Nr. 03/2012 vom 19.01.2012

Die Lust am Ungehorsam

In Beat Portmanns Kriminalromanen ist das Lokalgeschehen weit mehr als nur Kulisse für spannende Plots: Seine Bücher mischen sich ein und dringen hinter die Schweizer Fassaden. In «Alles still» kratzt er nun am Lack der Luzerner PatrizierInnen.

Von Thomas Forrer

Wenn sich in literarischen Texten die Stimme des Verlegers erhebt, dann meldet sich meist das ökonomische Gewissen zu Wort. «Kill Your Darlings!»: Die bittere Formel geistert auch im Schreiben des Luzerner Schriftstellers Beat Portmann herum. Nicht aber um dem Autor die Flausen auszutreiben. Vielmehr gibt sie ihm Anlass zur Gattung des Kriminalromans, deren er sich mit «Alles still» nun ein zweites Mal angenommen hat.

Dass sich Hassliebe im Mord entladen soll, mag die wörtliche Lesart des Verlegerdiktums sein. Portmann lässt die Verleger am Leben – vor allem aber, um sie nach Belieben vorzuführen. Den ersten, einen neureichen Protz, haben wir in Portmanns Debüt «Durst» (2008) kennengelernt. Er mag Bücher, wenn sie Absatz bringen. Also wandert er in den Knast, wo er auch im zweiten Roman sitzen bleibt. Doch auch der nächste Verleger, diesmal von einem «pseudo-marxistischen Verlag», verjagt jeden Schöngeist und verlangt nach Krimis, in denen das «Leben mit seinem Monopol auf Wirklichkeit» die Hauptrolle spielt.

Parallelwelten

Man ahnt es: Das ist Literatur, die sich selbst reflektiert, ohne die Bodenhaftung zu verlieren. Beat Portmanns Ich-Erzähler stammt aus dem Luzerner Vorort Emmenbrücke, ist selbst Schriftsteller und nicht ganz freiwillig Privatdetektiv. Von seinen Verlegern zum Krimi verdonnert, recherchiert er unter dem Decknamen «Herr Arnold» seine Stoffe im Auftrag, und so folgen wir ihm durch Schweizer Parallelwelten. Die Exekution eines Krajina-Serben führt den Detektiv in «Durst» in abgestandene Beizen und dubiose Reisebüros, um zu entdecken, dass die Wunden der Balkankriege im Exil nicht besser verheilen – und dass es Schweizer gibt, die sich das zunutze machen.

In seinem zweiten Roman «Alles still» verlegt Portmann den Schauplatz nun vom halborganisierten Delinquententum in die vornehme Luzerner Innenstadt. Herr Arnold soll für Salesia Pfyffer, eine bildhübsche Patriziertochter, den Namen ihres Vaters ausfindig machen – ein Geheimnis, das ihre soeben verstorbene Mutter mit ins Grab genommen hat. Es gilt also in der amourösen Vergangenheit einer noblen Frau zu wühlen. Das eröffnet die Anlage zu einem reichhaltigen Roman, denn die Nachforschungen führen den schreibenden Detektiv unweigerlich ins Luzerner Stadtleben – nicht nur in das offizielle.

Vorgeführt wird ein Stück Zeitgeschichte: die patrizische Lebensweise unter seinesgleichen, die Sitten und die gestrenge Moral, der felsenfeste Katholizismus. All das wird kontrastiert mit der Emmenbrückner Herkunft des Detektivs, an der er mit Witz und einer guten Portion Ungezogenheit festhält: Herr Arnold raucht bei jeder Gelegenheit, ertränkt seine Misserfolge auf langen Sumpftouren, sammelt, als Nationalist maskiert, Unterschriften zur «Abschaffung des Auslands», prügelt sich an der Luzerner Fasnacht. Und zur gleichen Zeit buhlt er um das Vertrauen des weltverdrossenen Jesuitenpaters Alois Walter (eine der hervorragenden Figuren des Romans), um das Seelen- und Liebesleben der alteingesessenen LuzernerInnen zu ergründen.

Überhaupt geht in «Alles still» vieles vom Eros aus. Herr Arnold wird von seiner schönen Auftraggeberin auch als Lebensberater beansprucht. So lernen wir die widersprüchlichen Ansichten und Gefühle einer jungen Patrizierin kennen, die bald in einer Attraktion für den schreibenden Antihelden aufgehen.

Wer aber ist dieser charmante und belesene Ich-Erzähler, der sich als Detektiv auch mal übernimmt und es mit der Angst zu tun bekommt? Verpönte Fragen haben es manchmal in sich, bei Portmann jedenfalls. Als er den verzärtelten Schriftsteller Roman T. Benapt mit seinem Detektiv zusammenbringt, wird der neueren Literaturtheorie der Garaus gemacht: «Kennst du das auch, dass die Leute es einfach nicht schaffen, den Ich-Erzähler vom Autor zu unterscheiden?» Arnolds Nonchalance ist kaum zu überbieten: «Meistens deckt sich das bei mir – ich bin sozusagen der Ich-Erzähler.»

Erfunden? Erlebt? Egal!

Das wirft ein Licht auf die ausgefeilte Machart des Romans. Wenn ein Ich eine Geschichte durchlebt, die es selbst geschrieben haben soll, und diese Geschichte von ihrer eigenen Entstehung handelt, mögen Reden vom «Erleben beim Schreiben» oder von der «Fiktion in der Fiktion» gemeinhin zutreffen. Doch sie richten in der Literatur Portmanns wenig aus. Herr Arnold legt eine andere Spur: Die verschlungene Logik tendiert zur Vermischung, zum Punkt, wo es egal wird, ob etwas erfunden oder erlebt ist. Von da an wird man als LeserIn involviert: ästhetisch zum einen – und auch politisch.

So ist die Zigarette nicht nur ein Fetisch, den der selbst ernannte Detektiv bei Ratlosigkeit aus der Tasche zieht. Die getreu geschilderten Schauplätze, die Luzerner Beizen und Bars, sie verschwimmen im Rauch, den Arnold ständig ausstösst. Oder es zieht eine Wolke vor den Vollmond und löst die reizenden Züge der Salesia Pfyffer auf. Solche Vernebelung in einem «auf Tatsachen basierenden Kriminalroman» leistet vor allem eines: Sie verweist uns an die andere Welt in der eigenen. Das Sprachenspektrum des Romans, vom Immigrantenslang bis zum zwitschernden Teegespräch, tut dazu das Seinige, wie die Finten, mit denen man herumgeführt wird: Sie brechen mit unseren Gewohnheiten.

Unter der Oberfläche

Man staunt ohnehin über die Lust am Ungehorsam gegen gängige Erzählweisen und gegen die etablierte Gattung des Krimis. Beat Portmann hat mit seinen beiden Romanen den Schweizer Krimi auf einzigartige Weise fortgeschrieben. Das liegt gerade am starken Fokus aufs Lokale: Die vom Autor teils aufwendig recherchierten Stadtgeschichten lassen sich nicht in die grosse Form des Kriminalromans giessen, der oft in Metropolen oder in irgendwelchen wüsten Landstrichen spielt. Das voralpine Leben reibt sich am Genre, daran entzündet sich das Politische. Portmanns Detektiv soll nicht einfach Fälle lösen, er mischt auf – und bringt die Dinge gerade dort zum Sprechen, wo gewöhnlich «alles still» bleibt. Und so lässt sich der Titel des Romans als Hinweis auf eine Schweizer Gesellschaft verstehen, die nur ungern Einblick in ihre Halb- und Schattenwelten gibt.

Mit dem wendigen Blick des Ortskundigen, gepaart mit Brüchen und Überraschungen in Erzählung und Sprache, schafft es Beat Portmann, dass uns seine Romane unmittelbar angehen: Wenn das, was vertraut erscheint, durcheinandergerät, kommen wir nicht umhin, uns dazu zu verhalten.

Beat Portmann liest in: Bern, Café Kairo, 
Di, 24. Januar, 20.30 Uhr.

«Durst». Limmat Verlag. Zürich 2008. 
275 Seiten. Fr. 34.50.

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