21.10.2004

Schritt für Schritt zum Klon

Die Philosophin Carola Meier-Seethaler ist Mitglied der Nationalen Ethikkommission. Vor zwei Jahren stimmte sie für das neue Gesetz zur Stammzellenforschung. Jetzt bekämpft sie es – sie fühlt sich hintergangen.

Interview: Marcel Hänggi und Nicole Ziegler

WOZ: Frau Meier-Seethaler, Sie haben als Mitglied der Nationalen Ethikkommission für das Stammzellenforschungsgesetz gestimmt. Jetzt sitzen Sie im gegnerischen Komitee. Wieso?
Carola Meier-Seethaler: Vor zwei Jahren habe ich dem Stammzellenforschungsgesetz – das damals noch Embryonenforschungsgesetz hiess – unter dem strikten Vorbehalt zugestimmt, dass die Forschung an adulten Stammzellen die Priorität haben sollte. Das heisst, dass embryonale Stammzellen nur dann zum Einsatz kommen, wenn die Forschung an adulten nicht gleiche therapeutische Aussichten verspricht. Das wurde im Gesetz auch berücksichtigt. Ich stimmte dem Gesetz einzig deshalb zu, weil die Experten betonten, auch in der adulten Stammzellenforschung könne man nur vorankommen, wenn man anhand embryonaler Stammzellen die Zelldifferenz studieren könne.

Das sehen Sie heute anders?
Inzwischen hat die Realität diese Dis­kussion unterlaufen. Die Universität Genf hat 2001 mit Unterstützung des Nationalfonds Stammzellen aus dem Ausland eingeführt, noch bevor die Ethikkommission dazu Stellung nehmen konnte. Nun drängte die Forschungs- und die Wirtschaftslobby darauf, dass man aus dem Embryonenforschungsgesetz den Stammzellenaspekt herausbricht und beschleunigt behandelt. Alle andern Aspekte wurden zurückgestellt. Das wurde mit ungewöhnlicher Eile durchs Parlament gepeitscht. Zwei Monate nach Verabschiedung des Gesetzes wurden neue Tatsachen geschaffen: In Südkorea ist es gelungen, menschliche Zellen zu klonen. Gleichzeitig sprachen europäische Forscher von der Möglichkeit, aus embryonalen Stammzellen Ei- und Samenzellen zu züchten, also Keimzellen. Da läuteten bei mir die Alarmglocken, denn das heisst: Ein Ja zum Stammzellenforschungsgesetz beinhaltet stillschweigend ein Ja zur Gewinnung menschlicher Keimzellen. Damit könnte das Klonverbot, das jetzt im Gesetz steht und für das ich strikte einstehe, umgangen werden. Man hat in der Vernehmlassung und im Parlament nie auf diese Möglichkeit hingewiesen.

Wer ist «man»?
Auf öffentlichen Foren sagten die Spitzenforscher nie ein Wort davon. Nachträglich sagt man uns, das hätten wir doch wissen können: Wenn aus embryonalen Stammzellen alle Zelltypen entstehen können, warum nicht auch Keimzellen? Doch die Mehrheit der Ethikkommission und die Parlamentarier dachten nicht daran, weil Keimzellen doch etwas ganz Besonderes sind. Ich finde es fahrlässig, wenn man im Parlament über etwas abstimmt, ohne dass man über die möglichen Folgen orientiert ist.

Welche Folgen befürchten Sie?
Man nimmt mit der Möglichkeit, Eizellen in beliebiger Anzahl künstlich ­herzustellen, etwas vorweg. Wer kann dann, wenn das möglich ist, noch gegen das therapeutische Klonen argumentieren? Das therapeutische Klonen ist die einzige Möglichkeit, Gewebe zur Implantation zu züchten, das der Empfänger nicht abstösst. Deshalb ist das therapeutische Klonen von den Forschern von Anfang an angestrebt worden. Mit diesem Gesetz ist der Weg ­dafür bereitet.

Laut der Vorlage, über die wir am 28. November abstimmen, muss jedes Forschungsprojekt bewilligt werden. Die Züchtung menschlicher Keimzellen scheint doch klar gegen den Geist des Gesetzes zu verstossen. Also würden solche Experimente kaum be­willigt.
Was gegen den Geist des Gesetzes verstösst, aber nicht vom Buchstaben des Gesetzes verboten wird, das wird auch gemacht. Laut dem Gesetz über die Fortpflanzungsmedizin von 2000 hätten gar keine überzähligen Embryonen entstehen, geschweige denn konserviert werden dürfen. Jetzt friert man einfach die «imprägnierten Eizellen» ein, die kurz vor der Kernverschmelzung stehen und gerade noch nicht als Embryonen gelten. Die Wissenschaft hat immer Tatsachen geschaffen, die dann von der Politik nachträglich legitimiert werden mussten. Diese Beobachtung weckte bei mir den Verdacht, dass die Forscher auch in diesem Fall mittels Salamitaktik auf ihr Ziel zusteuern. Als Ethikerin weiss ich, dass es in unserer pluralistischen Gesellschaft keine absoluten Werte gibt. Aber es gibt eine unverzichtbare Tugend für einen fairen Konsens: Ehrlichkeit und volle Information. Und die war in diesem Fall nicht gewährleistet.

Wer war nicht ehrlich?
Ich will nicht einzelne Schuldige suchen. Aber in jedem Zivilprozess wird alles neu aufgerollt, wenn neue Fakten auftreten, egal, ob sie absichtlich verschwiegen worden sind oder nicht. Darüber muss man gar nicht streiten, aber jetzt müssen die neuen Fakten ins Gesetz aufgenommen werden, und die Stammzellenforschung muss wieder in den Gesamtzusammenhang der Embryonenforschung gestellt werden, wie das ursprünglich vorgesehen war.

Ist die Politik gegenüber der Wissenschaft nicht sowieso immer am kürzeren Hebel?
Man riskiert natürlich immer hinterherzuhinken. Aber ich würde trotzdem nicht sagen, dass eine Ethikkommission vergeblich ist. Etwas anderes aber ist bedenklich: In diesen zwei Jahren hiess es immer wieder, wenn wir nicht schnell ein Gesetz haben, sei der Wirtschaftsstandort Schweiz gefährdet. Das ist kein ethisches Argument. Die Politik darf sich auf keinen Fall dem Diktat der Wirtschaft unterwerfen. Gewiss dauern demokratische Prozesse länger. Aber die Forschung kommt auch nicht so schnell voran, wie sie uns weismachen will.