Nr. 45/2006 vom 09.11.2006

Zeit für die Blumen

Von Marcel Hänggi

Sie war zornig bis zuletzt. In meinem letzten Telefongespräch vor wenigen Wochen – ich hatte Josi Meier angerufen, um ihr zum Achtzigsten zu gratulieren – erzählte sie mir von den Ungerechtigkeiten, die die Romafamilie erlebte, die sie in den letzten Jahren intensiv betreute. Sie empörte sich; sie sagte mit einem Wort, das sie bei Alice Schwarzer gehört hatte: «Mein Empörungspotenzial ist ungebrochen.»

Mein erstes Treffen mit Frau Meier fand 2004 im Rokokosaal an ihrem Wohnsitz, im «Zöpfli» an der Reuss in Luzern, statt. Josi Meier hatte mich an ein Familientreffen eingeladen, um über ihren Urgrossvater zu referieren, über den ich in der WOZ (Nr. 50/03) eine historische Reportage verfasst hatte. Dieser Urgrossvater – Heimweber, Frauenheld, Taugenichts – hat mit seinen Streitereien mit den Behörden eine ganze Mappe im Luzerner Staatsarchiv hinterlassen. Josi Meier freute sich, dies zu hören, und erkannte sich in Kumschicks hartnäckigem Kämpfen wieder.

Im April 2005 erzählte Josi Meier in der WOZ in vier Interviews (hier nachzulesen) über ihre Kindheit in Armut, ihr politisches Engagement, ihren Glauben und, mit Galgenhumor, ihren Krebs. Josi Meier wurde früh durch die Ungerechtigkeiten politisiert, die sie als Kind erlebte – die sozialen und die zwischen den Geschlechtern. Sie stammte aus einem «schwarzen» (liberalen) Mutter- und einem «roten» (katholisch-konservativen) Vaterhaus und fand ihre eigene politische Heimat im sozialen Flügel der CVP. 1971 wurde sie nach Einführung des Frauenstimmrechts als eine von elf Frauen in den Nationalrat gewählt sowie gleichzeitig in den Luzerner Grossen Rat. 1983 wechselte sie in den Ständerat, wo sie auf Alphons Egli folgte, der in den Bundesrat gewählt wurde – Meier war ihm parteiintern in der Kandidatur zum Bundesrat unterlegen.

1997, zwei Jahre nach ihrem Rückzug aus dem Parlament, wählte der Bundesrat Josi Meier in den Schweizer Holocaustfonds. Viele SchweizerInnen begannen in dieser Zeit zu begreifen, dass auch die Schweiz im Zweiten Weltkrieg Schuld auf sich geladen hatte. Josi Meier hatte das schon kurz nach dem Krieg begriffen, und diese Einsicht liess in ihr eine Scham entstehen, die bis ans Lebensende nicht erlosch. Eine humanitäre Asylpolitik war ihr deshalb ein grosses Anliegen. Mit dem Kurs ihrer Partei in dieser Frage hatte sie «extreme Mühe», und der Ausgang der Abstimmungen über Asyl- und Ausländergesetz war kurz vor ihrem Tod ein herber Schlag für sie. Ihr letztes grosses Engagement galt «ihrer» Romafamilie, deren einem Mädchen sie Gotte war.

Als im Sommer vor einem Jahr die Reuss über die Ufer trat, wurde das «Zöpfli» in Mitleidenschaft gezogen; kaum hatte Josi Meier einigermassen aufgeräumt, diente der «Zöpfli»-Vorplatz als Basis für die lärmigen Aufräumarbeiten in der Stadt. Das war zu viel; sie erlitt einen Zusammenbruch und muss-te in die Kur. Mit dem Tod hatte sie sich schon lange auseinandergesetzt; als ich sie kennenlernte, war der Gedanke daran in ihrem Leben «täglich präsent». Im WOZ-Interview sagte sie: «Mir gefällt die Vorstellung, dass nach meinem Tod Blumen aus meinem Körper wachsen.»

Josi Meier erlag am Wochenende zu Hause ihrer Krankheit.

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