Nr. 05/2007 vom 01.02.2007

2161 US-Dollar, und schon bist du vermögend

Die Kluft zwischen Armen und Reichen wird immer grösser - und hat besonders in den letzten zwanzig Jahren stark zugenommen.

Von Michael R. Krätke

Preisfragen waren schon vor über 250 Jahren sehr beliebt. So wollte 1754 die Akademie von Dijon wissen: «Was ist der Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen und wird sie durch das natürliche autorisiert?» Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau beteiligte sich mit der Abhandlung «Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen». Soziale und politische Ungleichheit, so Rousseau, ist weder natürlich noch gottgewollt, noch ist sie eine Konsequenz der natürlichen Ungleichheit der Menschen. Sie entsteht vielmehr mit und durch das Privateigentum, durch die private Aneignung und Ausbeutung aller Reichtümer der Erde, und sie bedarf der Legitimation, der Zustimmung aller (oder doch vieler).

Immer grössere Unterschiede

Wir leben in einer Welt extremer Ungleichheit. Es ist hinreichend bekannt, dass zwei Milliarden Menschen auf der Welt von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen, die Hälfte der Weltbevölkerung von knapp zwei Dollar pro Tag. Wir wissen, dass die soziale und ökonomische Ungleichheit weltweit zugenommen hat und weiterhin rasch zunimmt - innerhalb der einzelnen Länder und Regionen ebenso wie zwischen den «armen» und den «reichen» Ländern.

Zu Rousseaus Zeiten und bis zum Jahr 1800, so scheint es nach der Datenlage, war die ökonomische Ungleichheit zwischen den Nationen und Regionen der Erde gering, geringer als die ökonomische Ungleichheit innerhalb der einzelnen Länder. Nach 1800 änderte sich das rasch und gründlich. Seither sehen wir die Ungleichheit zwischen den Ländern und Regionen weit schneller wachsen als die Ungleichheit innerhalb der einzelnen Länder. Um 1900 herum betrug das Verhältnis zwischen dem durchschnittlichen Einkommensniveau in den reichen Ländern des «Nordens» und dem in den armen Ländern des «Südens» 1 zu 4. Heute, im Zeitalter der sogenannten Globalisierung, beträgt dieses Verhältnis mindestens 1 zu 30.

Es gibt mehr und grössere Ungleichheiten auf der Welt als je zuvor, und sie sind besonders in den letzten zwanzig Jahren stark gewachsen. Armut und Reichtum nehmen zu, die Armen werden ärmer und die Reichen reicher. Folglich wird die Kluft zwischen beiden Extremen weltweit immer grösser, auch wenn die absolute Zahl der Armen in jüngster Zeit etwas zurückgegangen zu sein scheint. Doch nach wie vor leben fast drei Milliarden Menschen in Armut, mehr als eine Milliarde in extremer Armut. In der Bundesrepublik Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, stieg die Zahl der offiziellen Armen auf fast vierzehn Prozent der Bevölkerung, und die Einkommens- und Vermögensungleichheit hat deutlich zugenommen.

Mangelware

Wissenschaftliche Studien zur Entwicklung von Armut und Reichtum sind Mangelware. Selbst für die globale Einkommensentwicklung reichen die aktuellsten Daten nur bis 1998. Für die Weltbank und den IWF war die soziale Ungleichheit im Weltmassstab bisher kein vorrangiges Thema. Anders die Uno: Sie hat zuletzt mit dem Weltsozialbericht 2005 die rasch wachsende ökonomische Ungleichheit zwischen den Regionen wie innerhalb der einzelnen Länder als zentrale Ursache von Gewalt und (Bürger-)Kriegsgefahr ausgemacht. Ob die Millenniumsziele des Kopenhagener Weltgipfels von 1995, die Halbierung der extremen Armut in der Welt, je erreicht werden können, ist demnach mehr als fraglich.

Anfang Dezember 2006 hat das World Institute for Development Economics Research (Wider) der Uno eine neue Studie veröffentlicht, in der zum ersten Mal für mehr als 94 Prozent der Weltbevölkerung die Verteilung des Reichtums, der Einkommen und der Vermögen und deren Entwicklung bis zum Jahre 2000 detailliert untersucht wurde. Damit wurde eine der grossen globalen Forschungslücken annähernd geschlossen.

Aus vereinzelten Länderstudien wissen wir seit langem, dass die Vermögensverteilung in der Regel weit ungleicher ist als die Einkommensverteilung. Ein halbwegs zutreffendes Bild von der tatsächlichen ökonomischen Ungleichheit erhält nur, wer Vermögens- und Einkommensverteilung untersucht. Die Autoren der Wider-Studie haben das zum ersten Mal getan. Dank dieser Pionierarbeit stehen endlich einigermassen verlässliche Daten über das Verhältnis von Armut und Reichtum in der Welt zur Verfügung. Untersucht wurde die globale Verteilung des Reichtums für die erwachsene Weltbevölkerung im Blick auf Haushaltsvermögen - netto, nach Abzug der Schulden. Die Studie reicht bis zum Jahre 2000, aktuellere Daten sind weltweit nicht verfügbar. Nur für eine relativ kleine Zahl von achtzehn Ländern gibt es überhaupt vollständige, laufende Erhebungen, für eine Reihe weiterer Länder sind Umfragedaten vorhanden. Allerdings haben Umfragen einen grossen Nachteil: Schulden und Finanzvermögen (auch Immobilienvermögen) werden nicht vollständig beziehungsweise viel zu niedrig angegeben, vor allem von den Reichen und Superreichen. Dieser Fehler schlägt auf die Schätzungen der Autoren.

Vermögen sind überall auf der Welt deutlich ungleicher verteilt als Einkommen. Vermögen ist nicht gleich Vermögen, Einkommen nicht gleich Einkommen, auch wenn es sich in gleichen Geldsummen ausdrücken lässt. In den armen Ländern und Regionen ist - im Gegensatz zu den reichen Ländern - reales Vermögen wie Grund- und Hausbesitz wichtiger als Finanzvermögen. In den Entwicklungsländern sind Finanzvermögen, soweit vorhanden, überwiegend Geldvermögen, in den reichen Ländern wird das Geld dafür in Wertpapiere angelegt.

Die Vermögenskonzentration ist am höchsten in den reichen Ländern, wo sich der Löwenanteil des Weltvermögens befindet: neunzig Prozent des weltweiten Reichtums (Nettohaushaltsvermögens) befinden sich in Nordamerika, Europa und den reichen Ländern des asiatisch-pazifischen Raums (Japan und Australien vor allem). Auf Nordamerika mit sechs Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung entfällt allein ein Drittel des Weltvermögens. Zum Vergleich: Auf Indien, mit mehr als fünfzehn Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung, entfällt nur ein knappes Prozent.

Zwischen den Ländern des reichen Nordens variiert die Vermögenskonzentration beträchtlich: Dem obersten einem Prozent der VermögensbesitzerInnen in Irland beispielsweise gehören dort rund zehn Prozent des gesamten privaten Haushaltsvermögens, in der Schweiz und in den USA ist es ein Drittel. In den USA entfallen auf das oberste Zehntel der reichsten VermögensbesitzerInnen fast siebzig Prozent des gesamten privaten Haushaltsvermögens. In der Volksrepublik China halten sie vierzig Prozent.

Wer zur oberen Hälfte der Vermögenden dieser Welt gehören will, braucht mindestens 2161 US-Dollar, wer zu den obersten zehn Prozent gehören will, muss mindestens 61000 US-Dollar vorweisen können. Zur Topliga des obersten einen Prozents der Vermögenden dieser Erde wird nur zugelassen, wer über ein Vermögen von mehr als 500 000 US-Dollar verfügt. Diese Spitzengruppe der Schwerreichen umfasst immerhin noch 37 Millionen Erwachsene. Seit dem Jahr 2000 dürften sich die Mindestsumme an Vermögen, die man braucht, um zu dieser schmalen Oberliga der Superreichen aufzurücken, nochmals erheblich erhöht haben.

Riesige Kluft

Daraus folgt, dass den obersten zehn Prozent der Superreichen gut 85 Prozent des Weltvermögens gehören, dem obersten einen Prozent mehr als vierzig Prozent des Weltvermögens. Am anderen Ende dieser Verteilung muss sich die Hälfte der erwachsenen Weltbevölkerung mit gerade mal einem Prozent des Weltvermögens begnügen. Im Durchschnitt ist jedes Mitglied der obersten zehn Prozent 3000 Mal reicher als jedes Mitglied der untersten zehn Prozent.

Nehmen wir den berühmten Kuchen, auf dem die konservativen Damen und Herren ständig herumreiten, um uns und sich weiszumachen, jede Umverteilung sei sinnlos, da man bekanntlich nicht mehr verteilen könne, als produziert werde. Wenn wir die Struktur der weltweiten Vermögensverteilung auf eine Gruppe von zehn Personen übertragen, die sich einen Kuchen teilen, dann müssen wir uns enen Herrn vorstellen, der 99 Prozent des Kuchens für sich allein beansprucht, während die übrigen neun sich das verbleibende Prozent teilen dürfen. Umverteilung hätte in diesem Fall durchaus Folgen: Der eine würde nicht daran sterben, den anderen neun ginge es erheblich besser als zuvor.

Der Grossteil der Reichen lebt in Nordamerika, Europa, Japan und Australien. In den USA leben ein Viertel der reichsten zehn Prozent der VermögensbesitzerInnen und mehr als ein Drittel der Superreichen (des obersten Prozents). In Japan sind es 21 Prozent beziehungsweise 27 Prozent. Nur wenige Reiche und Superreiche leben in den armen Ländern der Erde: Auf Brasilien, Indien, Russland, die Türkei und Argentinien entfällt jeweils knapp ein Prozent der globalen Spitzengruppe der VermögensbesitzerInnen, in China befinden sich immerhin schon mehr als vier Prozent der reichsten WeltbürgerInnen. Nach der Wider-Studie gab es im Jahr 2000 knapp vierzehn Millionen DollarmillionärInnen weltweit: Das sind erheblich mehr als in den Studien der Vermögensverwalter Merrill-Lynch und Forbes. Daneben gibt es weltweit fast eine halbe Million Superreicher und rund 500 VermögensmilliardärInnen.

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