Nr. 39/2010 vom 30.09.2010

Aus dem Schatten

Die argentinische Literatur ist ein Kosmos für sich – sie war es, lange bevor der deutschsprachige Buchmarkt davon Notiz nahm. Die WOZ hat sich in Buenos Aires umgesehen und mit ProtagonistInnen gesprochen.

Von Valentin Schönherr, Buenos Aires

Die spektakulärste Buchhandlung von Buenos Aires ist «El Ateneo Grand Splendid» auf der Avenida Santa Fe. Sie residiert in einem Theatersaal aus den zwanziger Jahren, der zwischendurch als Kino genutzt wurde. Wo man früher die Karten holte, bezahlt man heute seine Bücher. Im Foyer liegt die Lockware aus, während im Parkett und auf den Rängen die Regale stehen. Wer blättern will, setzt sich sehr romantisch oben an die Brüstung – oder gleich auf die Bühne, wo ein Café wartet.

In diesem Büchertempel kann man eine Ahnung davon erhalten, wie wichtig Literatur in Argentinien ist, vor allem die eigene. Innerhalb der riesigen Belletristikabteilung nimmt die argentinische Literatur allein sechs grosse Regalabteilungen ein, wobei Lyrik und Dramatik noch einmal an anderen Orten stehen. Und weil das «Grand Splendid» keine Liebhaberbuchhandlung, sondern das Aushängeschild eines kommerziell ausgerichteten Buchhandelimperiums ist, fehlen viele kleinere, weniger marktgängige Titel, die vergriffenen sowieso. Es gibt hier also viel – in Wirklichkeit aber noch weitaus mehr.

Der Grill ist angeworfen

Argentinische Literatur, das ist ein Kosmos für sich – schon lange bevor der deutschsprachige Buchmarkt davon Notiz nahm. Die grossen AutorInnen des 19. Jahrhunderts – Esteban Echeverría (1805–1851) mit seinem sozialkritischen Roman «El matadero» (Der Schlachthof), Domingo Faustino Sarmiento (1811–1888) mit seinem politischen Romanessay «Facundo» oder José Hernández (1834–1886) mit dem Gauchoepos «Martín Fierro» – wurden wie ihre KollegInnen aus anderen lateinamerikanischen Ländern im deutschsprachigen Raum praktisch gar nicht gelesen. Als sich in den fünfziger Jahren herumsprach, dass auch die lateinamerikanische Literatur etwas zu bieten hat, waren der österreichische Rohrer-Verlag mit «Der Tunnel» (1958) von Ernesto Sábato (geb. 1911) und der Hanser-Verlag mit dem Erzählband «Labyrinthe» (1959) von Jorge Luis Borges (1899–1986) zwar rasch zur Stelle. Auf die Übersetzung des einflussreichen Romans «Rayuela. Himmel und Hölle» (1963) von Julio Cortázar (1914–1984) musste man allerdings bis 1981 warten, auf «Das böse Spielzeug» von Roberto Arlt (1900–1942) bis 2006.

Anders als bei Gastauftritten anderer Länder handelt es sich bei Argentinien 2010 für den hiesigen Literaturbetrieb nicht um die Entdeckung einer Bücherlandschaft, sondern um genaueres Erkunden. Nun hat das vom argentinischen Aussenministerium finanzierte Übersetzungsprogramm «Sur» den Grill angeworfen, haben sich Dutzende Verlage auf die Suche nach Filetstücken gemacht und ist die Auswahl riesengross.

Dass das, was die ChefköchInnen aus den Verlagshäusern auf den Tisch bringen, wirklich das Interessanteste und Beste ist, was die argentinische Literatur zu bieten hat, darf man getrost bezweifeln. Das Qualitätskriterium leidet notwendigerweise auf einem Markt, wo Geschäfte gemacht werden müssen und ein grosser Teil der Marketingmaschinerie dazu dient, leicht konsumierbare Titel unter die Leute zu bringen.

Wenn man also nicht jedes Stück selbst auf den Teller holen will: Die Literaturwissenschaft hat sich dieser Aufgabe längst angenommen. Die von Michael Rössner herausgegebene «Lateinamerikanische Literaturgeschichte» hilft zumindest für die nicht ganz aktuelle Literatur ein grosses Stück weiter. Aber: Was ein wichtiges Buch ist, entscheidet sich hier an seiner literaturgeschichtlichen Bedeutung – und nicht daran, ob es heute noch jemanden zu berühren vermag.

Das kann man allerdings diejenigen fragen, die schon ein Leben lang argentinische Literatur lesen, die mit ihr leben: Menschen aus dem argentinischen Literaturbetrieb. Was sind ihre persönlichen Vorlieben? Mit drei von ihnen habe ich in Buenos Aires gesprochen.

Roberto Arlt und die reale Stadt

«Als ich 1950, mit zwölf Jahren, aus Italien nach Argentinien kam, konnte ich noch kein Spanisch» , erinnert sich Antonio Dal Masetto. «Wir lebten in einem Provinzstädtchen, und ich nahm mir aus der Bibliothek, was es dort so gab. Die richtige argentinische Literatur, die habe ich erst mit achtzehn zu lesen begonnen, als ich nach Buenos Aires ging.»

Damals war Jorge Luis Borges soeben Direktor der Nationalbibliothek geworden, er hatte 1956 den argentinischen Nationalpreis für Literatur erhalten und stand vor seinem internationalen Durchbruch. «Borges erzählt von einem Buenos Aires, das es nur in seiner Erfindung gibt. Über die reale Stadt, in der ich mich zurechtzufinden versuchte, habe ich bei ihm nichts gelernt. Hier war ein anderer viel wichtiger für mich: Roberto Arlt. Das Buenos Aires der Arbeitsuchenden, der Hotels der untersten Kategorie, des bunten Menschengewühls aus allen Ländern der Welt, davon erzählte mir Arlt so gut, dass er für mich zu einem Spiegel meiner eigenen Eindrücke und Erfahrungen wurde.»

Der Verleger Daniel Divinsky, in dessen «Ediciones de la flor» auch die Werke von Rodolfo Walsh und die «Mafalda»-Cartoons erscheinen, findet diesen Befund nicht merkwürdig – im Gegenteil. Arlt, 1900 in Buenos Aires als Sohn eines kurz vorher eingewanderten deutsch-österreichischen Paars geboren, wuchs in der Welt der städtischen Unterschicht auf. Hart, moralisch fragwürdig in ihrem Lebenswandel, mit abschätzigem Blick auf die aufstrebende Mittelschicht, so kommen Arlts Figuren daher. «Für uns Linke war Arlt der populäre, antiakademische Autor schlechthin», so Divinsky. «Sein unsauberer Stil hatte etwas von Protest und Widerspruch.»

Das Pech des Leopoldo Marechal

Für Liliana Heker, die sich als Autorin von Erzählungen und Romanen, vor allem aber als Kritikerin und Redaktorin einen Namen gemacht hat, ist Arlt der wichtigste argentinische Schriftsteller überhaupt. «Borges ist ein Autor für Autoren, für Menschen mit literarischer Vorbildung. Bei Arlt muss man nicht die Exerzitien durchlaufen haben, um sich darin vertiefen zu können. Und es ist immer noch so, dass seine Geschichten unsere Vorstellung von diesem Land formen.»

Ein unterprivilegiertes Einwandererkind, das mit seinen Romanen und Erzählungen die Befindlichkeit von Generationen trifft – ein erstaunliches Fazit. Nur ein Roman von Arlt, «Das böse Spielzeug», ist derzeit auf Deutsch erhältlich (Suhrkamp). Zwei frühere Übersetzungen, «Die sieben Irren» und «Die Flammenwerfer», sind vergriffen – seine Erzählungen wurden gar nie übersetzt.

Glaubt man Heker, dann ist einer der ganz Grossen im Deutschen überhaupt noch nicht entdeckt. «Es gibt in der argentinischen Literatur ja eigentlich drei Gründungsautoren: Borges, Arlt – und Marechal!» Jener Leopoldo Marechal (1900–1970), dem in Rössners «Literaturgeschichte» gerade mal 15 Zeilen gewidmet sind – und dessen Hauptwerk «Adán Buenosayres» (1948), wie dort zu lesen ist, «nach dem Muster von Joyces ‹Ulysses›» gebaut und «Dantes ‹Inferno› parodistisch nachempfunden» sei und Julio Cortázar beeinflusst haben soll.

Nicht mehr als ein Übergangsautor also, ohne eigenständige Bedeutung? «Marechal», meint Heker, «hatte gleich mehrfach Pech. Er war Anhänger von Juan Domingo Perón, weil dieser Sozialversicherungen eingeführt hatte. 1944 wurde Marechal zum Generaldirektor für Kultur berufen. Er hat sich damit bei allen Antiperonisten unmöglich gemacht – und alle Intellektuellen damals waren Antiperonisten. Aber auch die Anhänger Peróns lasen keinen Marechal, für sie war er zu komplex.»

Eine einzige positive Besprechung hat «Adán Buenosayres» erhalten, von Julio Cortázar. Das Establishment schrieb Verrisse oder beschwieg ihn. Als Heker 1960 auf Marechals Texte aufmerksam wurde, hielt sie den Autor bereits für tot – aber er lebte völlig unbeachtet im Exil. Sehr zögerlich gab es Nachauflagen des «Adán», auch mit seinem zweiten Roman «El banquete de Severo Arcángelo» (1965) lief es schleppend.

«Marechal wird man wiederentdecken», ist sich Antonio Dal Masetto sicher. «Bei ihm lesen wir, wie ungeheuer vielschichtig dieses Land ist und dass es gerade diese Vielfalt ist, die Argentinien ausmacht. Für mich ist er viel interessanter als ein Cortázar.»

Überhaupt, Cortázar. Meine GesprächspartnerInnen sind sich einig darin, dass sein Ruhm problematisch ist. «Ein grosser Erzähler», sagt Heker, «aber seine Romane würde ich nicht noch mal lesen wollen.» Und Divinsky meint: «Mit vierzehn habe ich Cortázar gelesen, seither nie mehr.» Dal Masetto, der in den achtziger Jahren eine Schreibwerkstatt leitete, erinnert sich gut, dass damals alle wie kleine Cortázars schreiben wollten. «Sie kopierten seine Art, Sätze zu beginnen, Bögen zu konstruieren. Cortázar hat das grossartig gekonnt. Aber seine Wirkung war fast zu gewaltig.»

Die Missachtung der Provinz

Wer also sonst? Dal Masetto empfiehlt den Erzähler Miguel Briante (1944–1995). «Er kam in den sechziger Jahren mit einer ganzen Welle junger Leute aus der Provinz nach Buenos Aires und hat da etwas erlebt, wovon unser ganzer Literaturbetrieb geprägt war: die völlige Missachtung der Provinz durch die Hauptstadt. Seine ers ten Erzählungen konnte er gar nicht veröffentlichen, weil ihnen angeblich das Urbane fehlte. Juan Gelman, der grosse Lyriker, soll ihm einmal geraten haben, doch einfach eine Titelfigur ‹Urbano› zu nennen, dann müsste es klappen ... Ich glaube, er hat sich nicht daran gehalten.»

Als ich den Verleger Divinsky und die Kritikerin Heker nach ihren Vorlieben frage, ist schnell klar, dass hier Beruf und Privates zusammenfallen. In ihrer Begeisterung für den auch im Deutschen bekannten Ricardo Piglia sind sie sich einig, bei dem aus der nordwestlichen Provinz Jujuy stammenden Héctor Tizón (geb. 1926), von dem gerade das erste Buch auf Deutsch erscheint («Zwei Fremde auf dieser Welt», Edition 8), ebenfalls.

Ganz anders, wenn es um Osvaldo Soriano (1943–1997) geht. Der Journalist «hat es hervorragend verstanden, die Techniken der Sportberichterstattung für die Literatur nutzbar zu machen: nah an der Alltagssprache der Menschen, präzise, analytisch», so Divinsky. «In seinen Romanen, die in der Provinz Buenos Aires spielen, erzählt er von den schwierigen Dingen, die in den letzten Jahrzehnten alle betroffen haben, von Diktatur, Repression und Exil. Von der Provinz aus reflektiert er das ganze Land.» «Aber viel zu schlecht», meint Heker: «Wie Soriano die Peronisten in Gut und Böse einteilt, das ist zu simpel. Und seine sprachlichen Qualitäten werden überschätzt.» Auch vom in Argentinien gross aufgelegten Soriano ist bisher kaum etwas übersetzt worden.

Arlt neben Borges, Marechal statt Cortázar – das ist kein brauchbares Leseprogramm für die Stände der Frankfurter Weihehallen. Aber vielleicht ein Indiz dafür, dass die diesjährigen Verlagsprogramme, genauso wie die Buchregale im «Grand Splendid», noch einiges unentdeckt gelassen haben im literarischen Kosmos Argentiniens.

Auf Deutsch sind folgende Titel erhältlich:

Michael Rössner (Hrsg.): «Lateinamerikanische Literaturgeschichte». 3. erweiterte Auflage. J. B. Metzler Verlag. Stuttgart, Weimar 2007. 575 Seiten. Fr. 45.70.

Roberto Arlt: «Das böse Spielzeug». Roman. Aus dem Spanischen von Elke Wehr. Bibliothek Suhrkamp. Frankfurt am Main 2006. 197 Seiten. Fr. 21.50.

Héctor Tizón: «Zwei Fremde auf dieser Welt». Roman. Aus dem Spanischen und mit einem Nachwort versehen von Reiner Kornberger. edition 8. Zürich 2010. 224 Seiten. 32 Franken.

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