Nr. 13/2012 vom 29.03.2012

Der Brenner und das Plappermaul

Von Martina Süess

Zum Glück passiert immer wieder mal was, sodass Wolf Haas seinen Detektiv Simon Brenner mit der Auflösung eines verzwickten Falls beauftragen kann. Brenners Karriere begann 1996 mit der Auferstehung der Toten, als im österreichischen Zell am See ein tiefgefrorenes US-amerikanisches Ehepaar auf dem Skilift gefunden wurde, und schien 2003 nach sechs erfolgreichen Romanen am Ende, als Haas, der vielen Auszeichnungen überdrüssig, seinen Helden – nein, stopp, nichts verraten. Zum Glück sind die Plots so kompliziert konstruiert, dass man die Handlung schnell wieder vergisst. So konnten Schwerstabhängige ein Buch auch zwei- oder dreimal lesen – bis, zu ihrer grossen Überraschung und Erleichterung, 2009 «Der Brenner und der liebe Gott» erschien.

Eigentlicher Held der Brenner-Krimis ist nicht der verwahrloste Detektiv (der als österreichische Hardboiled-Parodie zu Recht Kultstatus erlangt hat), sondern der Erzähler. Von ihm weiss man nicht viel, ausser dass er ein unglaublicher Schwätzer ist, der seine Sätze am liebsten mit «aber interessant» oder «pass auf» anfängt und den LeserInnen immer wieder seine verschrobenen Stammtischweisheiten aufdrängt. «Aber der Frühling hat ja so eine Kraft», philosophiert er etwa in «Der Knochenmann» (1997), «da spürt der Mensch einfach die Natur, und da kannst du knietief im Blut waten, und auf einmal denkst du an die Liebe.»

Ein spannender Roman, sagt Haas, müsse einen richtig packen. Er stelle sich vor, dass eine Hand aus dem Falz des Buches herausgreife und die Leserin an der Gurgel packe. Mit dem Erzähler, der eigentlich keine Figur, sondern nur ein plapperndes Maul sei, habe er nach mehreren langweiligen Entwürfen den gewünschten Effekt erreicht. Diese Warnung sollte aber nicht zu ernst genommen werden. Tatsächlich kann man die Romane schwer weglegen, wenn man einmal damit angefangen hat. Aber nicht, weil sie einen würgen, sondern weil der Redefluss des Plappermauls ein poetisches Kunststück ist, das einen in einen wahren Leserausch versetzt.

Die Brenner-Romane sind erschienen bei Rowohlt Taschenbuch sowie bei dtv. Die Romane eins bis sechs gibt es auch im Schuber von Hoffmann und Campe für Fr. 70.90.

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