Nr. 42/2006 vom 19.10.2006

Eroberte Fabriken

Statt vor geschlossenen Fabriktoren zu resignieren, entdecken ArbeiterInnen im ganzen Land die Selbstverwaltung.

Von Jürgen Vogt, Buenos Aires

Schokolade, Vanille und Dulce de Leche - es duftet nach Glace. Vierzig VertreterInnen von den «Fabricas Recuperadas», den zurückeroberten Fabriken, haben sich bei ihren KollegInnen von der Glacefabrik Ghelco versammelt. Zusammen wollen sie vor dem Kongressgebäude in Buenos Aires die Öffentlichkeit informieren - und Druck auf den Senat ausüben. Denn dieser ist die letzte Hürde auf dem Weg zur Reform des Konkursrechts, das Fabrikbesetzungen legalisieren und die Belegschaft bei einem Firmenkonkurs den KreditgeberInnen gleichstellen soll.

«Die Genehmigung für die Informationsstände liegt vor. Kommt in Arbeitskleidung und bringt alles mit, was ihr vorzeigen könnt», sagt Luis Caro, der Präsident der nationalen Bewegung der ArbeiterInnen, die «ihre» Fabriken nach dem Bankrott wieder flottgemacht haben. In Argentinien gibt es gegenwärtig etwa 120 Fabricas Recuperadas, davon sind 80 in einer nationalen Bewegung zusammengeschlossen. Dazu gehören etwa Metallfabriken, Motorenwerke, ein Krankenhaus und eine Zeitung.

Ignacio Gallo von der Fabrik Cristales San Justo, einer Produktionsstätte für Autoteile, lächelt. Soll er bei den Ständen wirklich Autoscheinwerfer auslegen? Die Erfolgsgeschichte der Kooperative begann vor vier Jahren. Doch zuerst kam im Jahr 2001 der Zusammenbruch, parallel zum Kollaps der argentinischen Wirtschaft. Über Nacht war die Fabrik stillgelegt worden, der Besitzer tauchte nicht wieder auf. «Im September 2002 haben wir die Fabrik wieder in Betrieb genommen, mit der Erlaubnis des Richters», sagt Gallo. «Doch vorher mussten wir Papierkram erledigen, um die Kooperative zu gründen.» Mittlerweile hat die Provinz Buenos Aires die Fabrik offiziell enteignet und den ArbeiterInnen übergeben. Doch noch hat die Kooperative sie nicht gekauft.

Mit vierzig MitarbeiterInnen haben sie angefangen, heute arbeiten hier 54 Personen. Alle erhalten den gleichen Lohn, 2000 Pesos monatlich (etwa 800 Franken). Von Montag bis Freitag wird täglich neun Stunden gearbeitet. Einmal im Monat ist Betriebsversammlung. «Uns geht es besser als im vergangenen Jahr», sagt Gallo. «Wir arbeiten hart und suchen ständig nach neuen Absatzmöglichkeiten im Ausland.» In Frankfurt fand im September die Automechanika statt, die Internationale Messe der Automobilwirtschaft mit 4500 AusstellerInnen aus 70 Ländern. Mit dabei war Cristales San Justo - Cooperativa de Trabajo als weltweit einzige Fabrica Recuperada.

Der Anfang

«Angefangen hat alles im August 2000», erinnert sich Luis Caro: In Avellaneda machten - wie an vielen Orten im Land - die Fabriken dicht. Die Stadt liegt in der Provinz Buenos Aires, in einer Gegend mit viel Industrie. Unternehmen mit 1000 oder 1500 ArbeiterInnen waren hier keine Seltenheit.

Caro war damals Delegierter der Sozialpastorale der katholischen Kirche, seine Frau arbeitete in der Kommunalverwaltung. Die ArbeiterInnen aus den stillgelegten Betrieben gingen zur Kommunalverwaltung und fragten um Rat. Caros Frau schickte sie zu ihrem Mann. «Ich hatte bereits Erfahrungen mit Kooperativen gemacht», sagt Caro. «Viele Menschen besetzten damals brachliegendes Gelände und bildeten eine Hausbaugenossenschaft. Der Staat enteignete das Gelände und übergab es den Besetzern. Bei den Fabriken wollten wir gleich vorgehen.»

Allerdings konnten sich die ArbeiterInnen anfänglich eine autonome Lösung gar nicht vorstellen. Caro: «Sie glaubten, dass ein neuer Besitzer ihre Fabriken übernehmen würde.» Auch die PolitikerInnen und die Gewerkschaften nahmen diese Haltung ein. «Alle waren damals der Meinung, Kooperativen würden nicht funktionieren.» Doch schon im Frühling 2001 hatten vier Fabriken wieder mit der Produktion begonnen. Und Ende 2001 waren es bereits dreissig. Diese Entwicklung führte schliesslich zu einer nationalen Bewegung.

Selbstverwaltung ist lernbar

Aufgeräumt und verlassen wirkt La Forja, die ehemals zweitgrösste Schmiede des Landes. Vor dem Eingangstor döst ein Hund. In der Metallfabrik in San Martin waren einst 450 ArbeiterInnen mit der Produktion von Motorteilen beschäftigt, heute sind es noch dreissig. «Wir nannten uns la segunda forja, die zweite Schmiede», erzählt der sechzigjährige Oscar Andrada, ein ehemaliger Abteilungsleiter. «Unsere Produkte waren international bekannt und wurden nach Europa und in die USA geliefert.» Der Zusammenbruch kam nicht über Nacht: Die Belegschaft - am Ende noch 120 MitarbeiterInnen - war informiert. Als 2001 ein Grosskunde wegbrach, war Schluss.

Nach der Pleite 2001 war die Fabrik zunächst verlassen. Dann ging sie an die staatliche Konkursverwaltung. Wachen stellten sicher, dass nichts wegkam. Vor drei Jahren übernahm schliesslich die Kooperative La Forja San Juan den Betrieb. «Wir hatten damals keinen Peso», sagt Andrada, «es war vor allem ein Lernen, wie alles geht, von der Buchhaltung bis zum Entwurf eines neuen Eisenteils, von der Analyse der Marktchancen über Behördengänge und die Kundensuche. Manchmal hatten wir Glück und manchmal nicht.»

Formal gehört die selbst verwaltete Fabrik zwar immer noch der Provinz Buenos Aires. Doch der Kooperative wurde während zehn Jahren ein Vorkaufsrecht eingeräumt.

Ein ähnliches Schicksal ereilte die Textilfabrik Brukman, die sich heute Cooperativa de Trabajo 18 Diciembre nennt. Brukman ist in Argentinien eine renommierte Marke für Herrenbekleidung. Bis zu 400 MitarbeiterInnen produzierten hier einst Anzüge und Hosen. An Weihnachten 2001 machte sich schliesslich der Fabrikbesitzer aus dem Staub, die Belegschaft wartete vergeblich auf ihren Lohn. Trotzdem arbeitete sie weiter, bis zur ersten Räumung im März 2002. Ein halbes Jahr später folgte die zweite, auch wieder auf richterliche Anweisung, denn die ArbeiterInnen hielten sich illegal in der Fabrik auf. Als die Behörden Brukman im April 2003 zum dritten Mal räumen wollten, wehrten sich die ArbeiterInnen. Sie blockierten die Fabrik und liessen sich auch nicht durch Schlagstöcke und Tränengas vertreiben. Heute gehören die Maschinen und der Markenname Brukman in Form einer Leihgabe der Kooperative, das Gebäude gehört weiterhin der Regierung. Siebzig Personen zählt die Belegschaft bei Brukman, davon sind knapp die Hälfte Frauen.

«Für viele ArbeiterInnen bedeutete die Selbstverwaltung den Ausweg aus der Misere. In vielen Fällen, in denen die ArbeiterInnen auf staatliche Unterstützung oder einen privaten Investor warteten, standen sie am Schluss mit leeren Händen da», zieht Caro Bilanz. Doch er bleibt realistisch, was die Bedeutung der selbst verwalteten Betriebe in der argentinischen Wirtschaft betrifft. «Wir werden wohl in der Minderheit bleiben», sagt Caro. «Doch immerhin gehören die Fabricas in einigen Bereichen zu den Marktführern.» Und wenn man sehe, dass es vor sechs Jahren noch keine Fabrica Recuperada gegeben habe, sei dies eine grosse Leistung. Die ArbeiterInnen der zurückeroberten Fabriken haben laut Caro eine wichtige Erfahrung gemacht: «Vorher waren sie abhängige Arbeiter und Arbeiterinnen - heute betreten sie den Betrieb als Unabhängige. Früher wurde eine Fabrik zugemacht. Heute gibt es dazu eine Alternative.»

«Die Fabriken gehören uns»

Die Wirtschaftskrise hatte in Argentinien zu einer Aufhebung der Dollarbindung des Pesos und einer starken Kapitalflucht ins Ausland geführt. Auf dem Höhepunkt der Rezession wurden nach dem Jahr 2000 Tausende Fabriken im ganzen Land geschlossen. Betroffene ArbeiterInnen begannen daraufhin ihre Fabriken zu besetzen und in Selbstverwaltung weiter zu produzieren. Bereits kurze Zeit später schlossen sich 80 der 120 Fabrik-Kooperativen zum Movimiento Nacional de Fabricas Recuperadas por los Trabajadores (MNFR) zusammen, einer landesweiten Bewegung für instand besetzte Fabriken.

Um Mitglied bei der nichtstaatlichen Organisation MNFR zu werden, müssen die ArbeiterInnen ihre Fabrik zurückgewinnen, wieder in Betrieb nehmen und eine horizontale Organisationsstruktur mit Einheitslöhnen aufbauen. Gemäss Luis Caro, dem Präsidenten der MNFR, setzt die Bewegung sich aber nicht nur gegen Räumungen von besetzten Fabriken zur Wehr, sondern nutzt auch den Rechtsweg. So kann die Regierung, gestützt auf ein Konkurs- und Enteignungsgesetz, die FabrikbesitzerInnen enteignen, ihnen eine Abfindung zahlen, KonkursverwalterInnen einsetzen und auch die Verpflichtungen gegenüber GläubigerInnen übernehmen. Im Anschluss daran überlässt die Regierung die Fabrik dann den ArbeiterInnen. Bis heute hat der Staat aber noch an keine der ehemaligen BesitzerInnen etwas ausbezahlt.

Die Mitglieder der MNFR fordern bereits seit Jahren eine Reform des Konkursrechts. Eine in Konkurs gegangene Firma soll nicht einfach geschlossen, sondern automatisch an die ArbeiterInnen weitergegeben werden. Zudem bevorzugt das geltende Recht zurzeit noch Banken und andere GläubigerInnen, die im Konkursfall einen Anspruch auf hundert Prozent der ausstehenden Schulden plus Verzinsung haben und dies aus der Konkursmasse beziehen dürfen. Ihnen gegenüber stehen die ArbeiterInnen, denen nur die Hälfte ihrer Löhne zusteht, ohne Zinsen. Wird das Gesetz geändert, «hätten viele Kooperativen die Chance, ihre Betriebe zu kaufen», sagt Luis Caro. Das Abgeordnetenhaus hat der Reformvorlage bereits zugestimmt, der Senat ist die letzte Hürde.

Heute gibt es in Argentinien über 5000 geschlossene Betriebe. Mit einer Reform der Gesetze könnten so in kurzer Zeit 500000 Arbeitsplätze entstehen. Das sei ein realistisches Projekt, sagt Caro: «Die Fabriken sind da und die Arbeiter vorhanden.» Das Schwierigste sei jedoch, die ArbeiterInnen selbst davon zu überzeugen, dass sie in der Lage sind, ihre Fabrik in Eigenverantwortung zu betreiben.

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