Nr. 44/2006 vom 02.11.2006

Die letzte Reise

Im Rahmen des Festivals Diesseits vom Jenseits zum Tag der Toten zeigt die Kunsthalle Basel eine verwirrende Ausstellung, die den Anspruch stellt, selbst als Kunstwerk wahrgenommen zu werden.

Von Edith Krebs

Unweit von Mexiko City, am Fusse des Vulkans Popocatépetl, liegt die Stadt Cuernavaca, dank ihres milden Klimas und ihrer natürlichen Heilquellen bereits in vorkolonialer Zeit als Urlaubsort beliebt. In den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts liess sich hier der englische Schriftsteller Malcolm Lowry nieder und schrieb unter anderem eine Kurzgeschichte, die er später zum Roman «Under the Volcano» ausarbeitete. Darin wird der tragische Abgang des Helden Geoffrey Firmin, ein britischer Konsul, am 2. November 1939, dem Tag der Toten, in Quauhnahuac - so heisst die Stadt im Buch - zelebriert.

Auf den Spuren von Malcolm Lowry

Lowrys halbfiktiver Stadt Quauhnahuac ist die aktuelle Ausstellung in der Kunsthalle Basel im Rahmen des Festivals Diesseits vom Jenseits gewidmet, welches die unterschiedlichen Arten aufzeigen will, wie in den beiden Ländern Mexiko und Schweiz der Tag der Toten, hierzulande auch Allerseelen benannt, begangen wird. So einfach dieser Ansatz klingt, so kompliziert gestaltet sich dessen Umsetzung. Denn nach dem Besuch der Ausstellung ist man erst mal gründlich verwirrt. Zwar beschäftigen sich drei der sechs künstlerischen Beiträge mit dem Topos Quauhnahuac, am konkretesten die beiden schottischen Künstler Ross Birrell und David Harding, die in einem halbdokumentarischen Film auf den Spuren von Malcolm Lowry wandeln und darin mehrere Zeitzeugen befragen, die den Schriftsteller gekannt haben. Maria Thereza Alves, 1961 in Brasilien geboren und heute in Rom lebend, und Jimmie Durham, US-Amerikaner indianischer Abstammung, haben zusammen einige Jahre in einem Vorort von Cuernevaca gelebt und breiten in einer Mischung von künstlerischer und dokumentarischer Präsentation eine Art persönliches Archiv des Ortes aus, das als Ausstellung in der Ausstellung funktioniert. Auch bei den konventionell gemalten Landschaftsbildern des mexikanischen Malers Gerardo Murillo alias Dr. Atl aus den vierziger Jahren sowie bei seinen wissenschaftlich anmutenden Untersuchungen über Vulkane ist der Bezug zur vulkanischen Landschaft um Cuernevaca gegeben, selbst wenn deren Präsentation in einer Halle für zeitgenössische Kunst zunächst befremdlich wirken mag.

Weniger einsichtig bleiben die Beiträge von drei weiteren Ausstellenden. So darf man sich fragen, was die Arbeiten des amerikanischen Land-Art-Künstlers Robert Smithson mit der mexikanischen Stadt zu tun haben. Zum Beispiel «Partially Buried Woodshed» von 1970, in dem Smithson einen alten Holzschuppen auf dem Universitätscampus in Kent, Ohio, in einer Aktion mit Erde überschüttet hat. Ein altes Bootswrack der Baslerin Hildegard Spielhofer, begleitet von einer Reihe von Reisefotografien mit dem Titel «Ultimo Viaggio» (2006), lässt jeden Zusammenhang mit Mexiko oder gar Cuernavaca vermissen; das Thema Reisen wird hier auf ganz allgemeine Art vermittelt. Von der deutschen Künstlerin Friederike Clever schliesslich sind grossformatige Malereien ausgestellt, die an geologische (vulkanische?) Formationen erinnern, aber keine direkten Rückschlüsse auf ihre Reise nach Mexiko im Sommer dieses Jahres zulassen.

Irritationen

Es ist nicht das erste Mal, dass der junge polnische Kurator Adam Szymczyk, seit 2003 Direktor der Kunsthalle Basel, überrascht und irritiert. So gab im letzten Jahr eine «Supershow» der dänischen Gruppe Superflex zu reden, die in ihrer Arbeit die ökonomischen Kräfteverhältnisse und Wertschöpfungsprozesse (nicht nur) im Bereich der Kunst zu ihrem Thema macht und in Basel mit leeren Räumen aufwartete. Etwas weniger kritisch und spektakulär dann die kürzliche Reanimation der 1999 verstorbenen amerikanischen Konzeptkünstlerin Lee Lozano, mit tatkräftiger Unterstützung der Galerie Hauser & Wirth realisiert, welche den Nachlass der Künstlerin betreut. Einer Exkursion ins Ausserkünstlerische glich im Oktober 2005 die Ausstellung «Folk Archive» von Jeremy Deller und Allan Kane, für die die beiden Künstler zeitgenössische Volkskunst aus Grossbritannien zusammentrugen. Schlicht als Zumutung empfanden etliche BesucherInnen der Kunsthalle im Sommer des gleichen Jahres das katastrophisch-klaustrophobe Szenario von Christoph Büchel, das nur kriechend und kletternd zu erkunden war.

Der Untertitel der aktuellen Ausstellung, «Die Gerade ist eine Utopie», ist einer Zeichnung von Cisco Jiménez von 1993 aus dem Archiv von Alves/Durham entnommen, und man darf ihn wohl programmatisch sowohl für Szymczyks gesamtes Programm als auch für die aktuelle Präsentation lesen. Denn trotz ihrer narrativen Struktur, linear ist die Erzählung von «Quauhnahuac» keineswegs. Die Heterogenität der Beiträge - dokumentarisches und künstlerisches Material aus ganz unterschiedlichen Kontexten - summiert sich nie zu einem einheitlichen Ganzen, sondern legt im Gegenteil den Finger auf ideelle und historische Bruchstellen. Darin weist die Ausstellung eine Parallele zu Malcolm Lowrys Roman «Under the Volcano» auf, der mit seinem delirisch anmutenden Stil voller Wiederholungen und Diskontinuitäten nicht nur einen Versuch darstellt, «to write at last an authentic drunkard’s story» (endlich eine authentische Trinkergeschichte zu schreiben), wie es der passionierte Alkoholiker Lowry formulierte, sondern gleichzeitig die modernistische Utopie von Reinheit und Klarheit ad absurdum führt. Eine weitere Dimension eröffnet Maria Thereza Alves in ihrem in der Begleitbroschüre veröffentlichten Text «Tödliches Utopia», in dem sie nicht nur auf Thomas Morus zu sprechen kommt, der sein «Utopia» in der sogenannten «Neuen Welt» zu verwirklichen hoffte, sondern auch auf den mexikanischen Revolutionär Emiliano Zapata, der in den zehner und zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts zusammen mit der indigenen Bevölkerung gegen die Landenteignung durch Grossgrundbesitzer kämpfte. Zudem war Mexiko in den dreissiger Jahren, in der Zeit also, in der Lowry dort lebte, von einem offenen politischen Klima geprägt, das eine ganze Reihe von politischen Flüchtlingen, unter ihnen auch Leo Trotzki, anzog.

So macht letztlich auch das in der Ausstellung vertretene Motiv des Reisens Sinn, das sich nicht selten mit der Sehnsucht und der Suche nach einem utopischen Ort überschneidet. Spätestens hier wird klar, dass der künstlerische Gehalt von «Quauhnahuac» weniger in den gezeigten Kunstwerken als in der assoziativen Komposition der Ausstellung liegt, welche nicht nur inhaltlich, sondern auch formal Lowrys Roman paraphrasiert. Im Vergleich zu gängigen Gruppenausstellungen, die sich meist mit der illustrativen Akkumulation von Beiträgen zu einem Thema erschöpfen, ist das ein komplexes Unterfangen - und zumindest in Ansätzen gelungen.

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