Nr. 43/2006 vom 26.10.2006

Kein Platz mehr für Punk in Manhattan

Die New Yorker Geburtsstätte des Punkrock ist tot. Am 31. Oktober schliesst der legendäre Club CBGB’s, Wiege von Bands wie den Ramones oder Television, seine Türen. Der Mietpreis war zu hoch. Der Club soll in der Plastikwelt von Las Vegas wieder auferstehen.

Von Roman Elsener, New York

Zum Museum, wenn auch einem äusserst interaktiven, war CBGB’s schon lange geworden: FreundInnen der Rockmusik, die jemals in New York gewesen sind, haben sich zumindest einmal am breiten Bürotisch am Eingang vorbeigedrückt, um fünfzig Meter weiter vorne live und laut zu erfahren, dass Punkrock wirklich noch nicht tot ist. Tagsüber scharten sich Touristen aus aller Welt vor dem Eingang des Clubs im Stadtteil Bowery und knipsten ihre Speicher voll. Zum Tod der Punklegende Joey Ramone 2001 verwandelte sich der Club in einen Schrein, T-Shirts zierten jede noch so schmächtige Brust, ein bisschen punkig zu sein, war in.

Keine Countrystimmung

Verändern durfte sich CBGB’s sowieso nicht: Punks räumen nicht auf. Den Auflagen der Stadt, den Boden zu wischen und die WCs zu putzen, musste wohl nachgekommen werden, ansonsten blieb aber hängen und kleben, was wollte. Hilly Kristal, der das Lokal 1973 eröffnete und seither fast jede Nacht hinter seinem Tisch am Eingang sass, sah das bald ein: Die Kundschaft dekorierte den Laden und machte ihn zur Ikone der Punkkultur, des Miefs, Siffs und Suffs, Kristal brauchte keinen Finger zu rühren. Dabei hatte er gar keine besondere Vorliebe für dreckigen Rock. Country und Blues wollte Kristal eigentlich aufs Programm setzen, als er das Lokal übernahm, das einst einer Whiskey-Company gehörte und dann Obdachlosen als Billigunterkunft diente. CBGB’s ist die Abkürzung für Country, Bluegrass and Blues. Doch in der Gegend, in der schon fast zweihundert Jahre lang Bettler und Vagabundinnen Notschlafstätten fanden, wollte keine Countrystimmung aufkommen. Hier, in das von der Stadtverwaltung abgeschriebene berüchtigte Ostende der Bleecker Street im Stadtteil East Village, wo Drogen und Kriminalität regierten, getrauten sich ausser Möbelanbietern nur Ratten, Flöhe und KünstlerInnen hin. Für TouristInnen war die Gegend tabu.

Leim statt Heroin

Schnelllebig, dreckig, kaputt: Das waren New York City und Manhattan in den Siebzigern. Soeben hatte Andy Warhol, begleitet vom Lärmquartett Velvet Underground, musikalisch für Aufsehen gesorgt, Urpunk Iggy Pop liess sich hier nieder. Im Club Max’s Kansas City traf der Jetset auf die Underground-Elite, man gab sich der gemeinsamen Vorliebe für Alkohol und Drogen hin, die Musik wurde verdrehter, die Bühnenkleider verrückter - davon zeugten nicht zuletzt die New York Dolls, deren kurzzeitiger Manager Malcolm McLaren wenig später die Sex Pistols erfand und damit Punk in Europa einführte. Für die Strassenpunks aus New Yorks East Village, aus Brooklyn oder Queens war «Max’s Kansas City» wenn nicht zu vornehm, so doch etwas zu teuer: Der Champagner der Punks war billiges Bier. Sie spritzten kein Heroin, sie schnüffelten Leim. Das Lokal lag zudem über der ominösen14. Strasse, fast also schon im unhippen Midtown, wo sich ein richtiger Bewohner des Village kaum sehen liess. 315 Bowery, die Adresse des CBGB’s, lag da viel besser. Wer es nach endlosen Punktiraden nicht mehr nach Hause schaffte, legte sich zwischen die schlafenden Bettler oder hängte sich an den Tross der Band an, die eben gerade gespielt hatte. Morgen würde eine andere kommen.

Jahrzehntelang zeigte sich die Bowery resistent gegen Stadtplanung und die rasante Veränderung, die Gentrifizierung, die sozialen Umstrukturierungen und sogenannten Aufwertungen, die die Metropole sonst auszeichnen: Billiger Lebensraum ist im einst dreckigen Manhattan rar. Längst hatte sich Soho als Künstlerviertel selbst aus dem Verkehr gezogen, waren die Bohemians aus Hell’s Kitchen und der Upper Westside den Kinderwagen gewichen, die Reihenhäuschen des Greenwich Village den Maklern in die Finger gefallen. Dem Boom der neunziger Jahre und dem Regime des erzkonservativen Bürgermeisters Rudy Giuliani fiel schliesslich auch der Stadtteil East Village zum Opfer, wo Bowery und CBGB’s liegen. Dem kreativen Sumpf versetzte vor zwei Jahren Giulianis Nachfolger Michael Bloomberg mit dem absoluten Tanz- und Rauchverbot in New Yorker Clubs und Kneipen so was wie den Todesstoss.

Comic-Helden

33 Jahre hatte das CBGB’s durchgehalten, am Ende war es wie das gallische Dorf in den Asterix-Comics. Und wie die tapferen Gallier ist Punk zur Comicfigur geworden, als die er ja eigentlich auch konzipiert wurde. Die lebende Legende Legs McNeil zum Beispiel hat heute graumeliertes Haar, sein Gesicht ist furchig geworden. McNeil ist Mitbegründer des Magazins «Punk», das schon 1976 im CBGB’s auflag und der Bewegung den Namen gab. Legs selbst tritt darin als Comicfigur Punk auf, der dauernd im CBGB’s herumhängt und Stars und Publikum blöd anquatscht: Lou Reed, die Ramones, Iggy, später die Sex Pistols und The Clash. Vor zehn Jahren schrieb McNeil mit Gillian McCain das Buch «Please Kill Me - The Oral History of Punk», das unterdessen zur US-amerikanischen Punkfibel avanciert ist. Im Band lässt McNeil Dutzende Vertreter der damaligen Szene zu Wort kommen und in eigenen Worten beschreiben, wie das CBGB’s ins Rampenlicht geriet. Den Club entdeckten demnach Richard Lloyd und Tom Verlaine von der Band Television, die nach einer Probe ihrer Band vor dem Club auf einen Bus warteten. Richard Lloyd: «Wir gingen auf Hilly zu und fragten, ob wir hier spielen könnten. Er fragte: ‹Was für Musik spielt ihr?› Wir sagten: ‹Nun, wofür steht CBGB-OMFUG?› Er antwortete: ‹Country, Bluegrass and Blues and Other Music for Uplifting Gourmandizers› (... und andere Musik für LiebhaberInnen). Wir: ‹Oh, ja, wir spielen ein wenig von allem, ein wenig Rock, ein bisschen Country ...› Hilly gab uns schliesslich drei Sonntagabende.»

Kuchen für die Chefin

Auf Television folgten bald Patti Smith, Blondie, die Dictators und mit den Jahren eine unendliche Reihe von Punkbands, die laut McNeil «nun jeden zweiten Keller» in New York City belegten. CBGB’s überlebte die horrenden achtziger Jahre relativ unbeschadet, die Blütezeit war vorbei, trotzdem spielten jede Woche Dutzende von Bands auf der kleinen Bühne an der Bowery. In den neunziger Jahren erlebte der Club dank Grunge einen zweiten Frühling. Punk selbst war unterdessen eine etablierte Musikrichtung. Den Stars der ersten Stunde eiferten zahllose Teenager nach, mit dem grossen Traum, einmal auf jenen Brettern zu stehen, auf denen die Ramones gross geworden waren. Wer die umworbene CBGB’s-Bühne betreten wollte, war zum grossen Teil von der Willkür der gefürchteten Programmgestalterin Lisa abhängig: Wer Lisa genehm war, durfte spielen, ob erst-, zweit- oder drittklassig. Das weiss auch Dorit Chrysler: Die österreichisch-amerikanische Thereminspielerin und Sängerin tingelte Mitte der neunziger Jahre mit der Band Halcion durch New Yorker Clubs und wurde damals vom Stadtmagazin «Time Out» zum «weiblichen Ostküsten-Kurt-Cobain» erkoren. Dies, erinnert sich Chrysler, machte es der Band aber keineswegs leichter, Platz im Programm von CBGB’s zu finden. Erst mit selbstgebackenen österreichischen Küchlein liess sich Lisa schliesslich bestechen, und sie gab Halcion die berüchtigte «Graveyard Shift» - einen Auftritt weit nach Mitternacht, in den blauen Morgenstunden.

Brooklyn? Viva Las Vegas!

Es gab neben der rasanten Aufwertung der Gegend und der damit verbundenen Mietpreisexplosion seit längerem auch andere Anzeichen für ein nahendes Ende des CBGB’s. Es war ausgerechnet der ehemalige Neue-Deutsche-Welle-Star Nena, der vor drei Jahren so richtig offensichtlich das Ende des Clubs einläutete: Die mehrfache Mutter, die eben gerade mit Kim Wilde ein Achtziger-Jahre-Revival eingeläutet hatte, benutzte das Lokal als Kulisse für ihre neopunkige Neuauflage ihres Hits «99 Red Balloons». Vor dem Eingang warteten 150 hübsche Models in Punkklamotten, von der Agentur gebucht und mit dem richtigen Outfit versehen, nicht mal halb so alt wie Nena. In einer solchen Scheinwelt hatte Punk nichts mehr zu suchen. Die Bands und KünstlerInnen verzogen und verziehen sich mehr und mehr weg von Manhattan nach Brooklyn, wo in Schuppen wie Southpaw, Warsaw, Trash oder der East River Bar noch immer Punk gespielt und gelebt wird - ähnlich wie vor dreissig Jahren. Viele der Stars von damals - gleich drei der vier Ramones, zwei der Heartbreakers, zwei der Dead Boys - sind bereits gestorben. Die Kinder des Punk sind längst flügge geworden. Clubgründer Hilly Kristal darf sich mit seinen 75 Jahren sicherlich verdient zur Ruhe setzen. Alte Frauen und Herren wie Blondie oder Patti Smith mit ihren Bands, die in den vergangenen Wochen die allerletzten Konzerte im CBGB’s spielten, kehrten seit langem sowieso nur noch für Dokumentarfilme zurück ins dunkle Loch an der Bowery.

Das CBGB’s möchte sich nicht wie andere New Yorker PunkerInnen in Brooklyn neu einrichten, wo die Mieten für Normalsterbliche noch immer erschwinglich sind. Die vielleicht wichtigste Bühne des Punkrock ist definitiv tot - ihre mögliche Rückkehr ist, wenn überhaupt, dann nur als grausige Karikatur geplant: Hilly Kristal liegt ein Angebot vor für einen originalgetreuen Nachbau des CBGB’s in der Konsumplastikwelt von Las Vegas.

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