Nr. 12/2008 vom 20.03.2008

Ein Kick, der befreit

In der Sphäre des Wettkampfs halten sich geschlechterstereotype Vorstellungen und Zuschreibungen besonders hartnäckig. Fussballerinnen können helfen, diese zu überwinden.

Von Marianne Meier

Fritz Vögeli, Präsident des Schweizerischen Landesverbands für Leibesübungen, wandte sich 1943 mit folgenden Worten an die versammelten Sportärzte: «Der Kampf verzerrt das Mädchenantlitz, er gibt der anmutigen weiblichen Bewegung einen harten männlichen Ton. Er lässt die Grazie verschwinden, mit der das Weib sonst gewohnt ist, alle Bewegungen auszuführen. Der Kampf gebührt dem Manne, der Natur des Weibes ist er lebensfremd.»

Noch in den fünfziger Jahren galt Treten als unweibliche Bewegung. Offiziell war Frauen das Fussballspielen in zahlreichen Ländern Europas verboten, in Deutschland etwa bis 1970. Weshalb?

In allen Kulturen und Epochen scheint das Geschlecht ein zentrales Kriterium zur Gliederung der Gesellschaftsordnung zu sein. Während die deutsche Sprache zwischen dem biologisch-anatomischen Geschlecht und der Geschlechtsidentität keinen Unterschied macht, differenziert das Englische zwischen «sex» und «gender». Genderforschung heisst somit nicht Frauen- oder Feminismusforschung, sondern Geschlechterforschung mit gleichem Fokus auf Männer, Frauen und deren privater und öffentlicher Interaktion auf individueller und gesellschaftlicher Ebene.

Sport und insbesondere Fussball stellt vor diesem Hintergrund keine wertneutrale Sphäre dar. Er ist im Gegenteil stark geprägt von gesellschaftlichen Werten und Normen. Als soziale Praktik trägt er dazu bei, ebendiese Werte und Normen aufrechtzuerhalten und zu reproduzieren.

Olympia war männlich

Ein Blick in die Vergangenheit verdeutlicht die geschlechtsspezifische Prägung unserer Sport- und Spielkultur. Begriffe wie Mannschaftsspiel oder Manndeckung weisen auf die ursprünglich klar männlich dominierte Sphäre der sportlichen Aktivität hin. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kursierten Gerüchte über Unfruchtbarkeit von Sportlerinnen, und weibliches Fahrradfahren war in der Öffentlichkeit verpönt. In England war es um 1900 keine Seltenheit, dass Fahrradfahrerinnen mit Steinen beworfen wurden, wenn sie sich öffentlich auf ihrem Velo blicken liessen, statt ihrem als unsittlich eingestuften Hobby im Versteckten zu frönen.

Trotz der Warnungen vor «übermässiger Muskelbildung» begeisterten sich wohlhabendere Töchter und Frauen rasch für wettkampfmässiges Schwimmen und Tennis.

Die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit waren 1896 in Athen ausschliesslich den Männern vorbehalten, während sich die Frauen um 1900 in Paris - in bodenlangen Gewändern - lediglich probeweise im Golf, im Tennis und im Bogenschiessen messen konnten. Pierre de Coubertin, Stammvater der modernen Olympischen Spiele, leistete hartnäckigen Widerstand und versuchte eine weibliche Teilnahme an den Spielen von 1912 zu verhindern.

Seine Bemühungen, die sportbegeisterten Frauen von den Olympischen Spielen fernzuhalten, erwiesen sich als kontraproduktiv. Die ersten Frauen-Weltspiele 1922 in Paris vermochten als das erste Frauenolympia ein reges Medieninteresse zu wecken. Um eine Expansion dieser neuen, vielleicht bald schon konkurrierenden Frauensportbewegung zu verhindern, liess man die Sportlerinnen 1928 an den Olympischen Spielen in Amsterdam erstmals als offizielle Athletinnen zu. Die Frauen-Weltspiele fanden nach Paris insgesamt noch drei Mal statt: 1926 in Göteborg, 1930 in Prag und 1934 in London. Danach gewannen die Sportlerinnen zunehmend an Terrain und erkämpften sich Disziplin um Disziplin die Olympiazulassung.

Während die Frauenbeteiligung 1972 in München noch 15 Prozent betrug, hatte sie sich in Seoul 1988 bereits verdoppelt und bis ins Jahr 2000 in Sydney auf 38 Prozent gesteigert. An der Olympiade in Athen 2004 konnten sich Frauen in 27 von 28 Sportarten messen. Nur der Boxring blieb ihnen (noch) verwehrt.

Muskeln und - Frauen?

Das hat auch damit zu tun, dass zum Sport ein ausgeprägter Fokus auf Körperlichkeit gehört. Die Akzeptanz oder Ablehnung weiblicher Sportlichkeit hängt stark mit der soziokulturellen Auffassung zusammen, ob ein muskulöser Frauenkörper als attraktiv, feminin sowie begehrens- und erstrebenswert eingestuft wird oder nicht. Dürfen es sich Frauen überhaupt erlauben, öffentlich zu schwitzen? Schickt es sich, körperlich aktiv zu sein? Auch heute noch betrachten viele weibliche Muskularität als geschmacklos - männliche Muskelstärke hingegen gilt als heldenhaft.

Sport wird entsprechend oft als maskulines Heiligtum zelebriert, wobei erfolgreiche Athleten zu Helden, Idolen, Trendsettern, Halbgöttern, Sexsymbolen - kurz: zum Inbegriff der Männlichkeit - hochstilisiert werden.

Dieser heroisierende Körperkult grenzt aber gleichzeitig homosexuelle Sportler aus, da diese von der «traditionellen Männlichkeitsnorm» abweichen und althergebrachte Strukturen ins Wanken bringen.

Die Journalistin Beate Fechtig siedelt den Sport in ihrem Buch «Frauen und Fussball» in einer «konservativ biederen Szene» an. Die Beurteilung der gleichgeschlechtlichen Sexualität weist besonders im sportlichen Kontext markante sportartenspezifische Unterschiede auf:

«Eiskunstläufer dürfen eher schwul sein als Fussballer, Fussballerinnen werden eher für lesbisch gehalten als Turnerinnen oder Leichtathletinnen. Offensichtlich wird den Athleten, die sich zu der 'typischen' Sportart des biologisch jeweils anderen Geschlechts hingezogen fühlen, grundsätzlich Homosexualität unterstellt.»

Man könnte auch sagen: Sport ist eine maskuline Subkultur, in der Heterosexualität sozusagen obligatorisch ist. Verweigern sich Knaben oder Männer dieser Subkultur - und sei es nur aus Desinteresse oder weil sie ein Antitalent sind - , gelten sie rasch als verweiblichte Charaktere. Umgekehrt setzen diese homophoben Denkmuster heterosexuelle Sportlerinnen vor allem in «typisch maskulinen» Sportarten unter Druck.

Darob sollte man nicht vergessen, dass die Definition dessen, was in unserer Zivilisation als weiblich beziehungsweise männlich gilt, früher anders war als heute und sich morgen wieder ändern wird. Dies gilt auch für Sportarten und relativiert unsere als «natürlich» empfundene Alltagswirklichkeit. Nebst diesem zeitlichen Aspekt wird das Verständnis von Maskulinität und Femininität insbesondere auch durch den jeweiligen soziokulturellen Kontext bestimmt. So gelten zum Beispiel Basketball in Senegal und Fussball in den USA als «typische» Frauensportarten.

Rundes Leder hat kein Geschlecht

Obwohl die Fussballeuphorie im 21. Jahrhundert gerne als globales Phänomen beschrieben wird, ist das Spiel mit dem runden Leder nicht in jedem Land der Welt die Nummer eins aller Sportarten. So führt beispielsweise in Sri Lanka, Indien oder Pakistan kein Weg an Kricket vorbei, und in Neuseeland oder auf den Fidji-Inseln stünde die Welt wohl still ohne Rugby.

In den USA hingegen hat Fussball auch heute noch Mühe, sich zu etablieren. Zu lange betrachtete man die importierte Sportart als unamerikanisch. Während der Vorbereitungen zur Fussball-Weltmeisterschaft 1994 galt zum Beispiel als besonders patriotisch, wer seinen Hass auf Fussball betonte oder der Sportart zumindest gleichgültig gegenüberstand.

Gerade weil historisch gewachsene patriotische oder geschlechtsspezifische Wurzeln fehlten, bot Fussball Frauen in den USA eine Chance: Er war nicht Teil der Männerbastion Sport, die üblicherweise mit Abwehrmechanismen und «Territoriumsverteidigung» auf ein Eindringen von Frauen reagiert. Entsprechend vermochten Frauen in den USA dieses quasi neutrale Feld zu nutzen und sich in dieser sportlichen Disziplin zu etablieren, ohne vorher hartnäckige Vorurteile überwinden zu müssen. Sie störten keine althergebrachten Gesellschaftsmuster.

Aber auch in den durch die Fussball spielenden Frauen so emanzipiert scheinenden USA muss darauf hingewiesen werden, dass es sich bei den dreieinhalb wichtigsten Sportarten - American Football, Baseball, Basketball und Eishockey - um fast ausschliessliche Männerdomänen handelt. Die Einbindung ins aktive Sportgeschehen ist nach wie vor umstritten. Auch im Jahr 2008 ist es eine Tatsache, dass Frauen in der internationalen Sportwelt als Athletinnen, Trainerinnen, Funktionärinnen, Schiedsrichterinnen, Managerinnen, Sportreporterinnen und Interviewpartnerinnen klar unterrepräsentiert sind.

Dabei besitzt gerade der männlich konnotierte Sport grosses Potenzial, Geschlechterrollen und letztlich auch geschlechtsspezifische Gesellschaftsstrukturen aufzubrechen. Wenn Frauen und Mädchen öffentlichen Platz beanspruchen, selbstbewusst und ambitiös auftreten, sich physisch durchsetzen, verlieren und gewinnen können, kann sich auch ihr Selbstbild verändern.

Der Einbruch von Sportlerinnen in die vermeintlich sicher geglaubte Männerdomäne und die sich damit aufweichenden Gesellschaftsnormen verhelfen überdies auch jenen Männern und Knaben zu mehr Akzeptanz und Freiraum, die eine als unmännlich konnotierte Sportart ausüben. Nach wie vor scheint es für Mädchen und Frauen gesellschaftlich akzeptabler, in Sportarten vorzustossen, die dem andern Geschlecht zugeschrieben werden, als es das für Knaben und Männer ist, die sich wie Billy Elliott im gleichnamigen Kinostreifen lieber im Ballettsaal als im Boxring bewegen.

Frauen, die männerdominierte Sportarten erobern, können damit also auch die Integration von Männern und Männlichkeit in die Diskussion über Geschlechterverhältnisse fördern. Sie machen uns bewusst: Die Assoziationen «typisch männlich» oder «typisch weiblich» werden in den Köpfen der Menschen konstruiert. Per se stellen sie jedoch kein anatomisch-biologisches Hindernis zur Ausübung irgendeiner Sportart durch irgendeine Person dar. Genauso wenig wie ein Bügeleisen oder ein Gaspedal auf die spezifische Anatomie einer weiblichen Hand respektive eines Fusses zugeschnitten sind.

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