Nr. 25/2006 vom 22.06.2006

Sitzleder gefragt

Michael Albert entwirft in seinem Buch «Parecon» ein Wirtschaftssystem jenseits von Kapitalismus und Staatssozialismus.

Von Daniel Stern

Linke Utopien sind rar geworden. Die einen halten sich schon fast in extremistischer Art und Weise an den Pragmatismus und versuchen innerhalb des parlamentarischen Systems mit Reformen die schlimmsten Auswüchse des Kapitalismus abzudämpfen, während andere mit Kampagnen politische und wirtschaftliche Ungerechtigkeiten anprangern und im besten Fall auch nur wieder kleine Veränderungen bewirken können. Meist bleibt dabei die übergeordnete Strategie, das Hinarbeiten auf eine solidarische Gesellschaft ohne Ausbeutung, auf der Strecke.

Der US-amerikanische Journalist Michael Albert entwirft in seinem kürzlich in deutscher Übersetzung erschienenen Buch «Parecon – Leben nach dem Kapitalismus» die Utopie einer Wirtschaftsordnung, die auf den Werten von Gerechtigkeit, Selbstbestimmung, Vielfalt, Solidarität und Effizienz beruht. Dabei greift er auch auf alte linke Rezepte zurück: «Alle Macht den Räten», könnte man parolenhaft das Grundgerüst seiner Vision zusammenfassen. Eine Forderung, die sowohl in der anarchistischen wie auch in der kommunistischen Tradition steht.

Produktion und Konsum

Das Wort Parecon steht für partizipative Ökonomie. Albert strebt also eine Wirtschaftsordnung an, bei der alle Beteiligten gleichberechtigt mitbestimmen sollen. Anders als im Kapitalismus soll nicht der Markt entscheiden, was in welcher Menge und zu welchem Preis produziert und konsumiert wird, und es soll auch nicht, wie in der staatssozialistischen Planwirtschaft, in der Kompetenz von priviliegierten FunktionärInnen sein. Doch Achtung: Ein System, dass vom einzelnen Menschen her die ganze heutige Komplexität der Produktion und des Konsums planen will – das riecht nach ziemlich vielen Sitzungen! Tatsächlich sieht Albert die Jahresplanung der Wirtschaft als mehrstufigen Diskussionsprozess. So haben alle BürgerInnen ihrem jeweiligen «Wohngebietsrat» (in dem sie selber auch Einsitz nehmen können) anzugeben, was sie im kommenden Jahr zu konsumieren gedenken. Dieser Rat prüft diese «Konsumpläne» auf ihre Machbarkeit und leitet sie zusammen mit kollektiven Konsumwünschen (etwa einem neuen Schwimmbad) an die nächsthöhere Instanz (die sich wiederum aus VertreterInnen der Wohngebietsräte zusammensetzt) weiter. Ein Unterstützungsbüro hilft dabei, die Realisierbarkeit der Konsumwünsche (die mit den Möglichkeiten aus der Produktion übereinstimmen müssen) zu überprüfen. Schliesslich wird ausgehandelt, wie das alles mit den Vorschlägen der ArbeiterInnenräte zusammenzubringen ist, die die von ihnen gewünschten Produktionskapazitäten auflisten. Dabei bestimmt nicht irgendein Chef oder Führer, sondern über alles wird in den zuständigen Räten entschieden. Dabei gilt: Je mehr eine Einzelne, ein Einzelner oder eine Gruppe von einem Entscheid betroffen ist, desto grösser ist das Mitspracherecht. Die Produktionsmittel gehören der Allgemeinheit und werden durch die ArbeiterInnenräte verwaltet.

Tätigkeitsbündel

Wie viel jemand konsumieren darf, hängt von der Arbeitsleistung ab, die er oder sie erbringt. Dabei ist eine gewisse Grundversorgung, insbesondere im Bereich Gesundheit, gratis. Das Einkommen eines Menschen bemisst sich jedoch nicht nur an der Arbeitzeit, sondern auch in der Art der Tätigkeit. Allerdings wird auch hier das bestehende kapitalistische System so ziemlich auf den Kopf gestellt. Am besten bezahlt wird nicht Kopfarbeit, sondern das höchste Entgelt erhält, wer die schwersten und gefährlichsten Tätigkeiten ausführt. Allerdings sollten sowieso alle Beschäftigen verschiedene Tätigkeiten ausführen. Damit will Albert klassische Hierarchien aufbrechen und erreichen, dass alle in ihrer Arbeit möglichst zufrieden sind. Ein Spitalarzt müsste demzufolge also auch Böden schrubben und Kranke waschen. Allerdings will Albert nicht die Arbeitsteilung als solche aufheben, sondern erreichen, «dass jeder in die Lage versetzt wird, mittelfristig eine solche Reihe von Tätigkeiten zu verrichten, die niemanden unfair privilegiert oder mit dauernden Machtbefugnissen ausstattet». Die Beurteilung darüber, welche Tätigkeit wie bewertet wird, würde – selbstverständlich – dem jeweiligen ArbeiterInnenrat zufallen.

Michael Albert ist Mitbegründer und Redaktor der linken US-Zeitschrift «Z-Magazine». Deren Website www.zmag.org, die auch von Albert betreut wird, stellt eine der besten Quellen in die US-amerikanische Linke dar. In seinem Buch argumentiert Albert streng rational, meist auch dort, wo er sich mit verschiedenen Kritiken an seiner Vision auseinander setzt. Allerdings zeigt sich gerade in diesen Kapiteln das Problem seiner auf Logik basierten Argumentation. Der Komplexität menschlicher Gefühlslagen und Wünsche, die ja durchaus auch irrational und widersprüchlich sein können (sein sollen!), wird er dadurch in keiner Weise gerecht. Auf die Kritik etwa, sein Systementwurf laufe auf eine «Diktatur der Geselligen» hinaus, derjenigen also, die an den Sitzungen möglichst vieler Räte teilnehmen und auch noch über eine überzeugende Rhetorik verfügten, hält er entgegen, dass diese ja aus ihrer Macht keine materiellen Vorteile ziehen könnten. Alle seien schliesslich völlig frei. Bei solchen Sätzen muss man Albert dann schon ziemliche Naivität vorwerfen. Wie wenn es bei denjenigen, die Macht ausüben, jemals nur um materielle Vorteile gegangen wäre.

Kein Weg zum Ziel

Albert verzichtet in seinem Buch darauf, auszuführen, wie ein partizipatives Wirtschaftssystem erreicht werden kann. Er beschränkt sich auf die Beschreibung eines optimalen Systems. Das ist ein Manko. Es bleibt unklar, wie die Menschen, konditioniert durch Kapitalismus oder Planwirtschaft, plötzlich ihre wahren Bedürfnisse erkennen und sich in diversen Gruppen einigermassen solidarisch verhalten sollen. Auch fehlt ein Ansatz dazu, wie die jetzt Besitzenden und Privilegierten überzeugt werden können, am neuen System mitzuwirken und nicht alles permanent zu sabotieren. Das Problem jeder Machtübernahme durch Linke, die ein Rätesystem als Utopie hatten, war ja immer auch, dass aufgrund von Bedrohungen aus dem Innern wie von aussen die Strukturen nicht so offen und partizipativ sein konnten wie vorgesehen. Macht musste gebündelt werden – mit all den negativen Auswirkungen.

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