Nr. 49/2006 vom 07.12.2006

Liaisons dangereuses

Die ETH Lausanne erhält 25 Millionen Franken von Nestlé. Die Verträge sind sauber – dennoch birgt die Zusammenarbeit Risiken.

Von Marcel Hänggi

Ende November hat die ETH Lausanne über ein Abkommen mit Nestlé informiert, das in der Schweiz neue Massstäbe im Wissenschaftssponsoring setzt. Nestlé zahlt dem Hirnforschungsinstitut (neufranzösisch Brain Mind Institute) der ETH 25 Millionen Franken, verteilt über fünf Jahre. Damit soll die Wirkung von Nahrungsmitteln auf das Gehirn erforscht werden. Nach Mitteilung von ETH und Nestlé erhofft man sich, dass aus dieser Forschung eines Tages Lebensmittel hervorgehen, die helfen, den Zerfall des Gehirns im Alter zu verlangsamen und namentlich Alzheimer vorzubeugen. Es wird aber auch das «Studium der Geschmackswahrnehmung und die Geschmacksintensivierung» als Ziel genannt. Unter anderem werden zwei neue Lehrstühle geschaffen.

Laut ETH-Lausanne-Pressesprecher Nicolas Henchoz sei dieses Abkommen charakteristisch für die Art Forschung, die man an der erst unlängst in Lausanne geschaffenen Life-Science-Fakultät betreiben wolle. Es gehe darum, die Gelder, die Schweizer Firmen in universitäre Grundlagenforschung investieren, in der Schweiz zu behalten und allenfalls sogar ausländische Firmen anzulocken.

Das Abkommen erinnert auf den ersten Blick an eine Zusammenarbeit, die die University of California at Berkeley und Novartis 1998 vereinbarten. Auch damals ging es um 25 Millionen – allerdings Dollar – verteilt auf fünf Jahre. Das Abkommen löste an der UC Berkeley wie auch in der internationalen Wissenschaftspresse heftige Kontroversen aus. Novartis erhielt weitgehende Mitspracherechte bei der internen Geldvergabe am Departement für Pflanzen- und Mikrobiologie der UC Berkeley und durfte mitbestimmen, was publiziert wurde. KritikerInnen sahen die Forschungs- und Publikationsfreiheit bedroht. Eine interne Untersuchungskommission konnte diese Befürchtung nicht bestätigen, aber auch nicht ausräumen.

Streit um Gentech-Mais-Studie

Zwischen den beiden Abkommen gibt es klare Unterschiede, aber auch Parallelen. Das Wichtigste: Nestlé erhält nach Aussagen von ETH-Sprecher Henchoz kein Mitspracherecht, was die einzelnen Forschungsprojekte, die Lehrstühle und die Publikation der Forschungsresultate angeht. Der Konzern erhält lediglich das Recht, die Lizenzen auf Patente, die aus dieser Finanzierung resultieren, zu erwerben. Damit ist die Forschungsfreiheit vertraglich gesichert.

Der Fall Berkeley zeigt aber, dass die Fakultätsmitglieder gegenüber ihrem Sponsor loyaler waren, als sie aufgrund der vertraglichen Verpflichtungen hätten sein müssen – ohne sich dessen bewusst zu sein, wie die Zürcher Wissenschaftsforscherin Monika Kurath in ihrer Dissertation «Wissenschaft in der Krise?» (Zürich, 2005) feststellt. Das manifestierte sich insbesondere an der Kontroverse um eine Studie mit Gentech-Mais in Mexiko.

2001 publizierte «Nature» eine Studie, die ergab, dass Spuren von Gentech-Mais in mexikanischen Wildrassen nachweisbar seien. Damit wäre die Biodiversität des Maises in seinem Herkunftsgebiet bedroht – ein Resultat, das der Agroindustrie nicht gefallen konnte. Autoren waren zwei Angehörige des Pflanzenwissenschaftlichen Departements der UC Berkeley, Ignacio Chapela und sein Mitarbeiter David Quist.

Der Artikel löste eine heftige Kontroverse aus, in der FakultätskollegInnen der Autoren eine zentrale Rolle spielten. Diese warfen der Studie methodische Fehler vor und lehnten deren Schlussfolgerungen ab. Quist und Chapela mussten Fehler einräumen – allerdings solche, die an der Hauptaussage der Studie nichts änderten. Die «Nature»-Redaktion distanzierte sich in einem Editorial von der Studie, ohne diese aber formell zurückzuziehen. Dieses Vorgehen wurde wiederum von Berkeley-BiologInnen kritisiert, die Chapela verteidigten. Sie stellten in ihrer Kritik an «Nature» einen Bezug zwischen der Kontroverse und dem Berkeley-Novartis-Abkommen her: Ignacio Chapela war ein Kritiker dieses Abkommens. Zudem hätten es die Chapela-KritikerInnen in ihren Stellungnahmen versäumt, ihre kommerziellen Interessen offenzulegen. Der Verdacht, Chapela sei aus politischen Gründen nicht mehr genehm, wurde 2003 noch einmal geäussert, als ihm die Festanstellung als Professor an der UC Berkeley verweigert wurde.

«Ein besseres Leben leben»?

Wurde Chapela ein Opfer seiner Opposition gegen das Novartis-Abkommen? Handelten seine KritikerInnen im Interesse ihrer Sponsoren? Zahlreiche Studien haben nachgewiesen, dass ForscherInnen dazu neigen, Resultate zu produzieren, die ihren GeldgeberInnen genehm sind – ohne sich dessen bewusst zu sein. Das bedeutet, dass die Forschungsfreiheit auch dann tangiert ist, wenn sie vertraglich zugesichert ist. Und selbst wenn das Novartis-Abkommen das Verhalten der Chapela-KritikerInnen nicht beeinflusst haben sollte, so hat es doch deren Glaubwürdigkeit gemindert. Die Gefahr einer unbewussten Beeinflussung der Forschenden besteht auch im Abkommen zwischen der ETH Lausanne und Nestlé – auch wenn die Ernährungsforschung (derzeit noch) kein so heftig umstrittenes Feld ist wie die Agro-Gentechnologie.

Eine andere Beeinflussung der öffentlichen Forschung ist aber längst im Gange. Es geht um die Frage, was überhaupt erforscht wird. Eine Hochschule, die die Förderung des Wirtschaftsstandorts Schweiz als ihre Aufgabe betrachtet, wird in solche Forschungen investieren, wie sie am Brain Mind Institute in Lausanne stattfinden. Soll sich öffentliche Forschung in einer Welt, in der 800 Millionen Menschen an Unterernährung leiden, mit Geschmacksintensivierung befassen (während die Zucht immer grössere, immer schönere, aber immer geschmacklosere Tomaten oder Äpfel auf den Markt bringt)? Und die Alzheimer-Vorbeugung? «Bei Nestlé glauben wir, Forschung könne helfen, bessere Nahrungsmittel zu machen, so dass Menschen ein besseres Leben leben», sagt die Nestlé-Website. Das ist Nestlés gutes Recht, aber soll eine öffentliche Universität dabei helfen? In unserer Weltgegend haben die Menschen genug Geld sowie das nötige Wissen, sich gesund zu ernähren (in Weltgegenden, wo den Menschen das Geld fehlt, haben sie andere Sorgen als Alzheimer-Prophylaxe). Viele essen trotzdem ungesund und werden krank. Gesundheitsfördernde Hightech-Lebensmittel («functional food») zu entwickeln, ist da eine extrem technizistische Art, den Menschen zu einem «besseren Leben» zu verhelfen.

Nicht gratis

Das Geld, das die ETH Lausanne von Nestlé erhält, ist nicht gratis. Nestlé hat ein Forschungsbudget von 1,5 Milliarden Franken pro Jahr. Das Gesamtbudget der ETH Lausanne – für alle Aufgaben und alle Fakultäten – beträgt 594 Millionen. Wenn die grosse Nestlé in die kleine ETH investiert, erkauft sie sich damit vor allem zwei Dinge: Einfluss – und das Renommee einer unabhängigen, öffentlichen Hochschule. Die ETH sollte sorgfältig mit diesem Kapital umgehen.

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