30.01.2003

Stille Tage in Davos

Das Wef: Minister, Könige, Manager, Experten, Krieg, Frieden und Gratiskaffees.

Von Constantin Seibt

«The better you look, the better you see.»
Bret Easton Ellis, «Glamourama»

Grossartig sah ich aus. Ich hatte ein gesamtes Monatsgehalt am Körper, einen perfekt sitzenden, brandneuen Kaschmir-Flanell-Anzug, brandneue Business-Schuhe und über dem hungrigen Bauch ein wunderbar teures Hemd.
Auf diesen Bauch warteten einige Dutzend Gratissandwiches, Gratis-Coca-Colas, Gratiskaffees, Gratisgebäckstückchen, Gratisweine, Gratiscocktails: Free food, free drinks, free press. Und daneben wartete eines der exklusivsten Spektakel der Welt: die Aussicht auf die Klärung der Fragen, was in Sachen Terrorismus, Politik, Wirtschaft und sonst noch auf der globalen Agenda stand.
Und es wartete die Prominenz: ein Blick auf einen erstaunlich knochigen, erstaunlich nervös rauchenden Marcel Ospel, ein warmer Händedruck eines erstaunlich verfetteten Joe Ackermann, eine Massenaudienz des Königs von Jordanien, ein Umtrunk auf Kosten von Steve Forbes, ein Vortrag von Lula, ein nächtlicher, verwirrter Gruss des Bundespräsidenten Pascal Couchepin.
In einem Wort: Mir standen vier der langweiligsten Tage meines Lebens bevor.

Gelée Royale

Das Zauberhafteste, wenn man mit Wef-Badge durch das verschneite Davos geht, sind die Polizisten und die Festungswächter. Sie grüssen alle. «Bonsoir!», «Bonjour», «Good evening», «Achtung! Hier ist es glatt!», «Good morning!», «Grüezi» und sogar «Hoi!». 3000 Polizisten sind plötzlich wie durch Zauberhand 3000 Schäferhunde: Sie umwedeln und schützen dich.
Und sie töten dein Gehirn. War es die Deeskalationstaktik der Behörden? Die Müdigkeit? Der Anzug? Das Wetter? Oder einfach nur der Badge? Jedenfalls gleitest du dahin wie auf Schienen, du nimmst jeden Checkpoint mit einem Lächeln (für den du sonst einen Panzer gebraucht hättest). Im Augenwinkel sind überall Domestiken: Serviermädchen, Bodyguards, Garderobieren, Kellner, Fahrer, Portiers, Einheimische – sie schenken dir Essen, Trinken, Garderobenmarken und ein Lächeln. Ohne Badge ist Davos ein Agentenfilm mit 3000 Feinden; mit Badge ist Davos ein Leben wie im Gelée.
Im Kongresszentrum, fensterlos, klimatisiert, die Bienen und ihr endloses Summen. Überall, auf Monitoren, Taschen, tausendfach an den Wänden das blauweisse Logo des World Economic Forum: Angeblich sorgt Wef-Gründer Professor Schwab persönlich dafür, dass kein Foto ohne Logo entstehen kann. An den ersten Tagen hört man noch die Fotografen fluchen: Es gibt kein anderes Sujet als einen Talking Head im Anzug oder wahlweise zwei, drei oder hundert von ihnen. Dann, gegen das Wochenende hin, wird es ruhiger: Sie haben resigniert. Es gibt kein Bild aus Davos.
Es gibt auch keine Story. Zwar stehen alle möglichen Dreiviertelberühmtheiten herum – ein fast zu gutes Fressen für JournalistInnen –, aber, zur Hölle, ich weiss es nicht, ob es mein Unvermögen ist oder nicht, man hört keinen vernünftigen Satz: Ob seine Exzellenz König Abdullah von Jordanien, der Grossmufti von Bosnien, Matthis Cabiallavetta oder Steve Forbes, ob am Handy oder zu zweit, man hört kein anderes Gespräch als: «Good to see you, George», «How do you do?», «I'm staying at the 'Seehof'», «What are you doing tonight?», «Excellent!», «You too here?», «Brilliant!», «See you later!», «Bye!», «Good to see you, Mike!»
Die letzte Fassade der World Global Leaders ist die glatteste. Das Wef hat einen ausgezeichneten Schutzmechanismus gegen jede Neugier: unter anderem den, dass alle an den Handys hängen, Interviews kurz sind und JournalistInnen – sofern sie keine Chefredaktoren oder VerlegerInnen sind – keinen Zutritt zu kleinen Panels haben – und vor allem keinen Zutritt zu den Abendessen, bei denen jemand neben einem am Tisch zwangsplatziert wäre. Es bleibt einem nur das Melken gleichförmiger Statements viel zu berühmter Leute und die Flucht in die Hölle.

Kalter Kaffee und Gratis-Kaffee

Die Hölle – ihr Name ist Panel und ihr Ort die Empore des Kongresszentrums. (In den Saal selbst dürfen keine Reporter.) Von dort aus sieht man die verschiedensten Leute über beliebige Themen referieren: «Stumbling Blocks on the Road to Europe», «How the Fight against Terrorism Will Change the World», «A Briefing on the Situation on the Korean Peninsula», «Bridging Divides», «China Looks Ahead», «Dialogue with the President of Mexico», «Putting the Japanese Economy Back on Track», «Improving Transatlantic Relations» etc. etc.
Es sind entweder 15-Minuten-Happen für zwei Personen oder 105-Minuten-Portionen mit acht bis neun Leuten – und sie fallen unter die Folterkonvention. Kein Schwein vorne kann in dem Rahmen auch nur ansatzweise etwas Sinnvolles äussern. Und kaum ein Schwein versucht es. Und noch schlimmer: Kaum ein Schwein wäre dazu in der Lage.
Heizo Takenaka, japanischer Finanzminister: «We are deeply concerned about the state of the Japanese economy, and we know we need reforms.» Professor Schwab: «We (dauernd dieses Wir!) try not less than changing the direction of the world.» Abdullah, König von Jordanien: «We have to share a vision: bridging the world divides.» Der Chef von Boeing: «When we talk about transatlantic relationships, I think we must talk about the media, too.»
God bless the media! Mitschreiben ist eine grauenhafte Arbeit: Man hat das Notizbuch voller angefangener Sätze, weil man ihr Ende vergisst, während man noch den Anfang notiert. Was zur Hölle macht diesen Idioten eigentlich Spass dabei? Drei Viertel aller Statements – von Konzernchefs, von Politikern, von Experten – wären vollkommen computerisierbar: «The world», «business», «economy», «Siemens» oder «Japan». – «acts», «provides», «is concerned about ». – «chances», «opportunities», «challenges», «threads» – «of Japan», «of Siemens», «of terrorism», «of the world».
Es gibt – ungelogen! – nicht den geringsten Sinn dahinter: eine selbstlaufende Maschine, die beliebig langen Unfug generiert. Kein Beispiel. Kein Witz. Keine einzige Idee. Nur endlose, bandwurmartige Folter. Vor dem Forum war ich überzeugt, dass dies die Privatsprache des Wef-Gründers und Schleimbeutels Professor Schwab sei. Sie ist es leider nicht – er ist nur der konsequenteste Irre in seinem Haus. Was zum Henker soll der Nonsens? Was finden Leute – viel beschäftigte Minister und CEOs – an diesem Wir-müssen-uns-der-Herausforderung-stellen-und-Brücken-schlagen-Quark? Das Konkreteste, das zitiert wird, sind Prozentzahlen – das Wirtschaftswachstum von Entenhausen betrug 0,8 Prozent – und Umfragen: 76 Prozent aller CEOs erwarten keinen Aufschwung; 78 Prozent aller Franzosen, Ladys and Gentlemen, antworten auf die Frage, was sie an Amerika schätzen würden, mit: «Nichts.» Dieser Herausforderung müssen sich die amerikanischen Staaten stellen! (Wenn Sie mir nicht glauben, dass das Wef derart schwachsinnig ist, dann bringen Sie mir bitte ein einziges interessantes Interview, ein einziges nicht schon anderswo getätigtes Statement aus der Das-gibts-nur-am-Wef! schreibenden Tagespresse in die WoZ: Ich lade Sie dann zum Kaffee ein.)

Wer Makroökonomie betreibt

Also: Was zum Henker soll der Zirkus? Diese Frage wurde nicht – und von niemandem beantwortet. Auch nicht indirekt: Kein einziger von der WoZ befragter Teilnehmer von irgendetwas am Wef überrascht – mit Ausnahme einer südafrikanischen Aids-Aktivistin: «Der Schnee», sagte sie, «der Schnee hat mich und uns alle von Südafrika hingerissen. Wir haben noch nie so etwas gesehen. Das ist ehrlich grossartig.»
Am brauchbarsten war noch die Erklärung des Internet-Pioniers und Venture-Kapitalisten Joichi Ito: «Nun», grinste er, «ich hänge hier in der Halle herum und treffe Leute. Bei dem Treffen der Global Leaders of Tomorrow in Genf war es noch anders: Dort sind alle unter 37 – und die Hälfte der Leute sind brauchbar und subversiv. Hier in Davos, nun, sind die älteren Leute, die eigentlich nicht mehr wirklich im operativen Geschäft sind – sie sprechen also gerne über Makroökonomie oder 'building trust', haha. Mein Interesse sind nur die Panels, auf denen ich selbst rede. Der Trick ist, entweder auf dem Podium zu sein – oder ganz vorne zu sitzen, dass dich jeder sehen kann, und eine böse Frage zu stellen, haha. Dann sprechen dich die Leute beim Herauslaufen an. Ohne eigenes Panel wäre ich nicht hier.»

Ein Hauch von Krieg

Die besten Redner waren die Amerikaner. Sie waren mit fünf Ministern da, sprachen knapp, vergleichsweise klar und bemerkenswert im Stil von amerikanischen «Keep away from this area»-Bullen auf Patrouille: «They don't respect freedom. They break the law. They must be stopped.» (So etwa Justizminister Paddy Ashcroft über al-Kaida.) Dem Ranghöchsten von ihnen gelang auch der einzige halbwegs gute Witz der Veranstaltung. «Henry Kissinger hat sein Buch über das transatlantische Verhältnis 'Eine schwierige Beziehung' genannt. Später fand Henry den Titel nicht mehr so gelungen. Weil die Buchhändler ihn in das Regal mit Eheberatungsbüchern stellten.» Dies war Colin Powell – in der grossen, viel beachteten Rede des diesjährigen Wef. (Die Reporter mussten ihre Empore räumen, um den Wef-Mitgliedern Platz zu machen, und sahen in einem separaten Raum dasselbe wie alle TV-Zuschauer: eine Übertragung.) Trotzdem fühlte es sich historisch an: Die durchaus glänzende Rede roch nach Krieg – und man war beinah live dabei. (Allerdings hatte Powell alles Wesentliche bereits tags zuvor im Interview mit der «Financial Times» gesagt: «The issue is not inspectors. The issue is Iraq.»)
Der Krieg – und seine mögliche Verhinderung – liess das Kongresszentrum und die Wef-Verantwortlichen schon Tage zuvor besorgt-begeistert-erregt summen: «Die 'Tagesschau' hat gesagt, es gehe hier darum, dass man Powell sagt, man wolle den Krieg nicht, haha», sagte der Wef-Informationsverantwortliche Franz Egle jedem Journalisten, der es hören wollte (also auch mir). «Das weiss der Powell doch schon so. Das, worum es hier geht, ist, dass der Amr Moussa von der arabischen Liga Druck macht, dass man Saddam im letzten Moment noch ins Exil schicken kann. Hinter den Kulissen laufen die Verhandlungen heiss. So etwas ist nur hier möglich! Das gibt es nur am Wef!»
Ebenso summte der Kongress. Die Schwab-Gattin Hilde: «Ich weiss aus zuverlässiger Quelle, dass die Amis das Zeitfenster gar nicht einhalten können! Es gibt keinen Krieg, Sie werden sehen.'» Der Union-Leader Fred Higgs: «It's clear: They will start the war.» Der Amerikanische-Aussenpolitik-Kommentator Nicholas Berry: «Mr. Bush and his ministers will get a very clear message from Davos: Don't go to Iraq!» – Der Milliardär Steve Forbes: «Wir werden diesen Krieg machen. Auch wenn es Bundespräsident Pascal Couchepin nicht passt.» – Etcetera.
Gemeinsam war allen diesen Statements: Die Erregung, dass es etwas zu diskutieren gab und dass «Davos» mehrheitlich auf der Seite des Friedens stand. «Mr. State Secretary», sagte ein Bankchef zu Powell: «Wir haben ein Problem. Wenn Sie einen Mann hängen wollen, so übel er auch ist, brauchen Sie Beweise. Wo sind die Beweise? Wenn wir sie haben, werden wir Ihnen gerne in den Krieg folgen!»
Da war es wieder: das kaum wegdenkbare Wir. Wir müssen die Weltwirtschaft stabilisieren, Deutschland revitalisieren, Afrika eine Chance geben, das transatlantische Bündnis neu definieren.
Der Rest war das schlechteste Entertainment der Welt. Weitere Vorträge. Präsidenten, die – angeführt vom eitelsten Menschen dieses Universums, Professor Schwab – in einer Traube von Bodyguards in endlosen Schleifen durch das Zentrum dirigiert wurden, dann von dem schrecklichen Wef-Gründer schleimigst interviewt wurden («Excellency! You're one of the most trusted and admired statesmen of the world!»), artig «Reformen» versprachen und «Investitionen» erbaten (so der japanische Finanzminister oder Mexikos Präsident Fox) beziehungsweise erflehten (der kolumbianische Präsident Uribe, der jordanische König), dann ermüdende Nicht- oder Kurz- oder Nonsensinterviews (Joe Ackermann zur WoZ: «Vielleicht später»), abends ebenso uninteressante Partys, kein einziger Funke eines Gedankens. Und das vier Tage lang.
Nachts um drei ging ich nach Hause. Es war niemand mehr auf der Strasse als ich, der Schnee und die fast reglosen Bullen, die grüssten. Ich dachte daran, dass ich vier Jahre hinter dem Wef herrecherchiert hatte. Und das dies meine einzige Chance war, es von innen zu sehen. Und dass ich so weit gekommen war wie nie zuvor und so grossartig wie nie zuvor aussah.

Und dass ich gescheitert war.

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