Nr. 47/2006 vom 23.11.2006

Zweiter Schöpfungsakt

Der Journalist Alexander Kissler hat eine fulminante Polemik über die Vermessenheit der «Lebenswissenschaften» geschrieben.

Von Ulrike Baureithel

Kaum war der Skandal um den koreanischen Klonforscher Hwang Woo Suk verhallt, beschloss die EU trotz erheblicher Bedenken einiger Mitgliedsstaaten, die Forschung an embryonalen Stammzellen weiterhin zu fördern. Der Glaube an die segensreichen Wirkungen der Stammzellforschung – die Heilung grosser Volkskrankheiten wie Diabetes, Parkinson oder Alzheimer – scheint von einem der grössten Debakel, das die Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten verzeichnete, unerschüttert. Wer sich aus welchen Gründen auch immer an der Stammzellforschung stösst, macht sich verdächtig, der Menschheit eine massgeschneiderte gesunde Zukunft zu verwehren.

Doch eine Zukunft in ewiger Gesundheit und allseitigem Glück ist, wie Alexander Kissler in seinem fulminanten Essay «Der geklonte Mensch» vorführt, gemeinhin der Stoff von Utopien. Von Platons «Politeia» über Thomas Morus’ «Utopia» und Tommaso Campanellas «Sonnenstaat» bis hin zu Francis Bacons Fragment «Nova Atlantis» zehren sie von der Hoffnung einer technisch forcierten menschlichen Vervollkommnung. Das lange und glückliche Leben der «Utopier» und «Utopierinnen» hängt nicht nur ab von strenger Sittlichkeit, sondern insbesondere von körperlicher Ertüchtigung und Optimierung. Bacon, der grosse Experimentator, schöpfte seinen Zukunftsglauben aus den Möglichkeiten des Labors, Campanella entwarf gar einen eugenisch ausgerichteten Zuchtbetrieb.

Von solch utopischen Vorlagen würden sich die heutigen Gurus der «Lebenswissenschaften» wohl distanzieren. Als VertreterInnen der «harten» Künste – der Bearbeitung der menschlichen Natur – sind literarische Gegenwelten nicht ihr Geschäft. Die Nibelungen kennen sie höchstens vom Opernbesuch, und Siegfrieds Kampf mit dem Drachen würden sie kaum als Metapher ihres wissenschaftlichen Alltags verstehen. Doch so entlegen die futuristischen Fantasien des 17. und 18. Jahrhunderts den biotechnologischen MacherInnen von heute erscheinen mögen, haben sie, wie Kissler in seinem Durchgang durch die «grossen Erzählungen» zeigt, einen gemeinsamen Kern: Sie richten sich auf einen «defizitären» Menschen, den es neu zu erschaffen und zu optimieren gilt.

Bedrückende Einsichten

Bemerkenswert ist, dass das alteuropäische Heldenepos seinen bekanntesten Protagonisten im fernen Asien, in Südkorea, gefunden hat. Hwang Woo Suk, der vom höchsten Wissenschaftsolymp abgestürzte Scharlatan, ist für den Autor eine zentrale Referenzfigur für eine biowissenschaftliche Forschung, die das Leben neu erschaffen will. Krimireif zeichnet Kissler, der den Fall Hwang als Redaktor der «Süddeutschen Zeitung» verfolgte, Aufstieg und Niedergang eines Wissenschaftspromotors nach, der nicht nur unverantwortlich die Hoffnungen unzähliger PatientInnen schürte, sondern es auch verstand, die nationale und internationale Gebergemeinde auf seine Seite zu ziehen.

Während sich hochrangige Politiker von Hwang korrumpieren und südkoreanische Frauen sich in «nationaler Pflichterfüllung» zur Eizellenspende nötigen liessen, war es vor allem die internationale Wissenschaftsgemeinde, die die prekäre Bürgschaft für den ungedeckten Wechsel aus dem Hause Hwang übernahm. In Form von Kooperationen und Gastspielen eröffnete sie Hwang das globale Spielfeld; und sie nützte seine Botschaft ihrerseits, um gegen die gesetzlichen Begrenzungen der Forschung zu agitieren und ethische Standards auszuhebeln. Dass am Ende nicht die viel gerühmten wissenschaftlichen Selbstkontrollinstanzen, sondern einige wenige mutige junge Kollegen aus Hwangs Umgebung und ein paar zähe JournalistInnen Hwangs Hochstapelei aufdeckten, gehört zu den bedrückenden Einsichten dieses Wissenschaftsskandals.

Den «Fall Hwang» will Kissler allerdings nicht als spezifisches Problem eines Schwellenlandes verstanden wissen. Die Vorstellung vom Menschen als Maschine, die es erlaubt, in dessen «Mechanismus» einzugreifen oder «Gewebezucht auf Kosten der Ursprungsmenschen» zu betreiben, ist eine genuin westliche Denkgeburt. Beim «zweiten Schöpfungsakt», so Kissler, stehen WissenschaftlerInnen Pate und bringen gegenüber moralischen Selbstverpflichtungen eine «neue Ethik» in Anschlag, die auf «Reparatur im laufenden Betrieb» und auf «Lebensqualität» ausgerichtet ist.

Kisslers «Hauptstück» rotiert um die historischen Anschlussstellen der utilitaristischen Begründungen und Kontextualisierungen von Moral und zeichnet nach, wie Versatzstücke der angelsächsischen Ethikdiskussion nach und nach in den kontinentaleuropäischen Diskurs eingewandert sind. Der damit verbundene Abschied vom Naturrecht hat dramatische Konsequenzen, weil normative Vorentscheidungen das Menschenbild bestimmen und das Menschsein an einen jeweils verhandelbaren Kriterienkatalog binden. Der seitens der boomenden Ethikgremien gegenüber dem «Leben» rhetorisch gezollte «Respekt», erklärt Kissler unnachsichtig, sei deshalb nicht mehr als eine «folgenlose Höflichkeit», die beispielsweise «die Tötung von Embryonen» nicht ausschliesse.

«Unaufgeklärte» Voraussetzungen

Kisslers engagierte Polemik, die wissenschaftliche Fakten, philosophische Denktraditionen und literarische Fantasien höchst eloquent verzahnt, lässt sich als Generalangriff auf eine selbstgewisse Biowissenschaft samt ihrer neuethischen Sachverwalter lesen. Ihn alarmiert die Frage, «was auf dem Spiel steht, wenn der Mensch immer mehr zum begründungspflichtigen, rechtfertigungsbedürftigen Problem» und der Körper zum «Exerzierfeld des Weltverbesserungs- und Weltbeherrschungswillens» wird.

Ein Stachel, den Kissler ins Fleisch transhumaner Erlösungssehnsüchte treibt, muss die Wissenschaft allerdings besonders schmerzen. Er weist nämlich nach, dass deren selbstgewisse Deutungshoheit über «das Leben», die sich über eine «unaufgeklärte Religion» erheben zu können meint, ihrerseits auf gänzlich «unaufgeklärten» Voraussetzungen beruht und die alten theologischen Dogmen durch nicht minder antiquierte naturalistische ersetzt. Naturwissenschaft als Weltanschauung ist der Theologie also durchaus wesensverwandt. Selbst wenn man Kisslers eigenen Begriff vom «Leben», den er gegenüber dem «neuen Menschen» in Stellung bringt, idolisiert und mystisch aufgeladen finden mag, so ist ihm doch unbedingt darin zu folgen, dass die Annexion «des Lebens» durch den Menschen immense Gefahren birgt: Die «menschliche Natur», zitiert er mehrfach seinen konservativen Gewährsmann Lewis aus dem Jahre 1943, wird «das letzte Stück Natur sein, das vor dem Menschen kapituliert».

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