Nr. 24/2008 vom 12.06.2008

No England, no problem?

Das Fussballfest läuft. Doch mit jedem portugiesischen und holländischen Sturmlauf wird auch hierzulande zahlreichen Fans die heulende Schande vor Augen geführt, dass die Hauptattraktion fehlt.

Von Marcel Elsener

Football is staying home. Und bei mir zu Hause läuft «Paintball Is Coming Home». Von Half Man Half Biscuit, mit der Aufforderung zum Ten-Pin-Bowling. Doch kein noch so lustiger Song der Liverpooler Ironieband vermag den Schmerz vergessen zu machen. Und auch alle mentalen Hasensprünge von der Art «So was nenn ich Splendid Isolation, ha!» verpuffen ins Leere. Die Leere, das sind Hunderttausende Festlandbildschirme ohne Rooney, das ist die Crying Shame, die, wie soll man sagen, schreiend heulende Schande, dass England nicht mitspielt. Unsäglich.

Die wahren Tränen

What a joke! Europa spielt Fussball und England nur Playstation, wie ein englischer Kroate auf der Zugfahrt nach Wien in ein BBC-Mikrofon grölt. Von England bleiben zwei himmeltraurige Bilder. Der erfolgloseste Trainer aller Zeiten, Steve McLaren, der sich im Spiel der letzten Hoffnung gegen Kroatien unter einem Schirm gegen den Regen schützt und am Ende dasteht als begossener Idiot der Nation. Und Terrys Tränen, mit denen sich das Mutterland des Fussballs von der europäischen Bühne dieses Sommers verabschiedete. John Terry, der Bilderbuch-Engländer und Captain von Chelsea, Terry, wie er ausgleitet beim entscheidenden fünften Penalty, ausgleitet auf dem frisch ausgelegten Naturrasen in Moskaus Kunstrasenstadion und auf seinen Hintern fallend nur den Pfosten trifft; Terry, wie er weint wie ein untröstlicher Schlosshund, und das nicht nur wegen ihm und Chelsea, sondern, todsicher, auch wegen England. It's a crying shame. Eine Woche später macht ihn sein neuer Nationaltrainer Fabio Capello fürs Testspiel gegen die USA (2:0) zum Captain, um «ihn aufzubauen». Aber die Terry-Witze reissen nicht ab: Welchen Song hört Terry vor dem Spiel? Born Slippy! Und kennt ihr schon den neuesten Wodka? J.T. - produced in England, bottled in Moscow. Haha, selten so gelacht.

Terrys Tränen in der Nacht vom 21. Mai, am Ende des englisch-englischen Champions-League-Finals zwischen Chelsea London und Manchester United, besagten bauchschlaggenau, wie es wäre, wenn England in der Schweiz und Österreich mitspielen würde. Kein Zweifel, die Three Lions würden wieder im Penaltyschiessen ausscheiden, das ewige Drama, in dem Lampard, Gerrard und Carragher, als sie 2006 im WM-Viertelfinal an Portugals Ricardo scheiterten, nur das letzte Kapitel schrieben. England-Fans bitte kurz wegschauen: Stuart Pearce 1990 an der WM gegen Deutschland, Gareth Southgate 1996 an der EM wieder gegen Deutschland, David Batty 1998 an der WM gegen Argentinien. Das Traumabuch «On Penalties» mit der schmerzverzerrten Visage Battys gehört nicht zu den Lichtblicken in meinem Gestell.

Spätestens hier wäre das F-Wort angebracht. Aber seis drum. Lieber die Schmach im Vorspiel als das Nervendrama im Hauptakt. Als Mladen Petric im Wembley mit seinem übermütigen Linksschuss in die weite Ecke Englands Ausscheiden besiegelt hatte, fiel einem noch in der ersten ohnmächtigen Wut ein Tonnenstein vom Herzen: Oh ja, dies würde eine rundum entspannte EM werden, einfach nur Fussball schauen ohne jede nervtötende Anspannung, ein Schaufest ohne Bauchschmerzen, und das Penaltydrama nur für die andern, die Russen meinetwegen. Mittlerweile schauts ja ganz so aus, als würden die Russen nicht nur den englischen Klubfussball übernehmen, sondern auch die Hauptstadt; wenn der Bürgermeister Boris heisst, dann gute Nacht, aber das ist ein anderes Kapitel, wie das bei weitem höchste Salär für den Nationaltrainer - sechs Millionen Pfund für einen Italiener, nachdem der Schwede und der Regenscheue mit goldenen Fallschirmen verabschiedet wurden, die allem spotten, was mal den fairen englischen Spirit ausmachte.

Zum Lange-Nasen-Machen

Anfang Juni erst hatte sich die englische Presse mit der Abwesenheit abgefunden, nachdem sie bis zuletzt alle Spielarten zynischer Hoffnung trainiert hatte. Lange war ein Turnier im Gespräch gewesen, Inselmannschaften unter sich, ein Antiturnier des inneren Commonwealth, aber darüber schwebte das Loserimage. Die besten Fussballkolumnisten, wie der «Sportswriter of the Year» Martin Samuel von der «Times», hatten sich die Finger wund geschrieben mit Trost und surrealistischen Szenarien, wie England doch noch an die EM gelangen könnte. «Alles, was wir brauchen, ist ein beschränkter Krieg in Europa», brachte Samuel die naheliegendste Möglichkeit ins Spiel, «ein kleiner Konflikt, die Norweger zu Schwierigkeiten in Skandinavien anstacheln, oder irgendetwas temporär Hässliches im Süden, wo die Türkei und Griechenland stets eine Gelegenheit für ein paar Ohrfeigen suchen.» 1992 waren die Dänen anstelle der in den Krieg verwickelten Jugoslawen vom Strand weg an die EM engagiert worden - und hatten erst noch den Pokal geholt. Capello müsse nicht mal ein neues Team aufbauen, begeisterte sich Samuel; immerhin seien im Final der besten Klubteams Europas zehn Engländer auf dem Platz gestanden. Zehn, fast elf!

Eine Woche später gab auch der «Sportswriter of the Year» klein bei: «No England? No problem. Relax and enjoy», schrieb er und schlug vor, sich entspannt ein Land zu wählen. Englands Fussball sei sowieso vertreten, nur halt nicht im nationalen Sinne. Beispielsweise spielten mehr Arsenal-Spieler im Schweizer Team als für England, Liverpool stelle gleich vier Spanier, und ein Tottenham-Fan freue sich bestimmt auf den Kroaten Modric. Ganz England fragte sich, wer denn nun die Unterstützung verdiene. Pragmatiker setzten, die 600 000 PolInnen im Land bereits in Bierumsatz rechnend, auf Polen. Derweil der «Guardian» in einer Onlineumfrage ein überraschendes Resultat ermittelte: 96 Prozent stimmten für Holland, gefolgt von Spanien (2 Prozent). Keine schlechte Wahl, wie wir am Montag gesehen haben, und erst noch eine zum Lange-Nase-Machen mit den Premier-League-Vertretern: Seht her, Italiener, wie gut einem Van der Saar oder Kyut die beste Liga der Welt bekommt!

Kroatien. Wer denn sonst?

Meinerseits bin ich ja klar für die Kroaten. Nicht aus Masochismus oder wegen Lieblingen wie diesem Prachtskämpfer Olic, sondern darum: Wer England im Wembley rauswirft, muss verdammt noch mal Europameister werden. Wer denn sonst? Mit diesem Trotz und im Alan-Shearer-Nati-Trikot laufe ich zum Kroatienmatch sonntags in eine der wenigen englischen Fussballhochburgen dieses Landes - ins Pickwick-Pub in der Basler Steinenvorstadt. Keine gute Idee - im Pub, wo sonst fast jedes Ligaspiel Platznot verursacht, verlieren sich zwei Handvoll Typen. Die einzigen waschechten Engländer sind drei grauhaarige Herren vom Typ Billy-Elliotts-Minenarbeiter-Vater, die hinter ihrem Tetley's wortlos in eine BBC-Sendung namens «Songs of Praise» starren und kirchlichem Chorgesang lauschen. «Seid ihr komplett übergeschnappt?», begrüsst ein Neuankömmling die Runde. Trockene Antwort: «We have to save our souls.» Als dann doch noch die Matchübertragung beginnt - mit Studiogast Shearer -, frage ich die Herren, wen sie nun ersatzweise unterstützten. Müdes Schweigen, Einsilbigkeit: Portugal, sagt einer, weil sie die Besten seien. «Irgendjemanden», meint ein anderer, «und sonst nur das Spiel.»

«Nur das Spiel» ist einstweilen eine gute Antwort zur Seelenrettung in diesen Tagen. Ansonsten bleibt dem England-Fan viel Zeit für grosse Fragen. Zum Beispiel für jene, die sich Tim Adams im «Observer» auf dem Flug mit Fabio «Eisenfaust» Capello nach Lesotho stellt: «Wann genau wurde der englische Nationaltrainer zu einer vollkommen surrealistischen Figur?» Mit dem pseudokumpelhaften Steve McLaren, dem sex- und geldgeilen Sven-Göran Erikkson, dem eso-religiösen Glenn Hoddle oder doch schon mit Don Revie? Und prompt treten in der BBC mythische Helden auf wie Gary Lineker, der «immer guter Hoffnung ist, auch wenn wir vielleicht warten müssen, bis wir als Gastgeber eine bessere Chance haben». Das wäre dann bis zur WM 2018. Ohnehin ist für den Patienten England «Be patient!» die Losung der Stunde: «Es passiert nicht über Nacht, aber wir bewegen uns in die richtige Richtung», sagte Steven Gerrard jüngst nach dem Testspiel gegen Trinidad und Tobago (3:0). Über Nacht ist ja wohl Anfang September, wenn in den WM-Qualifikationsspielen wiederum Andorra und - ach! - Kroatien warten. Bis dahin bleibt die entspannt neutrale Freude am Spiel, und ein wenig tröstende Musik.

Paintball Is Coming Home. Oder für all jene, die an eine sicherheitspolitische Verschwörung glauben: «Kicker Conspiracy» von The Fall. Und, sehr erbaulich, «Spirit of '66» von Serious Drinking: «We're gonna win the World Cup, again ...» So, schönen Juni noch! Rooney wär Torschützenkönig geworden, verdammt!

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch