Nr. 44/2006 vom 02.11.2006

Wie kam die Psyche nach Psychedelia?

Sigmund Freud könnte dieses Jahr seinen 150. Geburtstag feiern. Deshalb hat auch er ein Songbook erhalten.

Von Klaus Walter

«Stärker als in vielen Analytikertexten lebt das Subversive der Psychoanalyse in Popsongs.» Das behauptet Klaus Theweleit, Pop-, Polit-, Psychen-, Fussball- und Allroundanalytiker, Jahrgang 1942, in seinem «Sigmund Freud Songbook». Also umrahmt er drei Essays zu Freud und Pop mit Songtexten, in denen «der Chefdramaturg von Boy meets Girl» namentlich auftaucht. Oder Psychoanalyse, irgendwie. Die Auswahl der rund sechzig Songs reicht vom profanen Freud-Namedropping im Nullachtfünfzehn-Rock (Blue Oyster Cult, Guns N’ Roses) über Psychorock-Evergreens («19th Nervous Breakdown», «The End») zu raffinierteren Freudiana von Leonard Cohen und den Gershwins. Deutsche sind ebenfalls dabei, mit Rosenstolz und Eins Zwo. Musikalische Qualitäten spielen bei der Auswahl also keine Rolle, davon zeugen auch Styx und Kid Rock. Die Kriterien bleiben ohnehin unklar, selten geht Theweleit auf die gesammelten Texte ein. So entsteht der Eindruck einer dekorativen Kulisse aus ergoogelten Zufallsfunden. Die Wechselwirkung von Songtexten und Essays bleibt gestalterisches Versprechen. Überhaupt Google: Wenn mal wieder untersucht wird, wie Suchmaschinen das Schreiben verändern, dann sollte das am Beispiel Theweleits geschehen. Ein Zettelkastenautor war er ja schon immer, einer, der sich von Gedanke zu Gedanke assoziativ und namedroppend verzettelt, oft genug sehr produktiv. Eine einzige Zettelwirtschaft sind auch seine Vorträge, die Setlist wechselt Abend für Abend, je nach Stimmung und Input, und seit Google schreibt er noch verzettelter ... keine Zeit für Syntax ... lieber noch ein Viertelgedanke von ganz woanders als den eigentlichen zum Satzende bringen ... lieber mit drei Pünktchen überbrücken ... rhythmisieren, synkopieren ...

Das DJ-hafte Sample-Schreiben ist bei einem Katalysator und Beschleuniger wie Theweleit immer spannend, und Systematisches über Freud-Spuren im Pop hatte er ja nicht versprochen. Dann hätte er «Sigmund Freud’s Impersonation of Albert Einstein in America» analysiert, aber der Song von Randy Newman fehlt hier.

Aber reden wir nicht über Wunschbücher, sondern über das vorliegende. Und das habe ich gern gelesen. Auch wenn Theweleit über das Ineinanderfaden von der Psychoanalyse des Pränatalen, der Medialität der Übertragungen, von Electropop und Hirnforschungsnews nicht gleich «zu einer neuen Theorie der Musik» gelangt, so triggert er an und stiftet neue Tracks im Mix. Ohne sich dessen bewusst zu sein, stellt er Verbindungen her zwischen Freuds ausgiebiger Kokainpraxis und der Ecstasy-Erfahrung der Rave-Ära Ende der achtziger Jahre. Als Medium dient Theweleit eine Zwischenfigur: der gleichaltrige, bewunderte Hendrix: «Im Sinne des Jimi Hendrix’schen ‹Are You Experienced?› halten viele Autoren Freuds Kokaineuphorie für eine Vorbedingung seiner späteren Fähigkeit zur Selbstanalyse durch Traum und Traumdeutung; diese setzt eine ‹Selbstspaltung› voraus, wie sie durch Drogengebrauch psychisch befördert wird.» So kam die Psyche nach Psychedelia. Beim Drogengebrauch wie beim Musikgebrauch «nutzen wir unseren Körper als Resonator», zitiert Theweleit aus Robert Jourdains «Das wohltemperierte Gehirn. Wie Musik im Kopf entsteht und wirkt». Jourdain und Freud dienen Theweleit als Kronzeugen für seine Behauptung, «der Körper speichere» (nicht nur) musikalische Erfahrungen ab, da «alles, was wir geistig tun, seelisch fühlen und in Beziehungen gestalten, seinen Niederschlag in körperlichen Strukturen findet». Mit Jourdains Worten schildert Theweleit Musikhören als Rauscherfahrung, Musik sei «von allen Künsten die, die am leichtesten Ekstase hervorruft», «Ekstase verwischt die Grenzen unseres Seins und lässt uns in ein Meer von Gefühlen eintauchen», auch die «Auflösung von Körpergrenzen» fehlt nicht. Theweleit besteht auf der Hendrix’schen Experience, die eigentlich nicht umkehrbare Erfahrung der auch produktiven «Selbstspaltung» mit Hilfe von Drogen.

So massenhaft gerade die Soziogeneration Theweleits solche Erfahrungen gemacht hat, so selten ist deren offensives Speichern in Zeiten des Revisionismus geworden. Wer sich heute als Drogenuser outet, betreibt Selbstmarginalisierung und muss mit Sanktionen rechnen. Geduldet sind Drogen nur mehr als Leistungsdoping, nicht mehr zum Drop-out oder zur Horizonterweiterung - da gehts der Droge wie der Musik. Lustigerweise benutzt Theweleit mit Jourdain exakt den Jargon der Rave-o-lution 1989/90. Ersetzt man das Wort Ekstase durch Ecstasy, bekommt man ein Stück Flyer-Poesie aus dem Bilderbuch der Smiley-Mania: «Ecstasy verwischt die Grenzen unseres Seins und lässt uns in ein Meer von Gefühlen eintauchen.»

Ironie der Geschichte: dass von allen Musiken diejenige, «die am leichtesten Ekstase hervorruft», Theweleit die fremdeste ist. Bei Ecstasy-affinen Musiken mit repetitiven, elektronisch erzeugten Beats schlägt sein Fremdeln schnell mal in Ressentiment um. Techno kommt ihm dann vor wie Marschmusik, er hört nur «Discokrach», da bricht der alte Rocker durch. Über Dylan und Hendrix hingegen hat er seine besten Poptexte geschrieben. Das «Freud Songbook» wird immer dann interessant, wenn Theweleit mixt (Freud mit Mingus und Hirnforschung zum Beispiel), wenn er sich nicht ausreden lässt, dass Musik auf einen speichernden Körper trifft, «dass Schallplatten, die man Jahre später wieder hört, dem emotionalisierten Hörer den Eindruck vermitteln, sie hätten in ihren Rillen die Gefühle gespeichert, die man vor Jahren beim ersten Hören hatte».

Wenn die Agenturen der Macht nicht nur auf dem Feld der Musik an der Auslöschung von Sinneserfahrungen, der Zerschlagung von Sinnkontexten und der Gleichschaltung von Wahrnehmung arbeiten, dann ist die Aufladung von Körperspeichern und die «Wiederbelebung scheinbar untergegangener Gefühle» ein progressiver Akt. Vielleicht sogar ein subversiver.

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