aus «rigiden, zynischen Settings» heraus passierte. Darunter fallen unnötiges Schikanieren der Jugendlichen und weitere Formen von Machtmissbrauch.

Bei Insos - dem grössten Schweizer Branchenverband, dem rund 800 Einrichtungen für Menschen mit einer Behinderung angegliedert sind - ist Gewalt ebenfalls ein Thema. «So wie überall, wo Menschen zusammenleben», sagt Monika Bloch. Sie stellt insgesamt «einen sehr sorgfältigen Umgang damit» fest. Das Bewusstein in den Institutionen habe in den letzten Jahren zugenommen, ist sie überzeugt. In Leitbildern und Konzepten wurden vielerorts Betreuungsgrundsätze definiert. Im Heimalltag wurden Abläufe festgelegt und Arbeitsinstrumente geschaffen, um Übergriffen durch das Betreuungspersonal möglichst vorzubeugen.

Aber Tim Pfeiffer ist nur ein Beispiel dafür, dass solche Verordnungen bisweilen ins Leere laufen.

Gefährlicher Sparkurs

Dass Gewalt in Heimen immer wieder vorkommt, ist unbestritten. Dass damit in den einzelnen Einrichtungen unterschiedlich umgegangen wird, auch. Schwieriger wird es bei der Frage, was sich in den letzten Jahren in den Institutionen allgemein getan hat, bei den finanziellen Mitteln, der Ausbildung, und wie sich das auf das Gewaltprobelm auswirkt. Was ExpertInnen dazu berichten, lässt aufhorchen.

Der für Pfeiffer zuständige Gewaltberater, der auch an Hochschulen für Soziale Arbeit unterrichtet, kritisiert beispielsweise, dass mit der Akademisierung der Ausbildung Wichtiges über die Klinge springen musste. So würden die StudentInnen jetzt viel zu wenig in Kommunikation geschult. Dies kann nicht ohne Auswirkungen auf den Arbeitsalltag der Sozialpädagogen und Sozialarbeiterinnen bleiben. Gleiches gilt für den Trend, bei der Betreuung zu sparen und günstigeres Personal einzustellen, wie Monika Bloch von Insos derzeit mit Sorge beobachtet. Hier öffnet sich eine Schere: Weniger und tendenziell schlechter ausgebildetes Personal muss sich vermehrt um Menschen mit komplexer werdenden Problemen und Krankheitsbildern kümmern.

Das bestätigt auch Bastian Nussbaumer. Er arbeitete in der stationären Jugendhilfe, kürzlich wurde er pensioniert. «Mit immer weniger Mitteln müssen immer mehr und immer schwierigere Jugendliche betreut werden», sagt er. Zudem würden pädagogische und psychotherapeutische Massnahmen nicht ausgeführt, weil diese etwas kosten. Denn die Heime müssen Leistungen wie Psychotherapie in Gruppen, die nicht von der Krankenkasse getragen werden, der einweisenden Gemeinde verrechnen. Wenn diese sich weigert, die Zusatzkosten zu bezahlen, sind dem Heim die Hände gebunden. Das kann längerfristig nicht aufgehen. Überfordertes und gestresstes Personal ist nur eine Folge davon - negative Auswirkungen auf die Lebensqualität von Menschen, die auf professionelle Betreuung angewiesen sind, eine andere.

Und wie läuft es bei Tim Pfeiffer heute? Wichtig ist für ihn, ohne Gewaltanwendung im Arbeitsalltag über die Runden zu kommen. Dies ist ihm bisher gelungen.

* Name geändert.

Zwang in der Psychiatrie

Zwang und Gewalt beschäftigen auch die Psychiatrie. Die Revision des Vormundschaftsrechts bringt nun das Thema aufs politische Parkett. Vorgesehen ist, mit dem neuen «Erwachsenenschutzrecht» eine einheitliche Grundlage für Zwangsmassnahmen

in der Psychiatrie auf Bundesebene zu schaffen. Bisher regelte jeder Kanton für sich, welche Zwangsmassnahmen wann und unter welchen Bedingungen angewendet werden dürfen, entsprechend sind die Regeln von Kanton zu Kanton sehr unterschiedlich. Die neue Regelung schafft zumindest Rechtssicherheit und -gleichheit.

Nicht nur deshalb sind für Jürg Gassmann, Zentralsekretär von Pro Mente Sana, Zwangsbehandlungen in psychiatrischen Kliniken derzeit ein wichtiges Thema. Pro Mente Sana unterstützt psychisch kranke Menschen und berät diese unter anderem am Telefon. «Immer wieder rufen uns Personen an, die zwangsweise behandelt wurden und damit nicht klarkommen», sagt Gassmann. Darunter fallen etwa: Medikamente gegen den Willen von PatientInnen verabreichen, PatientInnen in ein Isolationszimmer einschliessen oder an einem Bett festbinden. Vielfach beklagen sich die AnruferInnen auch darüber, dass sie nicht ernst genommen werden.

Wie häufig Zwang und Gewalt angewendet werden, variiere von Klinik zu Klinik stark, sagt Gassmann. Er ist deshalb überzeugt, dass in der Psychiatrie nach wie vor nicht alles unternommen wird, um zwangsweise Behandlungen möglichst zu vermeiden.

Die Ausgabe 06/1 (März 2006) der Zeitschrift «Pro Mente Sana aktuell» beschäftigt sich mit dem Thema «Gewalt und Zwang vermeiden». Sie kann bei Pro Mente Sana für zehn Franken bezogen werden. www.promentesana.ch

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