Nr. 36/2006 vom 07.09.2006

«Gut verpackte heisse Luft»

Das renommierte Fachblatt «Nature» meldete einen Durchbruch - und machte kurz darauf einen Rückzieher. Kein Zufall, dass es dabei um Stammzellen ging.

Von Marcel Hänggi

Viele feierten es als Durchbruch, gar als Sensation. «Nature», eines der renommiertesten Wissenschaftsfachmagazine, publizierte am 24. August eine Studie über ein neues Verfahren, menschliche embryonale Stammzellen zu gewinnen. Eine «Nature»-Pressemeldung vom 23. August schrieb, bei diesem Verfahren seien die Embryonen intakt geblieben.

Die Gewinnung von Stammzellen aus menschlichen Embryonen ist ethisch (unter anderem) deshalb problematisch, weil dazu Embryonen getötet werden. Die AutorInnen des «Nature»-Beitrags «Menschliche embryonale Stammzelllinien aus einzelnen Blastomeren gewonnen», MitarbeiterInnen der Biotech-Firma Advanced Cell Technology, schreiben, es sei prinzipiell möglich, aus einer einzelnen Zelle (einem sogenannten Blastomer), die einem Embryo im Achtzellenstadium entnommen wird, Stammzelllinien zu züchten. Dass Embryonen, denen man eine Zelle entnimmt, überlebensfähig bleiben, weiss man aus der (in der Schweiz verbotenen) Präimplantationsdiagnostik, bei der genau dies zu diagnostischen Zwecken geschieht.

Allerdings: In dem Experiment wurden die Embryonen zerstört; die «Nature»-Pressemeldung war falsch. «Nature» stellte das am Freitag richtig. Im Editorial war «Nature»-Redaktorin Helen Pearson allerdings vorsichtig gewesen; sie hatte geschrieben, das Verfahren «könnte die Herstellung von Stammzelllinien ohne Zerstörung des Embryos ermöglichen», und weiter: «doch gewisse ethische Einwände bleiben bestehen.» Die Studie selber hatte nichts Falsches behauptet - aber durch unklare Formulierung Missverständnisse nahegelegt. Die «Süddeutsche Zeitung» zitiert die Ombudsfrau der Deutschen Forschungsgemeinschaft Ulrike Beisiegel, die Studie sei «nicht falsch, aber absolut grenzwertig».

Selbst wenn gelänge, was die «Nature»-Pressemitteilung behauptete, wäre strittig, ob es sich dabei um einen Durchbruch handle. Als ein solcher könnte das Verfahren allenfalls gelten, wenn es sehr effizient wäre. Davon aber sind die ForscherInnen weit entfernt. «Spiegel online» zitierte am 24. August den Direktor des Max-Planck-Instituts für Molekulare Biomedizin Hans Schöler mit der Aussage, es handle sich hier um «sehr geschickt verpackte heisse Luft.»

Irregeführtes Publikum

In der Deutschschweiz liess die Schweizerische Depeschenagentur (SDA) am Nachmittag des 23. Augusts eine Meldung über den Ticker laufen, die auf der fehlerhaften «Nature»-Pressemitteilung beruhte. Am Vormittag des 26. Augusts meldete die SDA die «Nature»-Richtigstellung.

Am Donnerstag berichtete Radio DRS darüber in seinen Morgennachrichten und im «Rendez-vous am Mittag»; der «Tages-Anzeiger», die «Zürichsee-Zeitung» und die Zeitungen des «Mittelland»-Verbunds, an den zwei folgenden Tagen die NZZ, die «Neue Luzerner Zeitung», «Der Bund», die «Basler Zeitung», das «St. Galler Tagblatt». Die «NZZ am Sonntag» interviewte aus anderem Anlass eine Stammzellenforscherin und stellte den vermeintlichen «Nature»-Durchbruch in einer Frage als Tatsache dar. Die Gewichtungen waren unterschiedlich: Der «Blick» berichtete gar nicht, die «Basler Zeitung» liess Skepsis durchblicken («Altes Rezept»), das «Rendez-vous» formulierte: «Wenn die Methode denn wirklich funktioniert», und die NZZ zweifelte am explizitesten: Es sei ein Weg vorgestellt worden, wie «möglicherweise» embryonale Stammzellen ohne Tötung des Embryos gewonnen werden «könnten». Die NZZ bemerkte schon vor der berichtigenden «Nature»-Pressemeldung, dass die Embryonen «offenbar zerstört» worden seien. Ob die «theoretische Möglichkeit», aus nur einem Blastomer eine Stammzelllinie zu gewinnen, im fraglichen Experiment umgesetzt worden sei, sei «aus der Publikation nicht ersichtlich.» Am lautesten berichtete demgegenüber der «Tages-Anzeiger» mit einem auf der Titelseite angekündigten, ausführlichen Bericht mit Kommentar.

Nicht all diese Medien meldeten auch den «Nature»-Rückzieher: Die NZZ brachte eine Kürzestmeldung, «Der Bund» und das «St. Galler Tagblatt» je einen grösseren Artikel. Beim «Tages-Anzeiger», sagt dessen Redaktorin Anke Fossgreen, habe man eine Richtigstellung nicht für nötig erachtet, da der Artikel vom 24. August nicht auf der falschen Pressemitteilung beruht habe, sondern auf dem «Nature»-Beitrag, der ja nicht zurückgezogen worden sei. Der «Tagi» hatte geschrieben: «Jetzt haben US-Forscher eine Methode entwickelt, Stammzellen zu gewinnen, ohne den Embryo zu zerstören.» Ihr sei klar gewesen, sagt Fossgreen, dass bei diesem Versuch keine Embryonen verwendet worden seien, die einer Frau eingesetzt würden. Sie räumt auf Anfrage allerdings ein, dass der Titel «Zellen gewonnen, Embryo lebt» «falsch interpretiert werden könnte».

Die ganze Geschichte erinnert an zwei Fälle mit gewissen Parallelen: Um den Jahreswechsel 2005/06 wurde bekannt, dass die Publikationen des Südkoreaners Hwang Woo Suk, der als Erster einen menschlichen Embryo geklont haben wollte, vollständig gefälscht waren. Und am 4. Mai dieses Jahres teilten Forscher der Universitäten Zürich und Frankfurt am Main mit, dass eine Gentherapie mit körpereigenen Stammzellen in drei Fällen erfolgreich verlaufen sei. Sie verschwiegen dabei, dass zu diesem Zeitpunkt einer der drei PatientInnen sich in kritischem Zustand befand - eine Woche später war er tot.

Verschweigen, übertreiben, lügen

Drei Fälle von Irreführung der Öffentlichkeit durch Fälschen, Verschweigen oder Übertreiben in so kurzer Zeit -, und alle im Bereich der Stammzellforschung: Das ist kein Zufall. Die Stammzellforschung verspricht, dereinst Therapien für heute unheilbare Krankheiten wie etwa Alzheimer oder Parkinson zu liefern - ein grosses Versprechen nicht so sehr für die PatientInnen, die heute an diesen Krankheiten leiden, als vor allem für die biomedizinische Industrie. Gleichzeitig sind Stammzellforschung wie Gentherapie ethisch heikel und stossen auf Widerstand. Umso grösser die Versuchung, die Nachteile kleinzureden, die Vorteile zu übertreiben. Dabei stehen alle im Konkurrenzdruck: ForscherInnen, wissenschaftliche Fachjournale und die Publikumsmedien.

Paradoxerweise dürfte gerade auch die der Stammzellforschung ablehnend gegenüberstehende Haltung der US-Regierung zur risikoreichen Situation beitragen. Ein US-Gesetz verbietet den Einsatz öffentlicher Mittel für die Forschung an menschlichen Embryonen; eine Aufweichung dieses Gesetzes hat diesen Sommer Präsident Bush mit seinem Veto verhindert. Grundsätzlich verboten ist die Forschung aber nicht. Sie findet einfach ausschliesslich privat statt. Ein Korrektiv durch eine öffentliche, nicht kommerziell motivierte Forschung fehlt.

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