Nr. 49/2013 vom 05.12.2013

Jedermannanzüge für Drogencops

Die FilmzuschauerInnen können sich darauf verlassen, dass Hollywood bald mit einer ganzen Barrage an Überwachungsfilmen den Markt überschwemmen wird. Dabei gibt es schon so viele – und darunter ein paar verdammt gute.

Von Etrit Hasler

Bereits 1927 überwacht der böse Herrscher Joh Fredersen in Fritz Langs «Metropolis» die ihm unterworfenen Arbeiter mit Kameras. Seither gehört Überwachung fix zu den thematischen Elementen der Filmgeschichte. Und in «M. Eine Stadt sucht einen Mörder» (1931) desselben österreichischen Regisseurs werden die BewohnerInnen einer ganzen Stadt zu mobilen Überwachungskameras auf der Suche nach einem Kindsmörder. Die starren Bilder, die vollends ohne Musik auskommen, erinnern heute paradoxerweise eher an Aufnahmen von Überwachungskameras und weniger an einen Spielfilm, was den Film trotz seines Alters höchst aktuell hält. Zwar wirft «M» eine Reihe von moralischen Fragen auf: nach der Rechtfertigung von Selbstjustiz beispielsweise oder danach, ob die «guten BürgerInnen» einer Stadt sich wirklich von denen der Unterwelt unterscheiden (in einer wunderschönen Montagesequenz laufen bei Polizei und Gangstern parallel fast dieselben Gespräche ab). Die Frage, was mit einer Gesellschaft geschieht, in der sich alle gegenseitig bespitzeln und verdächtigen, wird aber nur knapp angeschnitten – dass Regisseur Lang Nazideutschland 1933 verliess, angeblich nach einem Angebot von Goebbels, die Leitung des deutschen Films zu übernehmen, mag in diesem Zusammenhang ironisch wirken. Dennoch enthält der Film eine spannende Wendung, die durchaus als Absage an den Überwachungsstaat gewertet werden kann: Weder der allmächtige Staatsapparat noch die durchorganisierte Unterwelt mit ihren Spitzeln und Informanten vermögen schliesslich den Kindsmörder auszumachen – stattdessen ist es ein blinder Ballonverkäufer, der den soziopathischen Serienkiller identifiziert.

Die kriminalistische Überwachung gehört seitdem fest zum Standardrepertoire des Films, wobei die Kehrseiten – wie sie insbesondere in «Metropolis», aber auch in Charlie Chaplins «Modern Times» (1936) aufgezeigt werden – lange Zeit eher vergessen gingen. Mit Ausnahme der ersten Verfilmung des orwellschen Klassikers «1984» (1956) oder vielleicht noch «Die 1000 Augen des Dr. Mabuse» (1960) wurde paradoxerweise eher die Fotografie als die filmische Überwachung thematisiert. So zum Beispiel in Alfred Hitchcocks «Rear Window» («Das Fenster zum Hof»): ein Fotograf, der mit gebrochenem Bein im Rollstuhl sitzt und seine Zeit damit verbringt, seine Nachbarschaft zu beobachten – am liebsten die schöne Tänzerin von gegenüber, die gern in Unterwäsche bügelt. Die sexuell-voyeuristische Spur, die Hitchcock hier legt, kippt abrupt in einen Thriller, als der Fotograf glaubt, einen Mord mitbekommen zu haben. Spannend dabei: Er hat den Mord nicht gesehen, sondern setzt sich aus Indizienbeobachtungen eine Geschichte zusammen, die ihm niemand glaubt. Hitchcock lässt zur Klimax des Films mit poetischer Ironie den Voyeurismus auf den Voyeur zurückfallen: Der Mörder enttarnt seinen Beobachter mithilfe eines anonymen Telefonanrufs und lauert ihm zu Hause auf. Mit einem ähnlichen Ausgangsszenario operiert «Blow-up» (1966) von Michelangelo Antonioni – ein Modefotograf nimmt bei einem Schnappschuss zufällig einen Mord auf und gerät selbst ins Fadenkreuz der Mörderin. Obwohl der Film heute vor allem als zitatverpacktes Stück Zeitgeschichte gilt (und nicht zuletzt deswegen seinerseits unzählige Male zitiert wird), sticht er durch das unangenehme Gefühl der Verunsicherung hervor, das er bei den ZuschauerInnen hinterlässt: Erst verschwindet die Leiche spurlos, zum Schluss (nach einem surrealen Tennismatch zwischen Pantomimen) die Hauptfigur selbst. Was bleibt dem Beobachtenden auch noch, wenn das, was er beobachtet hat, nicht mehr beweisbar ist?

Die Läuterung des Stasistaats

Im Nachzug der Watergate-Affäre tauchten vermehrt Filme auf, in denen die Tonüberwachung eine zentrale Rolle spielte – so zum Beispiel Alan Pakulas «The Parallax View» (einer der ersten grossen Verschwörungsfilme, der die Paranoia auf seine ZuschauerInnen überspringen lässt – sollte man weder nachts schauen noch parallel dazu E-Mails checken) oder Francis Ford Coppolas Spionagethriller «The Conversation» (beide 1974). Bei Letzterem ist es der staatliche Beobachter selbst, der mit seiner Beobachtung einen Mord auslöst. Zu einem gewissen Grad darf Florian Henckel von Donnersmarks preisüberhäufte deutsche Produktion «Das Leben der Anderen» (2006) durchaus als Hommage an «The Conversation» angesehen werden – ein Stasiagent wird angestiftet, einen Theaterautor zu überwachen mit dem Ziel, diesen als Rivalen eines ranghohen Parteimitglieds aus dem Weg zu schaffen. Auch hier verändert die Beobachtung das beobachtete Objekt: Der überaus staatstreue Stasimann mischt sich ein, was schliesslich im Suizid der Frau endet, die zwischen den beiden Rivalen steht. Dass der etwas unglaubwürdig beschriebenen (wenn auch fantastisch gespielten) Hauptfigur «HGW XX/7» zum Schluss eine Läuterung zugestanden wird, darf getrost als letztes Aufbäumen von «Ostalgie» gesehen werden – im Vorbild von 1974 fehlt das versöhnliche Ende komplett: Mit seiner Einmischung verschuldet Protagonist Harry Caul den Tod seines eigenen Vorgesetzten und wird selbst unter konstante Überwachung gestellt – der Kreis schliesst sich.

Noch einen Schritt weiter geht das weniger bekannte Meisterwerk «A Scanner Darkly» (2006) von Richard Linklater. In den komplett computer- und videoüberwachten USA der nahen Zukunft wird ein Undercoverpolizist, der in die Drogenszene um die mysteriöse «Substanz T» eingeschleust wird, selbst zum Drogensüchtigen. Die Tatsache, dass PolizistInnen in dieser Welt – solange sie als solche auftreten – sogenannte Jedermann-Anzüge tragen, die ihre Identität verheimlichen, führt nicht nur dazu, dass der Undercovercop sich faktisch selbst bespitzelt, sondern auch noch zu einer Affäre mit seiner ebenfalls drogensüchtigen Chefin. Das zunehmende Klima der Paranoia und Verwirrung endet in seinem Kollaps, und er wird in eine Entzugsklinik gebracht, wo – wie sich herausstellt – ebenjene Substanz T hergestellt wird. Seine Geliebte/Chefin hat ihn absichtlich in den Wahnsinn getrieben, um dies aufzudecken. Was vom Plot her schon verrückt klingt, wird filmisch noch viel irrer, indem der ganze Film zwar als Realfilm gedreht, in der Postproduktion aber «überzeichnet» wurde und aussieht wie ein Zeichentrickfilm mit dauernd wackligen, verschwimmenden Linien und Perspektiven. Philipp K. Dick, der Autor der Romanvorlage, hat bis zu seinem Tod behauptet, er habe all das mit eigenen Augen gesehen. Wenigstens sei es der erste Roman gewesen, den er nicht auf Speed geschrieben habe – vielleicht ist er ja gerade deswegen den Freunden gewidmet, die er an die Drogen verloren hat.

Die ultimative Überwachung

Dass die Videoüberwachung so lange brauchte, um in Filmen aufzutauchen, mag am Medium selbst liegen. Eigentlich ist ja jeder Film auch ein Film über Überwachung – das Publikum ist häufig in der Position des allwissenden Voyeurs, der aus fast göttlicher Perspektive auf die kleinen, fiktiven Leben der Figuren blickt, um daraus eine Katharsis für sich selbst zu gewinnen. Ausser natürlich in den wenigen Fällen, in denen aus der Ich-Perspektive gefilmt wird, wie am Anfang von John Carpenters «Halloween» (1978). Wobei dort ein genauso voyeuristischer Schockeffekt geboten wird – aus der Perspektive des Täters ein grausames Verbrechen zu begehen. Kathryn Bigelows «Strange Days» (1995) macht aus diesem Szenario eine Droge: aufgezeichnete Todes- und Selbstmordszenen, die letzten Minuten der Opfer als letzter möglicher Kick in einer Gesellschaft, die an ihrer eigenen Sattheit zugrunde geht, pünktlich zum Millenniumssilvester. Ein veritables Science-Fiction-Meisterstück, das auch das alte Klischee, Science-Fiction sei Männersache, endgültig begräbt.

Überwachung von innen thematisiert Spike Jonzes freudscher Albtraum «Being John Malkovich» (1999): Ein hyperintellektueller Puppenspieler landet via eine Tür, die hinter einem Aktenschrank in Stock siebeneinhalb eines Geschäftshauses versteckt liegt, als Tourist im Kopf des Schauspielers John Malkovich. Der Film, der noch einiges durchgeknallter daherkommt als die Beschreibung seiner Story, soll zwar eine Komödie sein – das damit verbundene Szenario ist aber eine psychologische Schreckensvision, die kaum zu überbieten ist.

Ebenfalls eine Schreckenskomödie bietet der beste Film mit Blödelmeister Jim Carrey, «The Truman Show» (1998): Das erste von einer Firma adoptierte Baby lebt unter einer Kuppel, wo jede seiner Handlungen dokumentiert und als Fernsehshow in alle Welt ausgestrahlt wird. Big Brother (in diesem Fall die Fernsehshow) neu gedacht. Die Geschichte um die Hauptfigur Truman, der sich von seiner falschen Plastikwelt emanzipiert, ist feingeistig, berührend – und im Unterschied zu «Matrix» (1999), das dasselbe Szenario in eine postapokalyptische Schreckenswelt versetzt, komplett frei von religiösem Pathos. Umso tragischer vielleicht, dass es eine psychische Erkrankung gibt, bei der Menschen tatsächlich glauben, sie seien in einer Fernsehshow gefangen – das «British Journal of Psychiatry» verlieh der Krankheit den Titel «Truman-Show-Wahn».

Doch nicht jede Überwachungsvision muss ein Unheilsszenario sein: In Gene Roddenberrys sozialistischer Fernsehutopie «Star Trek» (1966–2005) ist der gläserne Bürger längst Realität. Wer wissen will, wo sich jemand befindet, was diese Person arbeitet oder welche Hobbys sie hat, befragt den Computer, der jederzeit bereitwillig Auskunft gibt. In einer Gesellschaft, in der es kein Geld, Bildung für alle, keinen Rassismus und (fast) keinen Sexismus mehr gibt, mag das vielleicht funktionieren. Wir jedoch müssen erst noch den Umgang lernen mit der Datenflut und der Omnipräsenz der Bilder, die auch jederzeit auf uns zurückfallen können. Ein praktisches Beispiel dafür liefert ausgerechnet die Teenagerkomödie «American Pie» (1999): Der Jugendliche Jim will sein erstes Mal für seine neugierigen Freunde im Internet übertragen – stattdessen sieht die ganze Schule live bei seinem vorzeitigen Erguss zu.

Geheimnisse unterm Baum

Wer noch nicht genug Überwachung hat, darf sich noch Folgendes auf den Weihnachtszettel schreiben:

«The Hunger Games» (2012)

Teenager werden zur Befriedung der live zugeschalteten Bevölkerung in ein mörderisches Fernsehszenario geworfen. Quasi-Remake des japanischen «Battle Royale» (2000) – Letzterer ist im Unterschied zur US-Version (die besser ist als ihr Ruf) nichts für schwache Nerven.

«Herr der Ringe» (2001–2003)

Sauron als körperloses Wesen, das als Allsehendes Auge das Böse in der Welt steuert und beobachtet. Peter Jacksons Umsetzung der schwülstigen Romanvorlage, die höchstens für Botanikfetischisten lesbar war, zeigt eindrücklich, wozu modernes Blockbusterkino fähig ist.

«Millennium-Trilogie» (2009–2011)

Die Krimitrilogie des verstorbenen Journalisten Stieg Larsson taucht die LeserInnen nicht nur in das abgrundtief Böse, das sich hinter der scheinbar bürgerlichen Gesellschaft versteckt – auch die Möglichkeiten der Computerüberwachung werden realistisch ausgekostet. Die Verfilmungen kommen nicht an die Romane heran. Insbesondere die amerikanische Version ist nur gerade wegen ihres Soundtracks erwähnenswert.

«Person of Interest» (ab 2011)

Ähnlich wie in Philip K. Dicks «Minority Report» verfügt die US-Regierung über einen Computer, der Verbrechen voraussehen kann. Post-9/11-Paranoia vom Feinsten. Die Serie ist noch nicht abgeschlossen und geht derzeit in ihre dritte Staffel.

«The Wire» (2002–2008)

Gilt als eine der besten US-Fernsehserien überhaupt. Drogen, Korruption, Überwachung – nicht überraschend Barack Obamas Lieblingsserie.

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