Nr. 45/2006 vom 09.11.2006

Krieg als Hörtraining

Auch die Subkulturszene zieht nach dem Krieg in eine ungewisse Zukunft. Ein Lichtblick immerhin, dass sie internationale Beachtung findet.

Von Thomas Burkhalter

Vierunddreissig Tage und Nächte lang wütete diesen Sommer wieder ein Krieg im Libanon. Auch die MusikerInnen der aufstrebenden Beiruter Subkulturszene waren erneut mit den Schrecken aus ihrer Kindheit konfrontiert: Erinnerungen an die Propagandamusik, News-Flashs, Maschinengewehre, Bomben und Kriegsflugzeuge im libanesischen Bürgerkrieg von 1971 bis 1990. Fast alle hatten jeden Flugzeugtyp, jede Bombe, jede Rakete allein vom Sound her erkennen können. «Machte es ‹ziiisssssch›, so steuerte das Geschoss genau auf dich zu, und du musstest schleunigst an einen sicheren Ort», erinnert sich etwa Mazen Kerbaj. Seine Freunde und Mitmusiker Charbel Haber und Raed Yassin nicken bestätigend.

Der ganze Himmel vibrierte

Im diesjährigen Krieg zwischen Israel und der Hisbollah gingen die Diskussionen von neuem hoch. Nadim Mishlawi, Komponist der Musique Concrète und Radio Art, versuchte das Gehörte geografisch zu orten: «Man sieht sie ja nicht, die Flugzeuge und Kriegsschiffe. Über das Ohr versuchst du darum, die Einschläge von Bomben zu lokalisieren und Gefahren abzuschätzen. Du versuchst, deine Angst zu kontrollieren.» Andere fragten sich, ob die Kriegsmaschinerie eigentlich auch ein «Sounddesign» abbekommt, so wie alle Haushaltsgeräte oder Autotüren heute. All die dumpfen Bombeneinschläge und die so furchtbar laut knatternden «Sonic Booms», mit denen die israelischen Piloten die libanesische Bevölkerung Nacht für Nacht psychologisch fertigmachten, liessen diese Vermutung durchaus zu. Der ganze Himmel vibrierte, als würde er über der Stadt zusammenbrechen. Dieser Krieg krachte lauter und bedrohlicher als der libanesische Bürgerkrieg, da waren sich alle einig. Oder sind die Hörerinnerungen an den Bürgerkrieg einfach nostalgisch verklärt? «Meine ganze Kindheit spielte sich nun mal im Krieg ab. Ich kannte nichts anderes», sagt der Trompeter Mazen Kerbaj zu jedem, der es hören will. «Wahrscheinlich imitiere ich auf meiner Trompete die Geräusche aus meiner Kindheit. Ich habe zudem eine spezielle Beziehung zu Stille. Stille ist zwar ein Synonym für Frieden, aber Stille war immer auch bedrohlich, ein Warten auf den nächsten Bombenhagel.» Andere Fragen tauchten auf: Schärft Krieg das Gehör? Krieg als Hörtraining, als Alternative zu Solfège? Zynismus und schwarzer Humor, Faszination und Angst begannen sich schnell abzuwechseln.

Während des Kriegs setzte die alternative Musikszene voll und ganz aufs Internet. Mazen Kerbaj spielte auf seinem Balkon Trompete zu den Sounds der Bomben und stellte das MP3-File «Starry Nights» zum Download frei. Zu hören sind seine luftige Trompete und ein Grollen im Hintergrund. Laute Bombeneinschläge folgen, sie lösen die Alarmanlagen der geparkten Autos in den Strassen aus. Hunde bellen. Und zwischendurch herrscht eine unheimliche Stille. Diese wird auch in «Summerdrone» thematisiert, einem Stück des Postpunkers und Elektroakustikers Charbel Haber: ein endloses, unstrukturiertes und unkenntliches Dröhnen von Gitarren und Kampfflugzeugen. Der Freejazzer, Soundtüftler und Schauspieler Raed Yassin nahm alles auf, Kriegssounds, politische Reden, Nachrichtentrailers und Werbejingles. «Ich habe so viel gearbeitet wie wohl noch nie in meinem Leben», sagt er. In seinem Kriegsstück «Day 13» verbindet er den besagten medialen Irrsinn zu einer chaotischen Soundcollage.

Für eine weltoffene Stadt

Die Postrocker und Rapper versuchten, auch während des Kriegs ein paar Konzerte in Beirut und im näheren Ausland zu geben. «The New Government» spielte in Beirut ihre eigenwillige Adaption des Hitsongs «Staying Alive»: «Staying alive ... what the f* is going on», sang Zeid Hamdan mit seiner hohen, theatralischen Stimme, dazu spielten seine Bandkollegen verpennten Reggae mit fetten Bässen. Charbel Haber schrie die Lyrics von «A Bullet And A Gum» ins Publikum, seine Scrambled Eggs droschen und hämmerten dazu auf Gitarren und Drums ein. Die Rapcrew um DJ Lethal Skillz - gut vertreten in Hans Nieswandts neuestem Buch «Disko Ramallah» - verlegte ihr Scratchen und Rappen für einmal nach Amman, um Geld für humanitäre Organisationen einzuspielen.

Kurz, die MusikerInnen der Subkulturszene wurden zu AktivistInnen. Sie sammelten Geld und trugen mit Weblogs und MP3-Files dazu bei, dass Beirut von der Weltöffentlichkeit als offene und spannende Stadt wahrgenommen wurde. Mit der ganzen Propaganda wollten sie nichts zu tun haben. «Ich empfinde all die Reden der Politiker und die Verschwörungstheorien der Leute einfach nur als Krach», sagt die Jazzpianistin und Komponistin Joelle Khoury. Sie selbst spielte während des Kriegs Jazzstandards im Wohnzimmer, mit ihrem Mann, dem Bassisten Maurice Khoury. Sie musste abschalten, als Künstlerin könne sie im Krieg ohnehin keinen direkten Einfluss nehmen. «Eine Künst-lerin kann im besten Fall Vorbild sein und einen Menschen dazu inspirieren, das Mögliche - und nicht nur das Naheliegende - anzustreben», sagt sie. «Libanon ist aber ein Land ohne Vorbilder. Die vermeintlichen Idole, die Clanchefs und politischen Führer, sind alles korrupte Lügner. Das ist das Hauptproblem hier.» Wie viele MusikerInnen der Bürgerkriegsgeneration glaubt Khoury heute an nichts und niemanden mehr. Nicht an die Propagandamusik, nicht an die libanesischen Popsängerinnen, die während des Kriegs medial wirksam Flüchtlingskinder küssten, nicht an politische Sänger wie Ahmed Kabour, Khaled El Habre oder Marcel Khalife, die im Bürgerkrieg für kommunistische und linke Gruppierungen sangen.

Auswandern oder bleiben?

Rund einen Monat nach dem Krieg ging es dann wieder los. Mit vielen Konzerten, Clubnights und zwei unabhängigen Filmfestivals. Beirut, das kurz vor dem Krieg von «Time Out» als Ibiza des Nahen Ostens ausgerufen worden war, wurde seinem Namen wieder gerecht, wenn auch kaum wirklich zur Freude der Subkulturszene, die mehr als billige Kommerzclubkultur zu bieten hat. Der deutsche Elektroniker Thomas Brinkmann gab Workshops, Scrambled Eggs spielten im berühmt-berüchtigten «Bunker»-Club B018, und das Grendizer Trio spielte akustisches Material aus dem jüngsten Krieg: «Grendizer Trio Plays With July’s War.»

International stösst die Subkulturszene seit dem Krieg auf mehr Interesse. Viele Bands und MusikerInnen spielten im Ausland, und einigen wurden gar neue Plattendeals angeboten. Scrambled Eggs zum Beispiel sollen ihr nächstes Album in New York produzieren. Im Ausland wird die Szene, die sich auch weiterhin via alternativer Netzwerke (neu vor allem via www.myspace.com) weltweit vernetzt, wohl in naher Zukunft neue Möglichkeiten finden. Im Libanon selbst bleibt vieles offen. Die Politiker streiten sich schon wieder, und die weltpolitische Lage bleibt sehr angespannt. Sollte wieder ein Krieg ausbrechen, wollen viele auswandern. Der Glaube in die Zukunft ist noch immer stark getrübt. «Wie soll ich einem europäischen Musiker heute noch versprechen, es sei problemlos, im Libanon ein Konzert zu spielen oder einen Workshop zu geben?», sagt der Gitarrist Sharif Shenaoui: «Wir haben vorgeführt bekommen, wie schnell Krieg ausbrechen kann. Dasselbe kann schon morgen wieder passieren.»

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