Nr. 50/2008 vom 11.12.2008

Schmale Jungs mit Shpilkes

Ist Punk eine jüdische Intellektuellenbewegung? Doch, doch, ja, ja, eben schon. Eine kleine Geschichtslektion.

Von Suzanne Zahnd

Unterhaltsamer und besser recherchiert als in Steven Lee Beebers «The Heebie-Jeebies at CBGB’s» ist eine Geschichtslektion in Sachen Punkrock zurzeit nicht zu haben. Den Anstoss gab für Beeber die Suche nach seiner eigenen subkulturellen und jüdischen Identität, nach seiner höchstpersönlichen «Jewishness». Dazu führte Beeber über 120 Interviews mit Punks der Gründerzeit, um die jüdischen Wurzeln des Punk zu untersuchen. Was er herausfand, ist tatsächlich erstaunlich: die Dictators, Blue Oyster Cult, Velvet Underground, die New York Dolls, die Patti Smith Group, Jonathan Richman, die Ramones, Suicide, Blondie, Kiss, die Dead Boys, Marc Ribot, Gary Lucas, John Zorn et cetera - kurz: Fast die gesamten Punk- und Postpunkikonen waren allesamt mindestens zu fünfzig Prozent jüdisch.

Nazisymbole und Punk

Obwohl in «The Heebie-Jeebies at CBGB’s» ein leichtfüssiger Ton angeschlagen und auch nicht mit Anekdoten gespart wird, ist das Buch durchaus ernst zu nehmen. Sicherlich ist es das erste, das fundiert erklärt, wie es zu der ganzen Koketterie der Punks mit Nazisymbolen kam. Beeber geht dafür zurück in die fünfziger und sechziger Jahre und beschreibt, wie die Schoah bei den eingewanderten Juden und Jüdinnen ein absolutes Tabuthema war. Sie wollten vor allem eins: vergessen. Die Kinder dieser traumatisierten Kriegsgeneration waren entfremdet und schockiert von ihren Eltern, die sich nicht gewehrt hatten, und von der Geschichte selbst.

Vor allem aber hatten sie die ewige Opferrolle gründlich satt und bereiteten den Boden für eine der grössten ästhetischen Revolutionen in der Popgeschichte, indem sie die Naziverbrechen als Sujet wählten für sarkastischen Humor, der allzu heftige Gefühle überdecken sollte. Das jüdische Selbstbewusstsein änderte sich enorm durch den Prozess gegen den nationalsozialistischen Vernichtungsorganisator Adolf Eichmann und durch den Sechstagekrieg 1967 und auch dank der Bücher von Hannah Arendt über die «Banalität des Bösen», was sich auch in der Jugendkultur niederschlug.

Die neue Rastlosigkeit

«Jew York», neben Tel Aviv die Stadt mit der grössten jüdischen Bevölkerung der Welt, galt schon in den sechziger Jahren als arrogant, und ihre Hipster waren schnell, scharfzüngig und nicht einfach so gewillt, jeden Dahergelaufenen in ihre erlauchten Kreise aufzunehmen. In diese Stadt kam Lewis Allan Reed, nachdem seine Eltern eingewilligt hatten, dass er eine Elektroschocktherapie bekam. Sie hatten gehofft, mit diesem letzten Mittel den Sohn davon abhalten zu können, ein halbstarker, schwuler Folksänger zu werden. Klar, dass der schöne junge Mann nach diesem Verrat der Eltern genau dies wurde: Seiner Zeit weit voraus, spielte er bereits 1973 mit Geschlechtsidentitäten, zog in Andy Warhols absolut nichtjüdische «Factory» ein, gründete Velvet Underground, demontierte die gängige Popmusik und verliebte sich in die germanische Göttin Nico. Lewis, der sich nun Lou Reed nannte, wurde für jüdische Eltern zum Albtraum schlechthin. Für PopliebhaberInnen hingegen machte ihn das zum Helden, ja zum Zeyde (Grossvater) der Punks, die sich selber Heebie-Jeebies nannten. Ein Name, der mehrspurig funktioniert: The heebie-jeebies ist einerseits ein Slangausdruck für nervöse Unruhe und Rastlosigkeit; andererseits war Heeb ein Schimpfwort für Jüdinnen und Juden.

Country, Bluegrass, Blues

Die zentrale Gestalt des New Yorker Punkundergrounds sollte aber ausgerechnet ein ausgebildeter Konzertgeiger werden: Hillel Kristal (1931-2007), der in der Bowery das legendäre CBGB’s gründete. Kristals Idee war, einen Country-, Bluegrass- und Bluesschuppen zu führen. Er liess dann aber absolut alle auf der kleinen Bühne in dem Kellerlokal spielen, unter der Bedingung, dass nur eigene Songs gespielt wurden. Dass sein Club als Geburtsstätte des amerikanischen Punkrock in die Geschichte eingehen sollte, hätte er wohl nicht im Traum gedacht. Man darf nicht vergessen, dass das alles zu einer Zeit geschah, als US-Amerika noch Grand Funk Railroad hörte.

Beeber erzählt aber auch, warum sich so viele intelligente Frauen wie etwa Debbie Harry von der Bewegung angezogen fühlten und schnell zu wichtigen Protagonistinnen wurden: weil die oft androgynen, gebildeten und trotz wildestem Gebaren natürlich auch gutjüdisch wohlerzogenen Jungs zwar den Shpilkes (die sexy nervöse Energie) hatten, aber ohne das Gemackere der italo- oder irischstämmigen US-Amerikaner auskamen.

Fast schimmert etwas wie persönliche Befriedigung durch, wenn Beeber davon berichtet, wie Malcolm McLaren (klar, auch Jude) Punkrock nach England trägt oder, wie sich Beeber ausdrückt, «wie England den jüdischen Punk stahl». Goldig das Bar-Mizwa-Foto von McLaren dazu! Generell ist das Bildmaterial wohlüberlegt ausgewählt, auch wenn man sich ein bisschen mehr wünschen würde. Auf jeden Fall endlich wieder mal ein Musikbuch, das eine ganz neue Perspektive einnimmt.

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