Nr. 40/2008 vom 02.10.2008

Ein Schmuckstück für zwei Töpfe Honig

Die Schweizer Tauschorganisationen pfeifen auf Geld und Zinsen - bezahlt wird mit Talenten, Salzkörnern oder Picaillons. Ein Einblick in eine ganz andere Art des Handels.

Von Helen Brügger

Sie tauschen Produkte, Gegenstände oder Dienstleistungen. Sie bezahlen mit Salzkörnern, Batzen, Blutzgern, Zeit oder Talent. Sie berufen sich auf frühsozialistische Utopisten wie Charles Fourier, Pierre Joseph Proudhon oder Robert Owen, auf den Freiwirtschafter Silvio Gesell und auf französische und englische Widerstandsgruppen gegen ökonomischen und ökologischen Kahlschlag. Die Schweizer Tauschorganisationen haben viele Namen und viele Gesichter, aber eins ist ihnen gemeinsam: Mit Geld haben sie nichts am Hut.

«Existiert ein Regenbogen oder existiert er nicht?», fragt Gisèle Ory. Die Neuenburger SP-Ständerätin ist auch Präsidentin des SEL von La Chaux-de-Fonds. SEL steht für «système d'échanges local», lokales Tauschsystem. Die Organisation zählt allein in La Chaux-de-Fonds über hundert Mitglieder und betreibt einen schwunghaften Tauschhandel, bei dem mit Picaillons (etwa: Blutzgern) bezahlt wird. Das SEL gleiche dem Regenbogen, sagt Ory: Gleichzeitig realistisch und unfassbar, zum Greifen nahe und unerreichbar fern, Wirklichkeit und Utopie. In der Westschweiz gibt es bereits zehn SEL-Regionalgruppen.

Beziehungen wiederherstellen

Die muntere 52-jährige Ständerätin und frühere Sprecherin von Bundesrätin Ruth Dreifuss wird als mögliche zukünftige Regierungsrätin des Kantons gehandelt. Das SEL ist für sie nicht ein zweitrangiges Hobby, sondern eine wichtige Erfahrung, die sie nicht missen möchte: «Ich gehöre politisch weder zur Parteirechten noch zur Kaviarlinken, und noch weniger zu den SP-Elefanten.» Für sie sei es enorm wichtig, mit den Menschen und ihren wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Kontakt zu bleiben.

«Unser erstes Ziel ist es, die Beziehungen zwischen Produzenten und Konsumenten wieder herzustellen, das zweite ist die Wiederherstellung der Kaufkraft für verarmte und randständige Menschen», so Ory. Und so funktioniert das System, das mit einem gewöhnlichen Tauschhandel zwischen zwei Beteiligten nicht zu vergleichen ist. Die SEL-«Zentralbank» eröffnet ein Konto für das neue Mitglied und stellt ihm ein Scheckheft in Picaillons zur Verfügung. Von diesem Moment an kann getauscht werden: Produkte, Gegenstände oder Dienstleistungen; jedes Mitglied füllt eine Liste aus mit dem, was es anbieten respektive kaufen will. Jeden Monat geht die aktualisierte SEL-Liste an die Mitglieder. Kommt ein Tausch zustande, wird mit einem Scheck bezahlt, die Zentralbank führt Buch. So können zwei Töpfe Honig von Imker Charly zu Schneiderin Lisa wechseln, Imker Charly erhält dafür ein Picaillon-Plus auf seinem Konto, das er demnächst gegen ein von Goldschmiedin Anna angefertigtes Schmuckstück tauscht und so weiter und so fort. Anders als mit Geld darf man sich mit Picaillons verschulden - wer hingegen über 1000 Picaillons im Minus ist, wird vom SEL ermuntert, seine Angebote besser der real existierenden Nachfrage anzupassen.

Das SEL La Chaux-de-Fonds zählt seit seiner Gründung im Jahr 2002 jedes Jahr zehn bis fünfzehn Prozent mehr Mitglieder, obwohl die Mitgliedschaft sehr streng gehandhabt wird. Wer ein Jahr lang nicht tauscht, wird gestrichen. Heute tauschen in der linken Hochburg in den Neuenburger Bergen über hundert Menschen. «Wir könnten also noch wachsen», so Ory. Ein ideales Tauschnetz habe 150 bis 200 Mitglieder, damit das Angebot vielfältig genug werde. Mehr habe keinen Sinn, denn die Distanzen zwischen den Tauschenden dürften nicht zu gross werden. Auch andere Westschweizer SEL-Gruppen verzeichnen einen wachsenden Zulauf: So etwa das von Jean-Clément Gössi geleitete «SEL du Lac» in Genf, das zurzeit rund 110 Mitglieder zählt und mit «Salzkörnern» tauscht. Einige Mitglieder, so Gössi, hätten dank des SELs ihre Lohnarbeit einschränken können - allein vom Tauschhandel leben könne aber niemand.

Gefährliches Wachstum

Allzu grosses Wachstum würde eine SEL-Gruppe vor eine Reihe von Problemen stellen, denn schliesslich will man keine Parallel- oder Schattenwirtschaft aufziehen. «Wir beschränken den Austausch auf 3000 Picaillons pro Trimester, damit kommen wir weder mit den Steuerämtern in Konflikt noch stellen sich Probleme mit Versicherungen oder AHV-Abzügen», sagt Ory. Die Beschränkung ist von einem Anwalt begutachtet worden. Der gab grünes Licht - ein Tauschhandel in diesem kleinen Rahmen fällt noch nicht in den Bereich der Warenumsatzsteuer. Die notwendigen Versicherungen abzuschliessen, gehört in den Verantwortungsbereich jedes einzelnen SEL-Mitglieds. Anders sei es KollegInnen in Frankreich ergangen, erzählt Ory: Dort hätte sich die SEL-Idee derart schnell und stark ausgeweitet, dass am Schluss mit Autos, Pferden oder gar Häusern gehandelt worden sei und der Fiskus eingegriffen habe.

Die SEL-Idee geht auf ein französisches Experiment im Jahr 1994 zurück: Im mausarmen, wirtschaftlich ausgebluteten Ariège im Südwesten Frankreichs gründeten ein paar junge Bauern eine Bioproduktionskooperative. Doch die Menschen im Ort hatten nicht genügend Geld, ihre Produkte zu kaufen. So führten zunächst 300 Beteiligte das Salzkorn als lokale Währung ein, und siehe da: Die Arbeitslosen konnten qualitativ hochstehende Nahrungsmittel kaufen und dafür ihre Arbeit, ihre Kenntnisse und Kompetenzen eintauschen. Andere kamen dazu, die Idee breitete sich aus wie ein Schneeball. «Heute gibt es mehr als 400 SEL-Gruppen in Frankreich», freut sich Ory. Es gibt sogar eine «route du sel», wo reisende SEL-Mitglieder gegen Salzkörner nächtigen können.

Auch Ory hat grosse Pläne. Denn wenn auch das wirtschaftliche Wachstum der einzelnen SEL-Gruppe beschränkt bleiben müsse, so könne doch der politische Einfluss der Idee und der mit ihr verbundenen Menschen wachsen. Aus diesem Grund wird am 8. Oktober in La Chaux-de-Fonds eine «solidarische Wirtschaftskammer» gegründet, die alle Organisationen im Bereich der alternativen Wirtschaft zusammenfassen und damit eine Gegenmacht zu den kapitalistischen Wirtschafts- und Handelskammern auf die Beine stellen will. Eine solche solidarische Wirtschaftskammer gibt es bereits in den Kantonen Genf und Waadt. Sie erlaubt den Erfahrungsaustausch zwischen Mitgliedern, bietet juristische und finanzielle Beratung an und organisiert gemeinsame PR-Aktionen.

Alles anders ohne Zinsen

Auch in der deutschen Schweiz gibt es Tauschorganisationen. Die meisten von ihnen sind lokal aktiv, viele von ihnen tauschen nur Zeit, das heisst Dienstleistungen aus. So etwa der Zürcher LETS-Kreis, dessen Kürzel für Local Exchange Trading System steht und der sich von Erfahrungen im Kanada der achtziger Jahre inspirieren lässt.

Andere Tauschkreise tauschen, wie die SEL-Leute, Waren und Dienstleistungen gegen eine eigene Währung. Zu ihnen gehört der Verein Talent mit seinen rund 250 Mitgliedern, die alle eine schweizweite Tauschinfrastruktur und eine überregionale Währung, eben das Talent, nutzen können. Viele von ihnen besuchen auch die Treffen einer der vier Regionalgruppen. Während die SEL und andere lokale Gruppen auf die soziale Praxis orientiert sind, hat der Talent-Ring eine wirtschaftstheoretisch fundierte Botschaft: die Ideen von Freiwirtschafter Silvio Gesell (vgl. unten: «Freigeld und Freiland»).

Für die Talent-Leute sind Armut, Ausgrenzung, Nord-Süd-Gefälle und Arbeitslosigkeit Folgen des Geld- und Zinssystems, das die Akkumulation und Konzentration von Kapital zur Folge hat. «Ohne Zinsen wäre alles anders», sagt Talent-Sekretär Rainer Rieder. Talent ist deshalb ein zinsfreies Tauschmittel. «Damit niemand auf die Idee kommt, Talente anzuhäufen anstatt zu tauschen, haben wir eine sogenannte Umlaufsicherung eingeführt», erklärt Rieder: «Von Talent-Konten, deren Saldo im positiven Bereich liegt, wird pro Monat ein halbes Prozent abgezogen.» Damit werde ein Anreiz gesetzt, die Talente möglichst schnell wieder in Umlauf zu setzen.

«Talent war zunächst als praktisches Experiment der ‹Initiative für natürliche Wirtschaftsordnung› INWO gedacht und hatte in den ersten Jahren nach der Gründung 1993 ziemlich viel Schwung», erinnert sich Rieder. Heute sei Talent ein eigenständiger Verein, auch habe sich das Leben der damals jungen Revoluzzer geändert. Die meisten hätten einen guten Job und blieben weniger aus dem Bedürfnis nach geldlosem Tausch, sondern aus Treue zu den Grundideen Mitglied.

Trotzdem glaubt Rieder an die Zukunft der Bewegung: «Gerade wenn es der Wirtschaft eines Tages nicht mehr so gut geht, werden unsere Ideen wieder zum Tragen kommen.» Er verweist auf die mit der Talent-Idee verwandten Regiogeldinitiativen in Deutschland und Österreich, die aus der Antiglobalisierungsbewegung entstanden sind: Dort dient ein zwischen VerbraucherInnen, AnbieterInnen, Vereinen und Gemeinden vereinbartes Regiogeld als komplementäres Zahlungsmittel - Ziel ist die Stärkung der regionalen Wirtschaft. Auch das Regiogeld ist oft mit einer Umlaufsicherungsgebühr versehen. Im Gegensatz zum Talent ist Regiogeld aber laut Rieder in Euro oder Franken konvertibel.

Wenig vernetzt

Wie Gisèle Ory betont Rieder, der früher den Tauschkreis LETS leitete, die kleinräumige Wirksamkeit der Tauschgruppen. Die verschiedenen Deutschschweizer Tauschkreise hätten zwar informelle Kontakte unter sich und träfen sich auch einmal pro Jahr zu einer gemeinsamen Sitzung, doch das Thema einer zentralisierten Clearing-Stelle für überregionale Tauschvorhaben sei bis anhin auf wenig Interesse gestossen: «Es wäre, angesichts des zu erwartenden bescheidenen Resultats, ein zu grosser Aufwand, alle Angebote aller Listen auszutauschen.» Umso weniger überrascht, dass die SEL-Gruppen in der Westschweiz keine Ahnung von den Tauschkreisen in der deutschen Schweiz haben und umgekehrt.

So bleiben die Tauschkreise von Natur aus klein, aber fein. Heissen sie nun Ziitbörse Chur, Vazyt Winterthur, Talentbörse Bümpliz, Zytbörse Thun oder Scambio di Favori San Nazzarro, seien sie von Einzelpersonen, kirchlichen Kreisen oder einem Verband ins Leben gerufen worden: Ihre Ziele sind stets die gleichen. Sie helfen Kontakte zu knüpfen, die Distanz zwischen ProduzentInnen und KonsumentInnen zu überbrücken, die Entfremdung der Lohnarbeit zu überwinden, Talente, Fähigkeiten und Selbstvertrauen zu fördern. Das Wichtigste aber ist die Revolution im Kopf: Handarbeit und Kopfarbeit sind gleich viel wert, jeder und jede gibt, was er kann. Und erhält, was er braucht. Hat jemand etwas von Regenbogen gesagt?

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