Nr. 43/2006 vom 26.10.2006

Bezaubernde Schnoddrigkeit

Mit seinen Krimis erlangte er Kultstatus. Jetzt versucht der Erfolgsautor es mit ernsthafter Literatur. «Das Wetter vor fünfzehn Jahren» ist beeindruckend, wenn auch nicht restlos gelungen.

Von Michèle Wannaz

Es ist wahr: Dieser Mann schreibt Sätze, die man ständig abküssen will. Krimis, bei denen man die Seiten mit Herzen vollmalt, weil sie so toll und beglückend sind. Leicht hatte ers also nicht, der Wolf Haas. Zehn Jahre lang wurde er von den Kritikern als Prosa-Papst gepriesen, da sie in ein paar Taschenbuchkrimis plötzlich ganz unverhofft das fanden, was sie sonst meist vergeblich suchen - nämlich grosse Literatur -, von den Verlagen als Bestsellergarant gefeiert und von seinen Fans geradezu kultisch verehrt. Und nun sass er da und überlegte, wie er es anstellen solle, dass es ihm niemand übel nehme, dass er keine Krimis mehr schreiben mag. Keine Brenner-Romane mehr, in denen sein Ermittler, diese Mischung aus Dürrenmatts Kommissar Bärlach, Glausers Wachtmeister Studer und Simenons Maigret, ein eher schwerfälliger Mensch also mit einer Schwäche für schöne Frauen, schnelle Autos und tiefes Brüten, weil man dabei im Gegensatz zum Denken so schön vor sich hin dösen kann -, in denen dieser Brenner also am Ende immer doch noch herausfindet, wer der Mörder war, obwohl das bis dahin eigentlich schon gar nicht mehr richtig interessiert, weil das Hirn schon so berückt ist vor lauter Spracheuphorie.

Charmant und krud-komisch

Aber dann kam Haas eine Idee. Er nahm, wie schon bei seinem ersten Brenner-Streich, einfach «einen alten, richtig misslungenen, faden Studentenroman» wieder hervor und schrieb ihn so um, damit er wenigstens formal interessant würde: als Interview einer Literaturbeilage mit dem Autor Wolf Haas. Dabei rekonstruiert sich nicht nur der Roman vor dem Auge der LeserInnen, sondern es werden auch unzählige andere Dinge verhandelt: dass das Leben «eins der schwersten» ist oder dass Haas seinen Zivildienst beim Roten Kreuz gemacht hat. «Übrigens sagt man in Österreich Zivildiener und in Deutschland Zivildienstleistender. Ich finde, damit kann man den ganzen Unterschied zwischen den beiden Ländern erklären.»

Wieder bezaubert der Schnodderslang. Haas’ neues Buch wird gefeiert als raffiniertes Experiment, als poetologisch geniales, virtuoses Stück Unterhaltung, das elaboriert mit Gattungsklischees spiele, gleichzeitig fesselnd und federleicht. Die Idee, die Domäne der «ernsthaften Literatur» per Interviewform zu entern, ist tatsächlich sehr clever. Denn so kann Haas den mundartigen, mit Abschweifungen und österreichischen Regionalismen gespickten Brenner-Duktus, seine reizend verkürzten, oft halb verschluckten Sätze beibehalten, ohne sich dabei den Vorwurf des plumpen Selbstplagiats einzuhandeln, noch seine Leser allzu sehr zu befremden. Zudem ist die Geschichte, die er uns da erzählt, charmant sowie auf krud-komische Weise kitschig, wenn auch tatsächlich etwas unspektakulär - eine Liebesgeschichte beinah Hollywood’schen Zuschnitts mit entsprechend fulminantem Showdown.

Sie geht so: Ein Mann liebt eine Frau. Seit er fünfzehn ist. Jetzt ist er dreissig und die Frau auch. Sie haben sich die Hälfte ihres Lebens nicht mehr gesehen - zum letzten Mal bei einem Unglück, inmitten eines Unwetters. Nun tritt der Mann in «Wetten, dass …?» auf, versteht vor lauter Nervosität Gottschalks Spässe nicht ganz und wird trotzdem Wettkönig, weil er das Wetter der letzten fünfzehn Jahre im Ferienort seiner Kindheit kennt - jeden Tag, jede Stunde, jede Temperatur. Die Wette ist zugleich eine Liebeserklärung, an sie natürlich. Sie, die jetzt, fünfzehn Jahre später zu ihm sagt: «Gut schaust aus. Wir haben dich im Fernsehen gesehen.» Wir, das sind sie und der Mann, den sie nächste Woche heiraten wird. Oder wollen würde, wäre da nicht plötzlich diese Explosion in einem Berg, deren Verursacher - auf geheimnisvolle Weise - natürlich der Wetterkönig ist.

Seitenhieb gegen Interviews

Tatsächlich schafft es Haas mit ein paar geradezu filmisch anmutenden Tricks, die an sich banale Romanze so zu erzählen, dass sich eine immer grössere Spannung aufbaut. Durch geschickt gestreute Vorausdeutungen sowie Abschweifungen in den packendsten Momenten spannt er die LeserInnnen immer wieder auf die Folter wie in einem gut gemachten Actionfilm. Zugleich ist das Ganze ein bissiger kleiner Seitenhieb auf die Gattungsform des Interviews, die vielen als Leseersatz diene, wie Haas sich beklagt, als Zusammenfassung und Interpretation eines Werks in einem, und zudem werde mit der Frage-Antwort-Mechanik suggeriert, es gehe geradewegs zur Sache, und danach sei alles geklärt. Ihn habe das Stillose gereizt, weil es seinem «Bedürfnis nach Drastik und Holterdipolter» entgegenkomme, «mit der derben Interviewform in den sensiblen Liebesroman hineinzutrampeln», erläuterte er kürzlich sein neues Buch. In einem Interview selbstverständlich.

Lustig ist auch, wie die Literaturbeilage immer wieder phallische und andere Symbole im Buch entdeckt, was dem Autor dann etwas peinlich ist. Einmal ist er wirklich erstaunt, dann wieder tut er nur so und kokettiert mit jener Bescheidenheit, die man auch dem richtigen Wolf Haas so gerne unterstellt. Überhaupt: Was echter und was falscher Wolf Haas ist, das wird hier nie ganz klar. Der Autor liebt es, hiermit ein Verwirrspiel zu treiben - denn schliesslich ist sein Kultstatus ihm selbst bewusst wie keinem sonst. Und genau das ist es, was das Buch dann trotz allem etwas unsympathisch macht. Das professionelle Understatement im Dienste der Selbstfeierung ist nur noch eitel, wenn Haas etwa seine (real existierende) Dissertation über die «sprachphilosophischen Grundlagen der Konkreten Poesie» als akademisch beglaubigte Rechtfertigung für seine Grammatikfehler anführt. Überhaupt nimmt die reflektierende Metaebene im Lauf der Geschichte immer penetranter überhand. Das ärgert dann doch ein bisschen. Denn im Gegensatz zu den Brenner-Romanen steht hier die Sprache nicht im Dienst der Geschichte, sondern die Geschichte im Dienst der Sprache, die dadurch zumindest stellenweise zum blossen Selbstzweck wird. Ein paar Herzen am Seitenrand gibt es aber trotzdem wieder. Und zwar nicht grad wenige.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch