Nr. 29/2006 vom 20.07.2006

«Für die Hisbollah geht es ums Überleben»

Die Hisbollah wusste genau, was sie tat, als sie die jüngste Krise provozierte, sagt Amal Saad-Ghorayeb.

Von Alfred Hackensberger

WOZ: Wie ist die Situation bei Ihnen momentan in Beirut?

Amal Saad-Ghorayeb*: Ich habe keinen Strom und mein Festnetzanschluss funktioniert nicht mehr. Meine Eltern sind mit meinen Kindern in die Berge geflüchtet. Gerade werden wir bombardiert. Die Lage scheint zu eskalieren.

Ich hoffe, Sie haben trotzdem den Nerv, einige Fragen zu beantworten.

Ja, kein Problem, solange nicht gerade eine Bombe auf unser Haus fällt.

Die Hisbollah hat zwei israelische Soldaten entführt. Hat sie sich dabei verkalkuliert und die Reaktion Israels unterschätzt?

Nein, das glaube ich nicht. Die Hisbollah wusste um alle Optionen und Konsequenzen der Entführung. Sie hat sich darauf vorbereitet. Ich bin überzeugt, dass ein israelischer Angriff ein Szenario ist, auf das die Hisbollah immer vorbereitet war. Am Freitag hat sie ein israelisches Kriegsschiff angegriffen. So etwas ist keine Zufallsaktion. Es gab und gibt eine militärische Strategie. Misskalkulation oder Unterschätzung würde ich das nicht nennen.

Israel hat so reagiert, wie die Hisbollah es kalkulierte?

Sehen Sie, die Hisbollah hat graduell reagiert, nicht sofort alle ihre militärischen Möglichkeiten ausgespielt. Hassan Nasrallah, der Hisbollah-Generalsekretär, hat erst vor zwei Tagen den «Krieg erklärt». Wenn er das sagt, kann man davon ausgehen, dass die Hisbollah die Kapazitäten dazu besitzt.

Wie weit wurde die militärische Infrastruktur der Hisbollah beschädigt?

Die Israelis haben zwar gesagt, sie hätten militärische Ziele angegriffen, aber bisher gab es nur zivile Opfer und die Zerstörung ziviler Infrastruktur. Meines Wissens ist nur ein einziger Hisbollah-Kämpfer getötet worden. Am Samstag wurden zwölf Menschen getötet, die aus dem Süden nach Beirut flüchten wollten. Darunter Frauen und Kinder.

Israel will die Hisbollah als Ganzes vernichten. Ist das realistisch?

Nein, das glaube ich keineswegs. Ich halte dies fast für ein lächerliches Unterfangen. Die Hisbollah ist keine kleine Organisation mit einem Mitgliederzentrum und verschiedenen Militärbasen, die man einfach zerstören könnte. Es ist eine Volksbewegung, die überall präsent ist. Waffen sind über das ganze Land verteilt und können jederzeit flexibel eingesetzt werden. Eine derartige Bewegung kann man nicht mit konventionellen militärischen Mitteln ausradieren.

Die israelische Führung wird sicherlich einen Plan haben.

Die israelische Regierung ist, meiner Meinung nach, sehr schwach, und das ist gerade das Erschreckende. Schwache Regierungen neigen dazu, mit den Muskeln zu spielen. Die israelische Regierung hat ihre mehr oder weniger spontanen Militäraktion im Libanon lanciert, ohne wirklich eine Ahnung zu haben, worauf sie sich da tatsächlich einlässt. Selbst politische Analysten in Israel beklagen das.

Welche Rolle spielen der Iran und Syrien?

Insbesondere der Iran ist ein Faktor, den die Israelis unterschätzt haben. Seit einiger Zeit gibt es eine intensive Koordination zwischen Hamas, der Hisbollah und dem Iran, wie sie vorher nie existierte. Dabei geht es um gemeinsame Strategien, informelle Absprachen, militärische Ausbildung und natürlich auch um Nachschubwege für Waffen. Syrien ist nur das Transitland für Lieferungen.

Iran zieht also die Fäden im Libanon?

Israel versucht, den Iran mit ins Boot zu ziehen. Vor zwei Tagen hat der israelische Geheimdienst behauptet, dass hundert iranische Elitesoldaten der Republikanischen Garde der Hisbollah beim Angriff auf das israelische Kriegsschiff assistiert hätten. Ich halte das für einen Versuch, den Iran zu kompromittieren. Man will damit Punkte bei den USA sammeln und gleichzeitig internationale Unterstützung bekommen.

Aber die Waffen der Hisbollah stammen aus dem Iran - inklusive der weit reichenden Raketen, die in der israelischen Hafenstadt Haifa eingeschlagen haben?

Ja, natürlich. Man kann davon ausgehen, dass der Iran alles aus seinen Waffenlagern geliefert hat, was man in Einzelteile zerlegt in den Libanon transportieren kann. Unter dem neuen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad wurde noch offenherziger und umfassender geliefert. Nicht zuletzt wegen der USA, die den politischen Druck auf den Iran erhöhten, was auch zu einem Verteidigungsbündnis zwischen Iran und Syrien führte.

Man kann also die Ankündigung von Hassan Nasrallah, dass es «weitere militärische Überraschungen» geben wird, für bare Münze nehmen?

Davon kann man ausgehen. Nasrallah macht in dieser Hinsicht keine leeren Versprechungen. In Israel ergab vor nicht allzu langer Zeit eine Umfrage, dass Israelis den Worten Nasrallahs mehr Glauben schenken als den eigenen Politikern.

Die libanesische Regierung erscheint in diesem Konflikt keine Rolle zu spielen.

Die Regierung erscheint viel schwächer als sie tatsächlich ist. Alles fokussiert auf die Hisbollah und Hassan Nasrallah ist der nationale Führer. Nach seiner Ansprache, unmittelbar nachdem die Israelis sein Haus bombardierten, jubelten sehr viele Menschen. Insbesondere als er den Krieg gegen Israel erklärte.

Hat die libanesische Regierung etwas von der geplanten Entführung der israelischen Soldaten gewusst?

Nein, ganz sicher nicht.

Wird es jetzt eine nationale Einheit der verschiedenen religiösen und politischen Fraktionen im Libanon gegen den «Aggressor Israel» geben?

Einige Politiker wie der Drusen-Führer Walid Dschumblat werden die Schuld auf die Hisbollah schieben. Die meisten werden jedoch eine Front gegen Israel bilden.

Hat die Hisbollah nichts von ihrem Ansehen und ihrer Rolle als Widerstandsbewegung verloren, obwohl das halbe Land wegen ihr zerstört wurde?

Es erscheint paradox, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Die Reaktion Israels hat vielen bewiesen, wie wichtig die Hisbollah bei der nationalen Verteidigung ist. Nur sie kann Israel die Stirn bieten. Es kommt jetzt natürlich darauf an, ob die Hisbollah tatsächlich in der Lage ist, militärisch etwas auszurichten, und clever genug, das für sich propagandistisch auszunutzen. Wenn ja, ist bewiesen, dass die Hisbollah in Zukunft unter keinen Umständen entwaffnet werden darf. Für die Hisbollah geht es bei diesem Konflikt ums politische Überleben. In einem Punkt hat sie allerdings bereits Recht bekommen: Die Reaktionen Israels sind unberechenbar und äusserst gefährlich.

Mit welcher Strategie wird die Hisbollah weitermachen, um ihr Überleben zu sichern?

Die Israelis sind aus dem Südlibanon 2000 nur abgezogen, weil sie zu hohe Verluste hatten. Heute wird ein grosser Teil der Bevölkerung Israels direkt durch die Raketen der Hisbollah bedroht. Zum ersten Mal müssen die Menschen in Bunker flüchten, erleben eine massive Bedrohung, wie sie sie nie vorher kannten. Der Konflikt findet nicht mehr vor der eigenen Haustür statt, er kommt ins eigene Wohnzimmer. Das ist die Macht der Hisbollah. Auf diese Weise könnte sich die öffentliche Meinung in Israel ändern und Politiker in Zukunft gezwungen werden, Konflikte nicht mehr bis zum bitteren Ende und um jeden Preis auszutragen.