Nr. 21/2015 vom 21.05.2015

Einmal an der Spitze Europas

Pedro Lenz über eine nostalgische Begegnung auf einem georgischen Hotelbalkon

Von Pedro Lenz

Die meisten Flüge aus Westeuropa erreichen Tiflis in der Nacht. So lande ich am vergangenen Montagmorgen um 3 Uhr Ortszeit in der Hauptstadt Georgiens. Ein Fahrer bringt mich über die George-W.-Bush-Autobahn in die Innenstadt, und um 4 Uhr in der Frühe rauche ich mit dem Gehilfen des Nachtportiers auf dem Balkon meines Hotelzimmers eine georgische Zigarette. Der Mann spricht ein bisschen Englisch, ich selbst nicht viel mehr: «The cigarette is good.» – «It is a Georgian cigarette.» – «A good cigarette.» – «Yes. Good.»

Ich bin müde von der Reise, und er ist müde von der Nachtschicht. Trotzdem bleiben wir auf dem Balkon stehen und schauen auf die Stadt, die unter uns liegt. Auf einmal – ich will dem Mann gerade andeuten, dass ich schlafen gehen möchte – fragt er vollkommen unverhofft: «What country are you from?» – «Switzerland.» – «What football club in Switzerland?» – «Young Boys.» – «No, not boys, men. I mean senior club, club of men.» Ich versuche das Missverständnis aufzuklären, versuche dem Georgier, den ich seit fünf Minuten kenne, klarzumachen, dass die Young Boys sehr wohl Männer sind und seit bald 120 Jahren diesen Klubnamen haben. Bis heute weiss ich nicht, ob er es verstanden hat. Als ich ihn dann nach seinem Klub frage, strahlen seine Augen. «Dinamo Tbilisi. European Champion in 1981.»

Vor dem Einschlafen denke ich an diesen Namen, der in meiner Kindheit seine Magie bis nach Langenthal ausgestrahlt hat. Dinamo Tiflis war mal eine der ersten Adressen im sowjetischen Fussball, mehrfacher sowjetischer Meister und Cupsieger, international bekannt für schnellen und technisch feinen Fussball. Das sind Russen, dachten wir Buben in Unkenntnis der geografischen Details, wenn wir sie im Fernsehen europäisch spielen sahen. Im Achtelfinal des Uefa-Cups 1977/78 verloren die Grasshoppers in Tiflis mit 0 : 1. Das sei gar nicht so schlecht, gegen die Russen nur 0 : 1 zu verlieren, erklärten die älteren Kollegen, die so taten, als würden sie etwas vom europäischen Fussball verstehen. Im Rückspiel schlugen die Grasshoppers dann die vermeintlichen Russen mit 4 : 0. Der Sieg wurde gefeiert, als hätte es die kleine Schweiz dem Sowjetimperium gezeigt.

Nur wenige Jahre später qualifizierte sich Dinamo Tiflis mit Siegen gegen West Ham United und Feyenoord Rotterdam für den Final im Europacup der Cupsieger. Dort schlugen sie am 13. Mai 1981 den FC Carl Zeiss Jena aus der DDR mit 2 : 1. Zum Endspiel, das in Düsseldorf ausgetragen wurde, waren keine 5000 Zuschauer ausgereist. Das lag nicht am mangelnden Interesse in Georgien oder Jena, sondern am Umstand, dass damals kaum jemand aus der UdSSR oder der DDR in den Westen reisen durfte.

Der Gehilfe des Nachtportiers, der mir am frühen Montagmorgen Anfang dieser Woche auf einem Balkon mit Blick auf die Lichter der Stadt Tiflis vom Europacupsieg seines Fussballklubs erzählt, ist 1981 bestimmt noch nicht auf der Welt gewesen. Aber er kann mir die Aufstellung seiner Mannschaft jenes Finalabends vor 34 Jahren aufsagen, als handle es sich um ein Gebet.

An einen davon, Aleksandre Tschiwadse, erinnere ich mich selbst noch, weil er an den Weltmeisterschaften 1982 und 1986 für die Sowjetunion im Einsatz gestanden hatte. Der schnauzbärtige Georgier spielte in der Nationalmannschaft der UdSSR in der Abwehr und hielt dem unvergessenen Oleg Blochin aus Kiew jeweils den Rücken frei.

Dinamo Tiblisi sei «top of Europe» gewesen, erklärt mir der Mann auf dem Balkon nun begeistert und deutet mit der Hand zum Himmel. «A Georgian football club on the top of Europe. You understand what that means?»

Ja, ja, ich verstehe es. Und nachdem ich nun dieses kleine Land ein klein wenig kennengelernt habe, glaube ich sogar zu verstehen, warum es dem Gehilfen des Nachtportiers im Hotel Betsy von Tiflis so wichtig ist, diese Tatsache mehrmals zu betonen.

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Den georgischen Fussball hatte er aus weltpolitischen Gründen während mehrerer Jahre aus den Augen verloren.

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