Nr. 38/2010 vom 23.09.2010

Ein Buch, das historisch Recht gesprochen hat

Der Bericht über das Massaker vom 9. Juni 1956 von San Martín / Argentinien ist in einer Neuübersetzung auf Deutsch erschienen. Übersetzer Erich Hackl darüber, warum es sich lohnt, den Text neu zu lesen: als Beispiel des Bemühens, schreibend Zeugnis abzulegen.

Von Erich Hackl

In diesem Jahr sind gleich drei Bücher des Schriftstellers und Publizisten Rodolfo Walsh, nach dem in Argentinien Schulen, Bibliotheken, Kulturzentren, Lehrstühle und Journalistenbüros benannt sind, auf Deutsch erschienen: ein sorgfältig edierter Band mit frühen Kriminalgeschichten, ein anderer mit einer Auswahl seiner übrigen Erzählungen und ein Bericht über ein Massaker, begangen an zwölf Zivilisten, die am Abend des 9. Juni 1956 festgenommen und wenige Stunden später widerrechtlich exekutiert worden waren.

Nicht weil, sondern obwohl ich es übersetzt habe, beschäftigt mich das zuletzt erwähnte Werk «Operación Masacre», für das der Rotpunktverlag den Titel «Das Massaker von San Martín» gewählt hat, am meisten. Einmal wegen der Hartnäckigkeit, mit der Walsh dieses verschwiegene Verbrechen praktisch im Alleingang aufgedeckt hat. Zum Zweiten wegen der Erschütterung, die der Fall in ihm ausgelöst hat: «‹Operación Masacre› hat mein Leben verändert. Bei der Arbeit daran war ich nicht nur persönlich bestürzt; mir wurde auch klar, dass eine bedrohliche äussere Welt existiert.» Drittens wegen der Wahl seiner literarischen Mittel, über die es sich heute noch, oder wieder, nachzudenken lohnt.

Ein Wendepunkt

Auf das Massaker ist er Ende 1956 durch Zufall gestossen, in seinem Stammcafé in La Plata. Sechs Monate zuvor hatten sich peronistisch gesinnte Militärs gegen die Regierung der sogenannten Befreiungsrevolution der Generäle Aramburu und Rojas erhoben, die im September 1955 Perón gestürzt hatten. Der Aufstand misslang, das Regime reagierte hart und unversöhnlich, und auf Befehl des Polizeidirektors der Provinz Buenos Aires wurden die unschuldigen Zivilisten auf einer Müllhalde hingerichtet. Das erfuhr Walsh, während er Schach spielte, und er erfuhr auch, dass mindestens einer der vermeintlich Erschossenen am Leben war. So begannen seine Nachforschungen, so entstand sein Tatsachenbericht, der zuerst in auflagenschwachen Blättern erschien, weil die grossen Zeitungen die Wahrheit scheuten, und in Buchform immer wieder neu aufgelegt – und mit jedes Mal bittereren Einsichten und Ergänzungen versehen – wurde. Da war Walsh nicht mehr der unbeschwerte Verfasser von Kriminalgeschichten, der an den Rechtsstaat glaubt und weder von Perón noch von den PeronistInnen noch von der Revolution etwas wissen will.

«Das Massaker von San Martín» stellt in zweierlei Hinsicht einen Wendepunkt dar. In politischer, weil seine Aufdeckung den Autor veranlasst hat, die Originalität des Peronismus als einer Bewegung zu erkennen, die den Massen eine bis dahin fehlende nationale Identität und vor allem soziale Rechte verschafft hatte, gegen deren Abbau sie sich mit allen Mitteln wehrten. Deshalb – später, nach seiner Rückkehr aus dem revolutionären Kuba, wo er die Nachrichtenagentur Prensa Latina mit aufgebaut und in ihrem Rang gefestigt hat – Walshs herausragende Tätigkeit als Journalist der peronistischen Zeitungen «CGT» sowie «Noticias», die bis zu ihrem Verbot Mitte 1974 vom Partido Montonero herausgegeben wurde. Aus demselben Grund ist er dieser Organisation auch in der Illegalität treu geblieben – wie seine Tochter Victoria, seine zweite Frau Susana Lugones und sein bester Freund, der Lyriker Francisco Urondo. Alle drei, und Walsh selbst, sollten als Montoneros den repressiven Kräften der Militärjunta zum Opfer fallen.

Personen statt Figuren

In kompositioneller Hinsicht bedeutet «Das Massaker von San Martín» einen Einschnitt, weil Walsh hier ein Verfahren erprobt und gleich zur Meisterschaft gebracht hat, das bis dahin kaum angewendet worden war: Um seinen literarischen Anspruch mit den politischen Erfordernissen zu verknüpfen, verzichtete er auf die Fiktion als Mittel künstlerischer Wahrheitssuche. Das war neu. Truman Capotes «faktischer» Roman «Kaltblütig» erschien erst 1966, war politisch weniger brisant und verfolgte keine vergleichbare gesellschaftliche Wirkungsabsicht. Walsh wollte nicht nur aufklären, nicht nur anklagen; er wollte mit seinem Bericht auch die Voraussetzungen für Strafe und Sühne schaffen. In diesem Bemühen ist er gescheitert, aber die Artikelserie, dann das Buch in seinen verschiedenen Versionen haben Recht gesprochen, wo durch politische Intervention Rechtsprechung verhindert worden ist.

Auffällig ist das zeitgenössische Bedauern darüber, dass Walsh aus diesem Stoff keinen Roman gemacht hat. Aber Tatsachenbericht, Chronik, Testimonio, Denuncia – oder welchen Begriff man auch immer für die von Walsh gefundene Gattung findet – und Roman verfolgen einander ausschliessende Absichten: Wer eine reale Geschichte als Steinbruch oder Rohstofflager für Fiktionen verwendet, wird nicht dem Anspruch gerecht, schreibend gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse anzugehen. Er kann sie überhöhen, aber dann ist das, was er erzählt, nicht mehr bindend, verbindlich, einklagbar. Der Fiktionalist haftet nicht für seine Fabel, er begreift die von ihm erfundene Welt als Versuchsanordnung, er spielt mit den Versatzstücken der Realität und bleibt damit im Rahmen des Zulässigen. Der politische Dokumentarist hingegen lässt, was ernst ist, ernst sein. Er denunziert, er attackiert, er bringt etwas an den Tag. Aber er ist in den Möglichkeiten künstlerischer Gestaltung stärker eingeschränkt – durch die Verantwortung gegenüber seinen Personen, die keine Figuren sind, und durch die Notwendigkeit, den überlieferten Tatsachen treu zu bleiben.

Im März 1970 führte Ricardo Piglia ein Interview mit Walsh. Anlass war dessen Erzählung «Un oscuro día de justicia» (die das Bild einer Internatsgemeinschaft von Halbwüchsigen zum Panorama eines ganzen Volkes weitet), zentrales Thema aber sein Verdacht, dass Fiktion in der konventionellen medialen Wahrnehmung für vollwertiger angesehen werde als ein den Fakten verpflichtetes Prosastück: «Ich glaube, dass das ein typisch bürgerliches Konzept ist, und warum ist es bürgerlich? Weil offenbar die Kritik realer Verhältnisse verloren geht, sobald sie in die Kunst des Romans übersetzt wird, keinen mehr stört, anders gesagt, sakralen Kunstcharakter annimmt. Ich persönlich bin mit dieser bürgerlichen Vorstellung von Kunst gross geworden. Deshalb kann ich auch nur schwer akzeptieren, dass der Roman im Grunde keine höhere künstlerische Form darstellt. Deshalb sehne ich mich danach, endlich Zeit zu finden zum Schreiben eines Romans, wobei ich fraglos von der falschen Voraussetzung ausgehe, dass man auf ihn mehr Zeit, mehr Aufmerksamkeit und mehr Sorgfalt verwenden muss als auf die subversive Reportage, die sich angeblich von selbst in die Maschine tippt. Ich glaube, diese Vorstellung ist stark verbreitet, logischerweise sehr stark, aber gleichzeitig glaube ich, jüngere Leute, die in anderen Gesellschaften sozialisiert worden sind, in nichtkapitalistischen oder in solchen, die einem revolutionären Prozess unterliegen, können sich leichter mit dem Gedanken anfreunden, dass das Testimonio und die Denuncia als künstlerische Kategorien der Fiktion zumindest ebenbürtig sind und dieselbe Arbeit und Anstrengung verdienen wie diese, und dass sich in Zukunft das Verhältnis sogar umdrehen wird: dass als Kunst tatsächlich die Dokumentarliteratur geschätzt werden wird, die, wie alle Welt wissen müsste, jeden Grad an Perfektion erlaubt. Das bedeutet, dass sich in der Montage, in der Reihung, in der Auswahl, in der Recherche unermessliche künstlerische Möglichkeiten auftun.»

In einer Tagebuchnotiz vom 11. Dezember 1971 nahm Walsh den Faden nochmals auf: In gewisser Weise seien seine fiktionalen Erzählungen schnell gealtert, veraltet. In «Operación Masacre» habe er eine Lösung gefunden, die ihn jedoch auch nicht ganz befriedige: Sonst würde er nicht noch einen anderen Weg suchen.

«Ich gehe meine eigenen Argumente nochmals durch: Das Testimonio präsentiert die Tatsachen, die Fiktion repräsentiert sie. Die Fiktion erweist sich als abgehoben, weil sie keine richtige Schneide hat, niemanden verletzt, weder anklagt noch entlarvt. Der Roman, die Erzählung sind der charakteristische literarische Ausdruck des Bürgertums und mehr noch des Kleinbürgertums, das sich hütet, jemanden anzugreifen, weil es sich davor fürchtet, platt gedrückt zu werden. In der Fiktion ist der Mittelmässige immer der andere, ich entdecke an mir höchstens ein paar Mängel, die sich wettmachen lassen (vielleicht könnte ich mit meinesgleichen ein wenig behutsamer umgehen ...), und auch ein paar heroische Möglichkeiten: Wenn die Arbeit in der Mietwagenfirma oder im Rundfunk nicht so viel Zeit beanspruchte, könnte ich glatt dieser Guerrillero sein; vielleicht bringe ich es noch so weit: Bin ich denn nicht immer noch jung? – Aber das Testimonio ist in seinen Möglichkeiten ebenfalls begrenzt: Wenn ich bestimmte unmittelbare politische Ziele verfolge, muss ich die Wahrheit zurechtstutzen, ich kann nicht meine Freunde verletzen, die ja auch meine Protagonisten sind: Ich denke da an die Reaktion von Rolando [Villaflor, einem Gewerkschafter aus Walshs letzter politischer Reportage über den Mordfall Rosendo] und seiner Familie, nachdem ich seine kriminelle Vergangenheit erwähnt hatte.»

Gewissheit, verfolgt zu werden

Rodolfo Walsh ist nur fünfzig Jahre alt geworden. Er starb am 25. März 1977 bei einem Schusswechsel mit Angehörigen eines militärischen Einsatzkommandos. Kurz zuvor hatte er am Bahnhof Constitución in Buenos Aires mehrere Durchschläge seines berühmt gewordenen offenen Briefes an die Militärjunta – in dem er eine Bilanz ihrer Verbrechen zog, ebenso der Verwüstungen, die sie auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet angerichtet hatte – in einen Briefkasten geworfen. Ein Überlebender des Konzentrationslagers, das in der Mechanikerschule der Kriegsmarine eingerichtet worden war, bezeugt, dort seine Leiche mit der von Gewehrgarben zerfetzten Brust gesehen zu haben.

In seinem Brief hatte Walsh die Bedingungen seines Schreibens offengelegt: «ohne Hoffnung, gehört zu werden, in der Gewissheit, verfolgt zu werden, aber getreu der Verpflichtung, die ich vor langem eingegangen bin, in schwierigen Zeiten Zeugnis abzulegen».

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