Nr. 12/2007 vom 22.03.2007

Gerichte lesen nicht

Vor dreissig Jahren starb der argentinische Schriftsteller. Als Krimiautor und Erzähler gilt es den politischen Widerstandskämpfer wieder zu entdecken.

Von Valentin Schönherr

Wenige Minuten bevor Rodolfo Walsh am 25. März 1977 von einem Militärkommando gestellt wurde, hatte er einige Umschläge in den Briefkasten geworfen. Darin steckten Kopien des «Offenen Briefes an die Militärjunta», in dem Walsh mit der Junta abrechnet, präzise die Verbrechen benennt, Namen, Zahlen und Daten angibt. Lange hat er an dem Text gefeilt, er gilt heute nicht nur als eine ausserordentlich deutliche, mutige Stellungnahme, sondern auch als rhetorisches Meisterwerk der politischen Anklage.

Wer war dieser Rodolfo Walsh? 1977 kannte man ihn als einen der prominentesten linken SchriftstellerInnen und JournalistInnen Argentiniens. Er hatte der Guerillabewegung Montoneros angehört und war Redaktor der Nachrichtenagentur ANCLA, die brisante Informationen über die Diktatur ausser Landes brachte. Seine Tochter Vicky, ebenfalls eine Guerillera, nahm sich 1976 bei der Erstürmung ihres Hauses durch eine Militäreinheit das Leben, um nicht den Folterern in die Hände zu fallen. Walsh selbst stand auf der Liste der Gesuchten weit oben.

Erste Krimis als Antiperonist

1927 wird Rodolfo Walsh als Sohn irischer Einwanderer in der Provinz Río Negro geboren. Mit siebzehn Jahren geht er nach Buenos Aires und beginnt nach einem Start als Verlagskorrektor und Übersetzer zu schreiben. Seine ersten Krimis sind zwar etwas schlicht gestrickt, am Stil ist in diesen kurzen und amüsanten Texten jedoch schon der reife Walsh zu bewundern, der grössten Wert auf einen rhythmisch ausgewogenen Sprachfluss legt. Ob in den späteren investigativen Berichten oder den zahlreichen Erzählungen - stets klingt Walshs Sprache so, als könne es gar nicht anders sein. Eben geht die Ära Präsident Juan Domingo Peróns zu Ende. Wie die meisten argentinischen Intellektuellen seiner Zeit ist Walsh nationalistischer Antiperonist und begrüsst den Militärputsch, der Perón 1955 ins Exil zwingt. Die folgenden Jahre bringen eine entscheidende Wende - für Walshs literarische wie politische Prinzipien. Am

9. Juni 1956 scheitert ein peronistischer Putschversuch gegen die nun herrschenden Militärs. Bei einer nächtlichen Erschiessungsaktion gegen PutschanhängerInnen soll es allerdings einen Überlebenden gegeben haben, erfährt Walsh. Er macht den Überlebenden ausfindig, recherchiert, enthüllt. 1957 ist der Bericht fertig: «Operación Masacre» wird als das erste Buch einer neuen Gattung, des testimonialen Zeugenberichts, angesehen und liest sich noch heute als Pamphlet gegen militärische Willkür und für rechtsstaatliche Verhältnisse.

Aber das Buch hatte in juristischem Sinne keine Konsequenzen. Walsh ist desillusioniert und empfänglich für eine Hoffnung an anderem Ort. Als am Neujahrstag 1959 Fidel Castro und seine AnhängerInnen in Havanna einen grundlegenden Neuanfang versprechen, hält es ihn nicht länger. Er lässt sich zur Mitarbeit bei der neu gegründeten Nachrichtenagentur Prensa Latina gewinnen und ist begeistert: «Hier treibt man keine Rhetorik, hier arbeitet man hart und an der Wahrheit», sagt er im Januar 1960.

Die Wahrheit: Sie spielt für Walshs Kubaaufenthalt eine ganz eigene Rolle und macht ihn berühmt. Es gelingt ihm, verschlüsselte Radiobotschaften aus Guatemala zu entziffern, die ausgerechnet von Invasionsplänen gegen Kuba handeln. Auch wenn die kubanischen GenossInnen geknurrt haben, als Walsh in seinem Artikel, in dem er von der Entschlüsselung berichtet, auch noch den Dechiffriercode angibt - der Dank, zu dem sie ihm verpflichtet sind, wiegt schwerer. Die Invasionspläne scheitern allesamt.

Walsh blieb dem Kuba Fidel Castros zeitlebens treu, zumindest nach aussen, und auch dann, als andere sich distanzieren. Als sich jedoch 1961 abzeichnet, dass die Zeiten des Pluralismus auf Kuba zu Ende gehen, geht auch Walsh.

Chronist der Junta-Verbrechen

Zurück in Argentinien, schreibt Walsh Erzählungen (herauszuheben ist der Band «Los oficios terrestres»), aber auch Journalistisches. Und er vertieft sich erneut in einen politischen Kriminalfall: In «Wer erschoss Rosendo G.?» analysiert er eine Restaurantschiesserei im Gewerkschaftsmilieu und kommt, wie schon bei «Operación Masacre», auf kompromittierende Ergebnisse, die die Gerichte jedoch nicht interessieren.

Immer mehr wird Walsh zum politischen Widerstandskämpfer. Er schliesst sich den linksperonistischen Montoneros an, arbeitet in deren Informationsabteilung, recherchiert die Verbrechen der paramilitärischen «Argentinischen Antikommunistischen Allianz». Er sieht sich als Teil einer bewaffneten Auseinandersetzung, die keinesfalls verloren gehen darf. Erst als am 24. März 1976 die Militärs putschen und führende Montoneros weiterkämpfen wollen, obwohl sie der Armee hoffnungslos unterlegen sind, distanziert sich Walsh. Nun sammelt er akribisch die verstreut auftauchenden Hinweise auf die Verbrechen der Junta, gleicht ab, zählt, überprüft. Der «Offene Brief» wird pünktlich zum ersten Jahrestag der Diktatur fertig.

Als sich Rodolfo Walsh am 25. März 1977 dem Militärkommando gegenübersieht, zieht er seine kleinkalibrige Pistole. Die Augenzeugenberichte sind nicht einheitlich, manche berichten, er habe sich - nach dem Vorbild seiner Tochter - selbst erschossen, andere sagen, er habe sich zu verteidigen versucht und sei bei dem Schusswechsel getötet worden.

Rodolfo Walsh gehört keiner vergangenen Epoche an - er wäre diesen Januar achtzig Jahre alt geworden -, und seine Texte sind nur insofern veraltet, als in den Konflikten, die er beschreibt, zumeist die überlebt haben, auf deren Seite er nicht stand. Da er zu keinen Lesereisen mehr antritt, keinen Preis mehr entgegennehmen kann, keine Homestory liefern wird, verspricht er für den hiesigen Literaturbetrieb wenig kommerziellen Erfolg. Mit seiner entschiedenen Forderung nach Wahrhaftigkeit und Genauigkeit ist er hingegen einer, den wieder zu entdecken wir nötig hätten.

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