Nr. 32/2006 vom 10.08.2006

Sind Flimser Betten kalt?

Interview: Sina Bühler

WOZ: Am Wochenende ist einer der berühmtesten Flimser gestorben, der Filmregisseur Daniel Schmid.
Thomas Ragettli: Mit ihm haben wir eine markante Persönlichkeit verloren. Jemand, der sich dem Dorf eng verbunden fühlte und gerne dessen Geschichten erzählte. Er ist hier aufgewachsen, im Hotel Schweizerhof in Flims Waldhaus. Das Haus ist heute noch im Besitz der Familie Schmid.

Das ist eines der ältesten Kurhotels in Flims.
Es waren Hotels wie der «Schweizerhof», die den Kurort zu dem machten, was er heute ist. Daniel Schmid hat dem Kurort Flims vor drei Jahren auch eine Ausstellung im «Gelben Haus» gewidmet: Mit «Flims – eine Gefühlskulisse» hat er die Atmosphäre der Anfänge der touristischen Entwicklung wunderbar nachgezeichnet.

Erzählen Sie von diesen Anfängen.
Diese liegen bereits 130 Jahre zurück. 1875 wurde im Waldhaus, einem Flimser Dorfteil, die «Kur- und Seebadanstalt Waldhaus» gegründet. Die Badeanstalt war am Caumasee, und das ist heute noch die Perle von Flims. Das «Kurhaus», die heutigen Park Hotels, wurde kurze Zeit danach eröffnet. Darauf entstand ein Hotel nach dem anderen und die Gäste reisten aus ganz Europa hierher.

Flims war ursprünglich ein Sommerkurort.
Genau, und zwar ausschliesslich. Denn anfangs waren die grossen Hotels gar nicht heizbar, deshalb blieben sie während des Winters geschlossen. Die Direktoren der besseren Hotels führten meist noch ein weiteres irgendwo im Süden, wo sie ihre Winterzeit verbrachten.

Und ab wann wurde Flims zur Winterdestination?
Mit den Weltkriegen kam eine touristische Durststrecke. Aber kurz danach wurde im Dezember 1945 die erste kuppelbare Sesselbahn Europas gebaut, die von Flims nach Foppa führte. Das war der Startschuss zum Wintersport. Das Skigebiet wurde dann kontinuierlich ausgebaut, und irgendwann konzentrierte man sich nur noch auf die Wintersaison.

Aber heute besinnt man sich wieder auf den Sommer.
Ja, seit ein paar Jahren. In der Wintersaison kann man kaum noch neue Gäste anziehen, man kann sie höchstens von den anderen Winterkurorten weglocken. Aber die Gründe, mit dem Flimser Sommer zu werben, sind ohnehin gut und seit über hundert Jahren gültig: Flims ist wunderschön und liegt klimatisch sehr günstig.

Sie werben gut, obwohl Sie nicht für den Tourismus verantwortlich sind.
Das stimmt, aber Flims lebt natürlich eindeutig vom Tourismus. Die Tourismusorganisation ist heute eine privatwirtschaftliche Gesellschaft. Das war zwar früher anders, aber heute gehört sie zum grössten Teil den hiesigen Bergbahnen und den drei Gemeinden Flims, Laax und Falera.

Und da denken Politik und Wirtschaft nicht immer gleich.
Ich denke, wenn man gesamtheitliche Lösungen anstrebt, dann profitieren schlussendlich alle Seiten. Da kann es halt hin und wieder auch zu Meinungsverschiedenheiten kommen.

Zum Beispiel bei der Bauplanung? In Flims wird ja über den Sommer immer ziemlich viel gebaut.
Man kann in Flims kaum von einem Bauboom sprechen. Das Dorf ist in den letzten zehn Jahren kontinuierlich, aber bescheiden gewachsen, und ich glaube, das ist eine gesunde Situation. Um unsere Feriengäste unterzubringen, brauchen wir nun mal Zweitwohnungen. Es sind treue und gute Gäste, die hier eine Wohnung besitzen oder mieten und jedes Jahr hierherkommen. Davon profitiert natürlich auch unsere Wirtschaft.

Die Flimser Betten sind also nicht kalt?
Bestimmt nicht so wie im Engadin, dort boomt der Zweitwohnungsbau auf eine wirklich ungesunde Art und Weise. Wenn unsere Gemeinde keine Neubauten mehr zulassen würde und kein Bauland mehr zur Verfügung stünde, würde die gesamte wirtschaftliche Struktur der Gemeinde zerstört.

Aber irgendwann kann nichts mehr gebaut werden.
Davon sind wir noch weit entfernt. Wir arbeiten heute noch mit Baulandreserven aus den achtziger Jahren, die ursprünglich bis Mitte der Neunziger hätten reichen sollen. Das heisst, Flims ist nicht verbaut.

Thomas Ragettli (59) sitzt für die FDP im Grossen Rat Graubündens und ist seit drei Jahren Flimser Gemeindepräsident. In seinem Dorf findet ab dem 18. September [2006] die Herbstsession der Eidgenössischen Räte statt.

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