Nr. 13/2007 vom 29.03.2007

Ein Magier am Berg und an der Kamera

Seine Bilder prägten eine ganze Generation von KletterInnen.

Von Alfons Ummenhofer

Was hat er uns verzaubert mit seinen Bildern, die uns an der gleichen Stelle berührten wie die Stimme von Jim Morrison! Endlich war nicht mehr Bergsteigen angesagt, sondern Klettern. Keine Kniestrümpfe und Karohemden mehr. Dafür weite Jogginghosen und freier Oberkörper. Seine Bilder gaben uns ein Lebensgefühl. Klettern hiess: rausfahren, draussen sein, sich mit dem Fels messen und abends mit den Kollegen am Feuer hocken. Freie Fahrt für das Klettervirus in jede unserer Körperzellen.

Die Rede ist von Reinhard Karl (1946-1982) und seinen Fotografien. Ihm haben Tom Dauer und der Zürcher AS-Verlag einen Bildband mit Schwarz-Weiss-Aufnahmen gewidmet. Eingeleitet wird das Buch mit einigen Porträtaufnahmen, und das ist gut so, denn damit wird klar, worum es geht: um die Auseinandersetzung von subjektiver Empfindung und abgebildetem Gegenstand.

Es folgen in loser Reihe Aufnahmen von alpinen Unternehmungen, viele aus dem Mont-Blanc-Gebiet und aus dem Yosemite mit seinen Big Walls. Teilweise stehen die Berge für sich da. Häufig sind aber die Akteure, die Kletterer, im Bild, und in diesen Aufnahmen kommt die besondere Stärke von Reinhard Karl zum Ausdruck. Er schaffte es wie nur wenige, jene besondere Atmosphäre von Freude, banger Erwartung, der Entschlossenheit, der freien Willensentscheidung («da wollen wir hoch») und der Erschöpfung festzuhalten. Das Schwarz-Weiss der Fotos verdichtet diese Momente noch.

Ginge es nur um Landschaftsaufnahmen, müsste sich Reinhard Karl etwa mit Ansel Adams vergleichen lassen. Wie diesem war auch Karl die Ästhetik der Landschaft wichtig, und einige seiner Bergfotos besitzen eine ähnliche suggestive Wirkung wie die des US-Amerikaners. Karls Bilder lassen uns aber unmittelbar dabei sein, mittendrin, und dafür sind wir ihm dankbar.

Tom Dauer ergänzt die Bildauswahl mit drei Beiträgen über Karls Entwicklung als Fotograf und sein Ringen um Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein. Einige Zitate aus Karls Büchern bekräftigen die Aussagen der Bilder. Ein Buch zum Verweilen und zum Hinschauen - der Film im Kopf beginnt dann automatisch abzulaufen.

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