Nr. 51/2006 vom 21.12.2006

«Natürlich trauen wir ihnen nicht»

Eine Regierung der Nationalen Einheit muss her, fordert die palästinensische Feministin Amal Chreische. Aber geht das mit der islamisch-konservativen Hamas?

Interview: Armin Köhli

WOZ: Wie leben Sie als Politikerin, als Feministin im Alltag?

Amal Chreische: Ich lebe in Ramallah, habe vier Kinder und einen Ehemann. Ich gehöre zur Mittelklasse. Nach dem Abschluss eines Psychologiestudiums mache ich jetzt den Master in Internationalen Beziehungen an der Universität Bir Seit. Seit ich sechzehn war, beteilige ich mich am nationalen Befreiungskampf. Gemeinsam mit vielen anderen Aktivistinnen entdeckten wir unsere Gender-Identität durch eigene Erfahrung. An sich anerkennt und respektiert die Gesellschaft unsere Beteiligung am Widerstand. Frauen nehmen an Demonstrationen teil, wenden die gleichen Kampfmittel an - doch wenn es um die Führung geht, haben sich die Frauen immer unterzuordnen, selbst wenn sie gleich fähig sind wie die Männer.

Uns wurde klar, dass das keinen Sinn ergibt: auf der Strasse als Kämpferin erwünscht, aber zuhause eine Sklavin zu sein. Für viele Frauen ist es schwierig, nur schon ihren Partner selbst auszuwählen. Sie können kaum von «ihrem Freund» reden - faktisch ist er schon ihr Ehemann. Sie haben Mühe, ihren Weg selber zu bestimmen.

Auch die Frauen aus dem Mittelstand?

Ja, sicher. Wir begannen, Gleichberechtigung zu thematisieren - nicht, weil wir die westlichen Feminismustheorien studiert hatten, sondern weil wir erlebten, was es heisst, einen minderwertigen Status zu haben. Wir kämpfen mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, aber auch innerhalb der politischen Parteien gegen alle Formen von Gewalt: gegen häusliche Gewalt, politische Gewalt, Ignoranz, Ausschluss, Marginalisierung.

Sind Sie denn Mitglied in einer politischen Partei?

Ich war unabhängige Kandidatin auf der Liste von al-Mubadara. Gemeinsam mit al-Mubadara versuchen wir, einen demokratischen Trend zu schaffen, um den Graben zwischen der Hamas und der Fatah zu füllen. Leider haben wir nur zwei Sitze errungen. Die Hamas hat alles weggeschnappt. Doch es ist uns gelungen, die Anliegen der Frauen in die öffentliche Debatte zu bringen.

Wir müssen auch gegen die Besetzung kämpfen. Das tun wir auch gemeinsam mit israelischen Frauen. Wir initiierten die Internationale Frauenkommission für einen gerechten Frieden. Ihr gehören prominente palästinensische Politikerinnen, israelische Parlamentarierinnen sowie internationale Frauen an. Wir wollen damit mehr Raum für Frauen bei der Konfliktlösung gewinnen. Und am Verhandlungstisch. Aber im Moment gibt es ja nicht einmal einen Verhandlungstisch. Deshalb versuchen wir, die israelische Seite dorthin zurückzubringen.

Ist es schwierig, gleichzeitig Feministin und Nationalistin zu sein?

Wenn ich über die Souveränität eines palästinensischen Staates und über garantierte Grenzen spreche, dann kann ich das nicht trennen von meinen eigenen Grenzen als Frau. Wenn ich für den palästinensischen Staat und gegen die israelische Besetzung kämpfe, dann kämpfe ich gleichzeitig für meine eigene Souveränität. Deshalb kämpfe ich gegen jede Form von Gewalt. Sicherheit ist nicht nur eine territoriale Frage. Es geht um den Respekt für die Menschenrechte, um Stabilität und Gleichberechtigung.

Es ist nun fast ein Jahr her, seit die islamisch-konservative Hamas die Mehrheit im Parlament gewonnen hat. Ist die Gesellschaft konservativer, rückschrittlicher geworden?

Augenfällige Veränderungen gibt es nicht. Die Hamas hatte nicht genug Zeit dafür. Schon zwei Monate nach der Wahl war ihre Regierung konfrontiert mit dem massiven Druck, den die arabischen Regimes und die internationale Gemeinschaft, vor allem natürlich die USA und die EU, ausüben. Weiter sind die wichtigsten Ministerien immer noch von der Fatah dominiert, die die hohen Beamten stellt. Auch in den Medien hat die Hamas keinen Einfluss.

Für die Hamas war es selber ein Schock, so viele Sitze im Parlament zu gewinnen. Sie wäre lieber die wichtigste Oppositionspartei geworden. Ihr fehlt die Erfahrung im Regieren.

Für die Hamas ist es einfacher, ihre Politik gegenüber den Frauen zu formulieren. Die Hamas-Politiker reden über den Islamisierungsprozess, den sie prioritär behandeln. Was meinen sie mit Islamisierung? Sie werden keine Gewalt anwenden, um die Frauen zu zwingen, Kopftücher zu tragen oder ins Haus zurückzukehren. Sie sind sehr pragmatisch, und sie benutzen die gleiche Terminologie wie die säkularen Gruppen: Sie sprechen von Gleichberechtigung, von Entwicklung, von Demokratie. Sie benutzen die gleichen Worte, haben aber andere Konzepte.

Trauen Sie ihnen nicht?

Natürlich nicht. Als wir begonnen haben, mit ihnen für die Entwicklung eines Abkommens über die Anerkennung der Frauen zusammenzuarbeiten, sagten sie: Okay, lasst uns über die entsprechenden Vorgaben reden. Wir sagten: Es ist wichtig, über die Deklaration der Menschenrechte zu reden. Für uns ist auch die sehr säkular abgefasste palästinensische Unabhängigkeitserklärung wesentlich, und das palästinensische Grundrecht, das als eine Art Verfassung betrachtet wird. Da kam es zu grossen Differenzen. Die Hamas glaubt nicht an Gleichheit, sondern an die ergänzende Rolle von Mann und Frau nach Vorgabe des Schöpfers - von Gott. Die Hamas bestand auf gewissen konservativen Anliegen. Denn sie wollen die Frauen zuhause, sie versuchen, ihren Raum in der Öffentlichkeit einzuschränken.

Wie tun sie das konkret?

Wenn sie in den Predigten in den Moscheen beispielsweise über den Konflikt zwischen dem Iran und den USA sprechen, finden sie bestimmt eine Verbindung zur palästinensischen Frauenbewegung. Egal, worüber sie sprechen: Sie finden einen Weg, uns zu beschuldigen. Sie behaupten, wir wollten die palästinensische Familie, die Kultur zerstören, wir würden mit westlichen Frauenorganisationen zusammenarbeiten, die die Familie zerstören. Und Familie hat hier eine beinahe heilige Bedeutung. Denn nach dem Kollaps der palästinensischen Gesellschaft im Jahr 1948, nach der Entwurzelung der Palästinenser nach der Gründung von Israel, war die Familie die einzige Institution, die den Geist der Nation aufrechterhalten hatte.

Es gibt auch suggestive Herrschaft. Der Kulturminister etwa benutzt seine Macht und sagt zu den Angestellten: «Ah, sehr gut, Sie tragen ein Kopftuch. Und Sie, wann werden Sie auch eins tragen? Ich hoffe, dass Sie Ihren Weg finden.» Das ist Machtmissbrauch.

Wir sagten also zu den Hamas-Frauen: Schaut, wir können uns im Kampf gegen die israelische Besetzung abstimmen, wir können dort zusammenarbeiten, wo wir alle als Frauen betroffen sind.

Sie arbeiten also mit den Frauen der Hamas zusammen, nicht mit den Männern?

Ja. Etwa mit der Ministerin für Frauenangelegenheiten. Bei vielen Themen haben wir eine gemeinsame Basis. So hat die Hamas-Regierung eine Kommission gegen häusliche Gewalt eingesetzt, denn die Frauen- und Menschenrechtsgruppen machten viel Druck.

Doch wenn es um das Recht der Frauen auf Arbeit geht, um die gerechte Vertretung der Frauen, um die persönlichen Rechte, dann wird es schwierig. Wir sagen: Ihr akzeptiert die westliche politische Struktur - ihr sprecht über einen Staat nach dem westlichen Modell des Nationalstaats, ihr beteiligt euch an Wahlen, ihr kleidet euch wie Westler. Warum also wollt ihr, wenn es um Frauen geht, 4000 Jahre zurückgehen?

Was halten Sie vom internationalen Boykott gegen die Hamas-Regierung?

Für uns ist es schwer, die europäische Haltung zu verstehen. Sie sprechen über Demokratie, über Menschenrechte. Und dann wollen sie die algerische Erfahrung wiederholen? Als die islamistischen Gruppen in Algerien die Wahlen gewannen, wurde die Demokratie plötzlich ignoriert, man wollte den Islamisten die Macht nicht überlassen - und das führte zum Bürgerkrieg. Die Europäer wissen doch, dass das auch in unserer Situation zum Bürgerkrieg führt. Das palästinensische Volk muss die Möglichkeit erhalten, seine nationalen Rechte auszuüben.

Für uns Frauen ist es ein zentrales Anliegen, dass eine Regierung der Nationalen Einheit gebildet wird. So können wir auch dem internationalen Boykott etwas entgegensetzen.

Wenn es tatsächlich zur vorgezogenen Parlamentswahl kommt, die Präsident Mahmud Abbas angekündigt hat - wie wird sie ausgehen?

Selbst wenn die Leute seit neun Monaten kaum mehr Lohn erhalten haben - tief im Inneren wissen sie, dass das nicht der Fehler der Hamas ist. Sie verlangen, dass ihre Wahl respektiert wird. Immerhin erkennen viele Menschen, dass Hamas nicht reif genug ist, um zu regieren. Viele sind ja auch gar nicht für das politische Programm der Hamas, sondern wollten bei der Wahl nur die Fatah bestrafen. Nun sehen sie, dass das ein Fehler war. Dennoch bin ich nicht sicher, dass die Hamas abgewählt wird, wenn wir wirklich vorgezogene Wahlen haben.

Die Hamas wurde mächtig, weil der Friedensprozess gescheitert ist. Wenn die Menschen frustriert sind, wenn Leute im Namen des Friedens getötet werden, wenn Land konfisziert wird, wenn die Apartheidmauer auf dem palästinensischen Land gebaut wird, dann wollen die Leute etwas anderes. Sie suchen eine Supermacht, eine heilige Macht: Sie wollen einen Hüter, der sie rettet.

Amal Chreische

Die 48-jährige Politikerin ist Direktorin der Palestinian Working Women Society for Development. Diese Organisation schafft beispielsweise Jobs für Uniabgängerinnen. In ihren Zentren finden Frauen, die mit Gewalt und Diskriminierung konfrontiert sind, Unterstützung. Amal Chreische kandidierte bei der Parlamentswahl auf der Liste von al-Mubadara von Mustafa Barghuthi. Sie besuchte auf Einladung der feministischen Friedensorganisation cfd die Schweiz.

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