Nr. 33/2008 vom 14.08.2008

Freie Töne in dünner Luft

Die Geschichte des einzigen von schwarzen MusikerInnen organisierten Festivals, das sich improvisierter afroamerikanischer Musik widmet, spiegelt die Gentrifizierung von Manhattan.

Von Fredi Bosshard, New York

Zur Eröffnung des dreizehnten Vision Festivals in New York spielen Hamid Drake und William Parker auf Rahmentrommeln und einer sechssaitigen westafrikanischen Laute. Dazu rezitiert Patricia Nicholson Parker tanzend ein Gedicht ihres Mannes: «Maybe we accept silence as some kind of music ...» (Vielleicht akzeptieren wir die Stille als eine Art Musik). Es ist viel von Friede und Harmonie die Rede, von Intellekt und Weisheit. Der Geist der Stille wird mit poetischen Worten beschworen, bevor das Programm beginnt.

Parker, ein renommierter Bassist, der mit Freejazz- und Impro-Grössen wie Cecil Taylor, Bill Dixon, Roscoe Mitchell bis zu DJ Spooky, Derek Bailey und Peter Brötzmann gespielt hat, und die Tänzerin und Choreografin Nicholson sind die treibenden Kräfte hinter dem Festival. Es wird von befreundeten MusikerInnen, anderen Kunstschaffenden und einem weiten Umfeld mitgetragen. So erstaunt es wenig, wenn Lewis Barnes, der die Konzerte ankündet, einige Tage später als Trompeter mit eigener Band auf der Bühne steht oder der junge Kornettist Taylor Ho Bynum ein Podium zum Thema «NY: Building Arts in the Community» moderiert. Vor und während des Festivals wird viel freiwillige Arbeit geleistet, damit die MusikerInnen angemessene Gagen erhalten. Das ist selten in dieser Szene und nur dank der Unterstützung möglich, die das Festival seit einigen Jahren von Stiftungen, Privaten und staatlichen Institutionen erhält.

Jazz, der Underdog

«Wenn Jazz der Underdog ist, dann ist der sogenannte Avantgardejazz schon immer das Stiefkind des Underdogs gewesen; auf der Suche nach Akzeptanz durch die Medien, die das Bewusstsein der Leute kontrollieren», schrieb William Parker in der Festschrift, die nach zehn Festivaljahren publiziert wurde. Seine Frau ergänzt: «Als Künstler sehen wir uns als Teil der aktuellen US-Kultur, sind aber oft so marginalisiert, dass wir kaum wahrgenommen werden.»

Das Vision Festival ist das einzige, das sich improvisierter afroamerikanischer Musik widmet und von MusikerInnen selbst organisiert wird. In den vergangenen dreizehn Jahren hat es in verschiedenen Lokalitäten der Lower East Side in Manhattan stattgefunden. Es war in der Knitting Factory und der CBGB’s Gallery zu Gast, in der St Nicholas of Myra Church und in The Center at St Marks. In den letzten drei Jahren ging es, wie schon am Anfang, im Angel Orensanz Center for the Arts über die Bühne, einer ehemaligen Synagoge, der ältesten in den USA.

Dieses Jahr haben die Konzerte, damit verbundene Ausstellungen, Diskussionen, Video- und Tanzvorführungen gleich um die Ecke im Centro Latino Cultural y Educativo Clemente Soto Vélez ein weiteres Domizil gefunden. Der Saxofonist Ornette Coleman soll in den siebziger und achtziger Jahren im ehemaligen Schulhauskomplex gewohnt haben, das nach dem 1993 verstorbenen Dichter aus Puerto Rico benannt ist. Jetzt ist es ein Kulturzentrum, das vor allem von der hispanischen Bevölkerung der Nachbarschaft genutzt wird.

Tonic und The Stone

Auch das von John Zorn mitinitiierte und vergangenes Jahr geschlossene Tonic lag gleich um die Ecke, musste aber einem Neubau mit Wohnungen weichen. Der seit April 2005 geöffnete Club The Stone, für den Zorn die Miete zahlt und dem er als künstlerischer Leiter vorsteht, ist nur einige Blocks entfernt. Das Programm wird jeden Monat von einer anderen Musikerin, einem anderen Musiker kuratiert. Unter den bisherigen Verantwortlichen finden sich Fred Frith, Steve Coleman, Carla Kihlstedt, William Parker, Zeena Parkins, Misha Mengelberg und Matthew Shipp. Der Eintritt im gegen hundert Personen fassenden Club, der weder Merchandising noch Konsumation kennt - «only music» -, beträgt zehn Dollar, bei spezielleren Anlässen auch mal zwanzig. Die Einnahmen, höchstens tausend Dollar, oft nur sechzig, gehen vollumfänglich an die MusikerInnen. Um die Kosten möglichst tief zu halten, werden alle Arbeiten von Freiwilligen geleistet. Für das monatliche Benefizkonzert finden sich auch mal Zorn, Laurie Anderson und Lou Reed gemeinsam auf der Bühne. Ihr Auftritt ist auf der CD «The Stone - Issue Three» dokumentiert und soll dank eines leicht höheren Verkaufspreises zusätzliche Einnahmen generieren.

Von einem Besuch der meisten dieser Orte hätte man vor einigen Jahren noch allen TouristInnen abgeraten. Inzwischen ist die Gentrifizierung in der Lower East Side vorangeschritten. Die Mieten steigen rasant, hippe Bars und Designershops werden wie Edelsteine in die Häuserzeilen eingesetzt und verdrängen die eingesessenen Eckläden. An der Bowery hat vor einigen Monaten das raffiniert geschachtelte New Museum der Architekten Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa aus Tokio die Tore geöffnet, etwas davon entfernt steht «Blue», ein 17-geschossiger Kristall mit 32 Apartments der Luxusklasse von Bernard Tschumi Architects (Paris/New York). Beide Gebäude überragen ihre Umgebung und lassen für die kleinen Läden in der Nachbarschaft die Luft dünn werden.

Bruce Gallanter von der Downtown Music Gallery (DMG), dem wohl bestsortierten New Yorker Geschäft für Musik jenseits des Mainstreams, hat es zu spüren bekommen. Als im Januar nach fünf Jahren der Mietvertrag auslief, gab ihm der Hausbesitzer sechs Monate Verlängerung, um ein anderes Ladenlokal zu finden, weil er richtig vermutete, dass die DMG eine Verdoppelung der Miete nicht verkraften könnte. Das CD-Geschäft ist nicht gerade eine Boombranche. Gallanter und seine MitarbeiterInnen kommen über die Runden, weil sie einen ausgezeichneten Service bieten - im Laden selbst und im Onlinehandel, der durch den tiefen Dollarkurs immer attraktiver geworden ist. Sie besprechen unzählige Neuerscheinungen, versenden wöchentlich einen Newsletter, veranstalten Gratiskonzerte im Laden und informieren über Konzerte in New York und Umgebung. Doch Bars und Restaurants offerieren für die rund 140 Quadratmeter Fläche eine vier- bis fünffache Miete, behauptet der Hauseigentümer. Die DMG ist weiterhin auf der Suche nach einem neuen Lokal im Quartier.

Es war einmal ein Maler

Die Geschichte des Vision Festival beginnt mit einem Märchen. 1981 ging der aus Wuppertal stammende Bassist Peter Kowald (1944-2002) eine Arbeitsbeziehung mit dem aus der DDR emigrierten Künstler A. R. Penck ein und lernte in New York William Parker kennen. Als Kowald zwei Jahre später ein Stipendium für einen Aufenthalt in New York erhielt, drückte ihm Penck mit den Worten «do something real» einen Plastiksack mit 50 000 D-Mark in die Hand. Das entsprach damals ungefähr 20 000 US-Dollar. Mit diesem Geld organisierte Kowald 1984 das erste Sound Unity Festival, das MusikerInnen aus den USA und Europa und darüber hinaus «african-american» und «european-american» MusikerInnen gemeinsam auf die Bühne brachte. In Kowalds Gruppe spielten die Pianistin Marilyn Crispell und der Saxofonist Charles Gayle. William Parker und Patricia Nicholson führten «A Thousand Cranes Opera» für Musik und Tanz auf, A. R. Penck entwarf das Bühnenbild. Der legendäre Trompeter Don Cherry präsentierte «Kangaroo Hoopie» mit einem Orchester, dem Brötzmann und Kowald angehörten. Irène Schweizer spielte in Brötzmanns Alarm-Orchester neben David S. Ware, Kowald und Parker. Diese Geschichte ist im Film «Rising Tones Cross» von Ebba Jahn dokumentiert, der inzwischen als DVD erhältlich ist.

1988 fand ein zweites Sound Unity Festival statt, 1994 und 1995 folgten zwei Minifestivals, die schlecht besucht waren und von der Presse kaum wahrgenommen wurden. Nicholson und Parker trieben den Aufbau der nichtkommerziellen Kollektivorganisation Arts for Art voran, die bis heute das Vision Festival organisiert. Mit einer Freiwilligenorganisation, einigen Tausend Dollar von einem privaten Spender und Goodwill von vielen KünstlerInnen wurde das erste «Vision for the 21st Century Arts Festival» im Juni 1996 zu einem Erfolg. Die zweite und die dritte Ausgabe des Festivals fanden im gemieteten Angel Orensanz Center for the Arts statt. In den folgenden Jahren wurde das Vision zu einem nomadisierenden Festival in der Lower East Side, das immer auch andere Kunstformen integriert. Parallel dazu werden die Vision Club Series ausgebaut und Kontakte zu Festivals in Europa gesucht. Vereinzelt sind Kooperationen in Rom, Tampere (Finnland), Paris und Sardinien zustande gekommen.

Nachdem aber in Manhattan immer mehr Veranstaltungsorte, Proberäume und Kulturzentren verschwunden waren, gründete Patricia Nicholson Parker vergangenes Jahr die KünstlerInneninitiative Rise up Creative Music and Arts (RUCMA). Visionen brauchen einen Ort, eine Infrastruktur, wo sie sich entfalten können und stärker auf ihre unmittelbare Umgebung ausstrahlen und so die Kreativität der Menschen wecken. Oder, wie der 74-jährige Poet und Aktivist Amiri Baraka im Rahmen des Podiumsgesprächs «NY: Building Arts in the Community» bemerkt: «Man muss sich mit befreundeten Organisationen zusammenschliessen, Allianzen bilden, dann kann man die Probleme gemeinsam anpacken. Probleme mit Räumen und günstigen Mieten haben nicht nur die Künstler, und falls im November Barack Obama gewählt wird, müssen wir seiner Crew auf die Finger klopfen.»

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