Nr. 32/2006 vom 10.08.2006

Love, Peace und Fussball

Ein israelisch-palästinensisches Peace-Team sollte am Juniorenturnier in Bad Ragaz ein Zeichen setzen. Stattdessen wollten sie lieber Tore schiessen.

Von Carlos Hanimann, Bad Ragaz

Als Adolf Ogi mit gesenktem Blick ans Mikrofon trat, hatten sich die schwarzen Wolken am Himmel über Bad Ragaz bereits verzogen. Die Sonne strahlte am letzten Freitag, und Adolf und seine Freunde taten es ihr gleich. Und obwohl der Uno-Sonderberater eine frohe Botschaft zu verkünden hatte, begann er seine Rede ernst. Er nahm das Mikrofon in die Hand, hob sein Kinn an, löste seinen Blick vom Rasen und sah noch einmal nachdenklich in die Runde versammelter Fussballjunioren, bevor er ihnen andächtig in gutschweizerischem Englisch ins Gewissen redete: «The world is not in a good shape today. The world is not in a good shape.»

Am Fusse des Pizols, am Ausgang des Taminatobels, liegt der Ort Bad Ragaz, in Tourismusdeutsch Spa Village genannt. Die Gegend um Bad Ragaz bietet zahlreiche Ausflugsmöglichkeiten und gilt wegen der warmen Thermalquelle und der luxuriösen Hotels als Anziehungspunkt für GeniesserInnen mit dickem Portemonnaie. Mitten im Heidiland, etwas abgelegen von den schönen Grand Hotels Quellenhof und Hof Ragaz, die mit hauseigenem Zugang zur Thermalquelle und zum Golfplatz Fussballprofis wie diejenigen des FC Liverpool anlocken, liegt der Sportplatz Ri-Au. Hier spielten zwölf internationale Juniorenmannschaften um den 4. Swiss U-16-Cup.

Alt Bundesrat Adolf Ogi, am Wochenende in seiner Funktion als «Sonderberater des Uno-Generalsekretärs für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden» tätig, sprach andächtig und gewissenhaft, ernst und engagiert, englisch und deutsch. «We have not achieved the highest goal: a peaceful world. We have failed ... Die Politik hat versagt, die Wirtschaft hat versagt, die Wissenschaften haben versagt, die Religion hat versagt.» Und doch sei es der Turnierorganisation gelungen, ein Peace-Team nach Bad Ragaz einzuladen, lobte Ogi. Und dann folgte die frohe Botschaft: «Der Sport eröffnet einen neuen Weg zum friedlichen Zusammenleben. Sport is a universal language.»

Vor zwei Jahren beschloss OK-Präsident Hans-Peter Rothmund, dem erfolgreichen und international bekannten Fussballturnier für Junioren unter sechzehn Jahren eine neue Aufgabe zu geben. «Wir wollten mit dem Turnier auch Verantwortung übernehmen», sagte Rothmund an der Pressekonferenz. «Den Jugendlichen ein kleines Zeichen geben. Denn Sport bringt mehr als Waffen.»

Neben Mannschaften der internationalen Spitzenklasse (etwa Chelsea F.C., RSC Anderlecht, VfB Stuttgart, FC Basel) war dieses Jahr ein so genanntes Peace-Team in Bad Ragaz zu Gast. Neun Spieler aus Israel und neun Spieler aus Palästina bildeten die Friedensmannschaft, die dem Turnier «Verantwortung» geben sollte - und ausreichend mediale Präsenz.

Denn die meisten anwesenden MedienvertreterInnen in Bad Ragaz - und es waren nicht wenige - interessierten sich vor allem für das Peace-Team. «Eine israelisch-palästinensische Fussballmannschaft? Und das jetzt, in Zeiten des Krieges? Das gäbe doch eine schöne Geschichte ...», dachten sich wohl die Redaktionen und schickten ihre Leute ins Heidiland. Und so war es am Freitag, dem offiziellen Eröffnungstag des U-16-Turniers, etwas hektisch für die achtzehn Spieler des Peace-Teams. Fernsehkameras wurden auf sie gerichtet und JournalistInnen löcherten sie mit Fragen.

Vor allem der Palästinenser Isam Salah aus Ostjerusalem und sein israelischer Mitspieler Adam Karmyia waren gefragt. Sie gehörten zu den wenigen Spielern im Peace-Team, die Englisch sprechen. Ein Interview mit anderen Spielern war fast unmöglich. Ein Gespräch mit dem vierzehnjährigen Palästinenser Daud, der sich freute, an der Stelle von Adam ein Interview geben zu dürfen, verlief ungefähr so:

What’s your name?
Daud.
Where are you from?
Jericho.
What do you like in Switzerland?
It’s good here.
What do you think about the situation in Palestine?
... ähm, it’s good here.
... ?
(Schulterzucken) ... ähm, Adam?!

So landeten die JournalistInnen am Ende immer wieder bei Adam und Isam, die geduldig und ausführlich fast alle Fragen beantworteten. Sie freuten sich hier zu sein, Fussball spielen zu können und sich mit den besten Mannschaften Europas zu messen. Als ihre Vorbilder nannten sie Zidane und Eto’o. Irgendwann einmal wollen sie ihr Geld in den Top-Ligen Europas verdienen - weg vom Krieg. Sie waren begeistert von der schönen Aussicht, die man von den Schweizer Bergen hat. Und von den tollen Autos. Natürlich wünschten sie sich auch «peace for everyone».

Still waren sie nur, wenn man sie auf ihre Heimat ansprach. Auf die aktuelle Situation. Auf den Krieg. «Wir wollen nicht über den Krieg sprechen. Das spielt hier keine Rolle. Wir sind hier, um Fussball zu spielen. We are here for football», so lautete die immer gleiche Antwort.

An der Pressekonferenz am Freitag versuchten die Veranstalter ein anderes Bild zu vermitteln. Die Offiziellen des Turniers erweckten den Eindruck, das Turnier sei ein Friedensfest, der Auftakt zu einem interkulturellen Austausch. Uno-Sonderberater Adolf Ogi, FC-Basel-Präsidentin Gigi Oeri, OK-Präsident Hans-Peter Rothmund, Gal Peleg, Projektmanager des Peres Center for Peace, Klaus Tschütscher, Stellvertreter der Regierung des Fürstentums Liechtenstein: Alle hatten sie eine gemeinsame Botschaft: «Frieden für alle». Peace. Pace. Paix.

Es wurde ein bisschen gegen oben geprügelt an der Pressekonferenz und in den Eröffnungsreden, gegen die «classe politique», die nichts zustande bringe; man redete ja nicht einmal miteinander, hiess es. «Es scheint, dass die alten Männer den Weg zum Frieden einfach nicht finden können», war Ogis Fazit, und deshalb sei es an der Zeit, an einer neuen Generation zu arbeiten. An «einer Generation», die mit der Wundersprache Sport «in dreissig Jahren Frieden» schaffe. Es wurde mit Floskeln um sich geworfen, es wurde gelobt und gelächelt. Und zwischendurch waren alle so nett und friedlich miteinander, dass man glauben konnte, man sei an einem LSD-Liebesfest für Althippies.

Aber das war es nicht. Es war ein erstklassiges Fussballturnier mit erstklassigen Juniorenmannschaften. Ein Turnier mit Nachwuchstalenten, die vielleicht an der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika ihre Nationalmannschaften zum Titelgewinn schiessen werden. Ein Turnier, an dem unter den ZuschauerInnen auch der eine oder andere Talentsucher war. Und so tuschelten die Jungfussballer lieber über den ominösen Herrn im Anzug, der ein paar Worte mit dem Stuttgarter Stürmer wechseln wollte, als über die Mannschaft aus dem Nahen Osten. Wenn Spieler von Chelsea oder Stuttgart zu der israelisch-palästinensischen Mannschaft gingen, dann nicht, um sich über die Situation im Nahen Osten ein Bild zu machen. Nicht um zu fragen, wie etwa die Reise von Palästina nach Israel und schliesslich in die Schweiz war. Nicht um zu fragen, wie demütigend die Kontrollen beim Passieren der Checkpoints waren, um von Jericho ins Training nach Haifa zu gelangen. Das Einzige, was interessierte, waren die Resultate ihres Gegners. «How much, ähm, gegen Anderlecht?»

Von offizieller Seite hörte man immer wieder, wie wichtig der Austausch sei, wie gut er funktioniere und wie viel für die Völkerverständigung getan werde. Aber das Peace-Team war keine Mannschaft von Pazifisten, die in Bad Ragaz war, um eine Friedensbotschaft zu bringen. Die Wenigsten beschäftigten sich mit ihren Mitspielern. Israelis und Palästinenser blieben meist je unter sich, auch der Sprache wegen.

Sie wollten nur Fussball spielen, sich mit anderen Mannschaften messen, ein paar Tage den Alltag vergessen. Die ewige Fragerei vonseiten der JournalistInnen nach dem Krieg in der Heimat begann die Spieler zu nerven. Ein Satz beendete alle weiteren Fragen: «We are here for football, I told you before!»

Gal Peleg ist Projektmanager vom Peres Center for Peace in Tel Aviv und einer der zahlreichen Betreuer des Peace-Teams. Die Liste der Mitglieder des Internationalen Ausschusses des Peres Center ist illuster. Dabei sind emeritierte Politiker aller Länder wie Helmut Kohl, Valérie Giscard d’Estaing, Henry Kissinger, Michail Gorbatschow und Felipe González sowie reiche Männer wie Daniel Vasella, Klaus Schwab, Haim Saban und Lee Iaccoca. Gal Peleg war es, der die Mannschaft gemeinsam mit zwei Trainern (einem Palästinenser und einem Israeli) zusammengestellt, sich um die nötigen Bewilligungen für die Grenzübertritte gekümmert und sich bei israelischen Verantwortlichen dafür eingesetzt hatte, dass alle Palästinenser trotz geschlossener Grenzen nach Tel Aviv fahren konnten, um von dort aus in die Schweiz zu fliegen. An den Sportprojekten des Peres Center haben schon über 2000 palästinensische und israelische Kinder im Alter von sechs bis dreizehn Jahren teilgenommen.

Gleich wie seine Spieler vermeidet er es, vom Krieg zu sprechen oder von den Problemen bei der Vorbereitung auf das Turnier. Er verschweigt, dass zwei palästinensische Spieler nicht in die Schweiz reisten, weil deren Eltern die Teilnahme am Turnier untersagten. Das erfährt man erst aus Gesprächen mit den Spielern. Und auf die Frage, ob in der Mannschaft gemeinsam über die Probleme in der Heimat gesprochen wird, antwortet Peleg: «Wir versuchen, solche Diskussionen zu vermeiden. Wir sehen keinen Nutzen, darüber zu diskutieren.»

Was vom israelisch-palästinensischen Friedensteam bleibt, sind ein paar Versprechen und ein medienwirksamer Auftritt. Gespräche, Diskussionen oder wenigstens Informationen über die Situation in Israel und Palästina gab es im Heidiland fast keine.

Weder unter den Spielern noch unter den ZuschauerInnen. Viel hätte es nicht gebraucht, um die anwesenden ZuschauerInnen ein wenig über die Situation in Israel und Palästina zu informieren. Ein kleiner Stand, ein paar Tafeln mit Fotos und kurzen, erklärenden Texten hätten vielleicht schon gereicht, um die Aufmerksamkeit der

ZuschauerInnen und der Fussballspieler zu gewinnen, sie vielleicht sogar zu Diskussionen anzuregen. Stattdessen lockten die Organisatoren lieber die Medien mit Prominenten wie Adolf Ogi, Gigi Oeri oder Uli Stielike. Diese klopften sich am Freitag ein paar Mal auf die Schultern, versprachen «nachhaltige Folgeprojekte» und verkündeten eine frohe Botschaft. «Peace!»

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