Nr. 10/2007 vom 08.03.2007

«Keine Frauen, keine Kinder»

Die US-amerikanische Journalistin Lesley Visser war die erste Frau, die über American Football berichtete. Sie wurde zu Beginn dafür ausgelacht und angemacht. Jetzt wurde sie geehrt.

Von Elke Wittich

American Football dürfte zu den männlichsten Sportarten überhaupt zählen. Und so wurde auch erst vor ein paar Wochen die TV-Reporterin Lesley Visser als erste Journalistin in die Hall of Fame der Profiliga aufgenommen. Die 53-Jährige gilt als Pionierin. Als sie ihre Karriere begann, galt für die Pressetribünen der Footballstadien noch wie in den Arbeitsgenehmigungen für Reporter vermerkt: «Keine Frauen, keine Kinder.»

Noch während ihrer Collegezeit hatte Visser 1974 eine Praktikumsstelle im Sportressort der Tageszeitung «Boston Globe» erhalten, finanziert durch eine Stiftung, die Studentinnen unterstützte, die Berufe ergreifen wollten, in denen zu 95 Prozent Männer arbeiteten. Sportjournalismus war damals in den USA ein eindeutig männlich dominiertes Genre, die wenigen Frauen in diesem Job beschäftigten sich mit Kunstturnen, Eiskunstlaufen und Gymnastik. Wagten sie sich in andere Bereiche, wurden sie von Athleten, Trainern und Funktionären oft ausgesprochen rüde behandelt, verweigerte Interviews waren für sie an der Tagesordnung.

Visser, schon als kleines Mädchen Boston-Celtics-Fan und zu Halloween lieber als Quarterback statt als Fee oder Prinzessin verkleidet, ging es zunächst nicht viel besser. Sie liess sich allerdings nie provozieren, weder durch verbale Unverschämtheiten noch durch Spieler, die sich in den Umkleidekabinen provozierend nackt vor ihr aufbauten. Wenn ein Coach ihr verbot, mit den männlichen Kollegen die Kabine zu betreten, machte sie die Interviews eben vor der Tür. «Was hätte ich auch sonst tun sollen? Mein Boss erwartete pünktlich um 18.30 Uhr meine Story.» Von den Spielern wurde sie allerdings nicht immer sofort als Journalistin erkannt: Als sie mit Stift und Block auf die heutige Quarterback-Legende Terry Bradshaw zuging und gerade die erste Frage stellen wollte, kritzelte er ihr rasch ein Autogramm hin und wandte sich zum Gehen. «Ich musste hinter ihm herlaufen und ihm sagen, dass ich Reporterin bin», erinnerte sie sich in einem Interview.

Lesley Visser überzeugte selbst die grössten Machos durch ihre Kompetenz und wurde schliesslich von ihrer Zeitung als Teamberichterstatterin für die New England Patriots eingesetzt. «Weder Sport zu lieben noch ihn zu verstehen, liegt Jungs in den Genen», beschied sie damals männlichen Kritikern kühl. Und wechselte 1987 zum Fernsehsender CBS, wo sie hauptsächlich als Footballreporterin arbeitete. «Ich weiss nicht, ob jeder so weit ist, von einer Frau zu hören, dass dieser oder jener am linken Tackle, am Aussenspieler, vorbeirennen wird. Aber wissen Sie was? Sie werden es hören», erklärte sie. Und fügte hinzu: «Glaubwürdigkeit hat nichts mit Geschlecht, sondern mit Können zu tun.»

Im Jahr 2000 passierte Visser dann jedoch das, was Männern im Fernsehen so gut wie nie passiert: Sie wurde als Reporterin der renommierten ABC-Sendung Monday Night Football durch eine jüngere, fachlich schlechtere Kollegin ersetzt. Und umgehend wieder von ihrem alten Sender CBS verpflichtet, wo sie unter anderem die Olympiaberichterstattung übernahm. An ihrem Arbeitsplatz hängt ein gerahmter Spruch, den ihr die Tennisspielerin Billie Jean King einmal schickte. «Champions kommen damit klar, denn Druck ist ein Privileg», schrieb die Sportlerin, die 1973 den ersten Geschlechtermatch gegen Bobby Riggs für sich entschieden hatte. «Billie Jean King war mein Idol», sagt Visser, die ihrerseits vielen jüngeren Frauen als Idol gilt und Ehrungen fast aller US-Journalistinnen-Verbände erhielt. «Ich war wohl eine sehr ehrenwerte Pionierin», lachte sie einmal während einer Preisverleihung, «ich hab immerhin dafür gesorgt, dass es mittlerweile Frauentoiletten in den Pressebereichen der Footballstadien gibt.»

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