Nr. 16/2007 vom 19.04.2007

Grobes Erwachen

Von Sonja Wenger

Der Dokumentarfilm «The Oil Crash» von Basil Gelpke und Ray McCormack wird kaum solche Wellen schlagen wie Al Gores «An Inconvenient Truth». Im Vergleich mit der Warnung des Fast-US-Präsidenten vor einer globalen Klimakatastrophe ist «The Oil Crash» jedoch wesentlich beunruhigender. Die Folgen einer Verknappung von Erdöl respektive des absehbaren Endes der Erdölförderung überhaupt werden die Art und Weise, wie die Welt und die Wirtschaft funktionieren, wie auch das Leben jedes einzelnen Menschen gravierend verändern.

Als Kraftstoff für Autos, Flugzeuge und Schiffe, als Energielieferant für die Herstellung von technischen Geräten oder als Grundlage für petrochemische Produkte, Medikamente, Textilien, Farben und Kosmetika, für all das wird Öl gebraucht. Doch Rohöl – je nach Sichtweise als das «schwarze Blut der Erde» oder als die «Exkremente des Teufels» bezeichnet, ist ein endlicher Rohstoff. Es ist ein «Magnet für Kriege» und laut Matt Simmons, einem Energieanalysten und Berater von US-Präsident George Bush, «nicht erneuerbar, extrem kapitalintensiv und sehr wahrscheinlich die unterschätzteste natürliche Ressource, die wir je entdeckt haben».

Der Film untersucht die Abhängigkeit unserer Zivilisation von der Verfügbarkeit billiger fossiler Brennstoffe und ist 83 Minuten dichteste Information. Geologen, Politiker, Aktivisten und ExpertInnen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik sprechen in Interviews über die Zusammenhänge zwischen Öl und wirtschaftlichem Wachstum, zwischen der Verfügbarkeit von Öl und der Zunahme der Bevölkerung, zwischen dem Ölpreis und dem Ausbruch von Kriegen. So sagt David Goodstein, Professor für angewandte Physik am California Institute of Technology: «Wir machen uns abhängig von einigen extrem instabilen Regierungen in einigen hässlichen Teilen der Welt.» Und Matthew Savinar, Anwalt und Gründer eines Blogs über die Erdölproduktionsspitze prognostiziert erhöhte Arbeitslosigkeit, Bankrotte, Armut und Hunger: «Dies alles passiert, wenn eine Gesellschaft zusammenbricht.»

Der Film zeigt historische Aufnahmen von den Anfängen des Ölbooms und den Kriegen um das Öl und verbindet Informatives mit unterhaltsamem Filmmaterial aus den fünfziger und sechziger Jahren. Doch vor allem macht «The Oil Crash» Schluss mit der Augenwischerei der Politik und dem Kopf-in-den-Sand-Stecken der Öffentlichkeit. Die Angaben über die Reserven, wie sie von der Organisation erdölfördernder Staaten (Opec) zum Zweck des Erhalts ihrer Produktionsquoten seit Jahrzehnten präsentiert werden, entbehren jeder Grundlage. Ignoriert wird dabei auch, dass die Wissenschaft bereits seit den siebziger Jahren darauf hinweist, dass der Höhepunkt der Erdölförderung, der sogenannte Peak, kurz bevorsteht oder bereits überschritten ist. Der stetig wachsende Bedarf nach Erdöl kann nicht mehr bedient werden. Wohltuend ehrlich erscheint danach die Aussage von Fadil Chalabi, dem ehemaligen irakischen Ölminister und früheren Generalsekretär der Opec, dass es «wichtig ist, die Welt so lange wie möglich vom Öl abhängig zu halten».

«The Oil Crash» bietet zudem mit seltenem Sinn für Realität eine Übersicht über die alternativen Energiequellen. Seien es Elektro- oder Wasserstoffmotoren, Biomasse, Atom-, Wind- oder Solarenergie: Stets scheint es entweder an der Effizienz der Nutzung zu mangeln, an fehlenden Gewinnaussichten für die Wirtschaft oder an ausreichender Forschung und Entwicklung. Alleine um den heutigen Bedarf an fossilen Brennstoffen zu kompensieren, wären rund 10 000 zusätzliche Atomkraftwerke notwendig – was wiederum die Uranreserven der Welt innerhalb von zehn bis zwanzig Jahren aufbrauchen würde.

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