07.09.2000

Der Glaube an das schwarze Gold

Es schmiert die Wirtschaft und heizt das Klima auf: Erdöl – kein anderer Rohstoff prägte die Massenkonsumgesellschaft stärker.

Von Andreas Missbach

Der Ölpreis steigt immer höher. Das Fass kostet heute so viel wie während des Golfkrieges vor zehn Jahren, und diese Woche schlägt der Preis erneut auf. Für einen Liter Dieselbenzin bezahlt man inzwischen 1.52 Franken. Und obwohl Öl noch nie so teuer war, ist der Rohstoff – ohne den die Welt stillzustehen droht – immer noch viel zu billig. Weltweit deckt Öl 60 Prozent des Energiebedarfs, Elektrizität knapp über 20 Prozent, Gas 11 Prozent und Holz, bis vor nicht allzu langer Zeit der wichtigste Energieträger in der Schweiz, lediglich 2,5 Prozent.

Das Zeitalter der fossilen Brennstoffe begann mit der Kohle und führte in die Industriegesellschaft. Das Öl brachte dann die Massenkonsumgesellschaft. Mitte des vorletzten Jahrhunderts begann man in den USA nach Öl zu bohren und fand in Pennsylvania die erste ergiebige Ölquelle. Damals war Öl vor allem als Brennstoff für Lampen begehrt, da es billig war und helles Licht lieferte.

Doch zum Durchbruch des Öls verholfen hatte in den zwanziger Jahren in den USA eine andere Entwicklung: das Automobil. Die Vierräder verbrauchten bereits 1929 einen Viertel des Energiebedarfs des Landes. Kein anderes Land förderte damals mehr Erdöl als die USA, drei Viertel aller Autos fuhren aber auch in den Vereinigten Staaten. Damals konstatierte der US-amerikanische Innenminister Harold L. Ickes: «Es gibt keinen Zweifel darüber, dass wir absolut und vollständig vom Öl abhängig sind. Ohne Öl könnte die amerikanische Kultur, wie wir sie kennen, nicht existieren.»

Es läuft wie geschmiert

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es vor allem der Marshallplan, der in Europa den Umbau der kohlegestützten Wirtschaft zur Erdölwirtschaft vorantrieb. Europa musste das Öl zwar importieren, doch konnte man es einfach fördern und transportieren. Der billige Treibstoff liess die Massenmobilität schnell ansteigen, die petrochemische Industrie entwickelte neue Produkte wie Plastik oder Kunstdünger, was zu einer starken Ertragssteigerung in der Landwirtschaft führte. Durch die neue Mobilität wuchs auch der private Verkehr. Die Städte wuchsen, und mehr Wohnraum wurde benötigt. Die Häuser liessen sich besser heizen (die Zentralheizung setzte sich schleichend durch, noch 1960 waren die Hälfte der Räume in der Schweiz von einzelnen Öfen geheizt). Der Bedarf an fossilen Brennstoffen wurde immer grösser: 1990 verbrauchte man in der Schweiz fünfmal mehr fossilen Brennstoff als 1950, der Benzinkonsum war elfmal höher, es gab 19-mal mehr Personenwagen, der Flugverkehr verbrauchte 27-mal mehr Treibstoff und der Transitgüterverkehr auf der Strasse war 388-mal grösser als vierzig Jahre zuvor. Die Bevölkerung hatte im selben Zeitraum nicht einmal um die Hälfte zugenommen.

Das Öl hatte jedoch nicht nur Auswirkungen auf die Mobilität der Leute, es milderte auch die sozialen Widersprüche des Nachkriegskapitalismus. Die Produktivitätssteigerungen, die mit dem neuen Energieträger möglich waren, entschärften den Konflikt zwischen (Männer-)Löhnen und Profiten: Beide stiegen parallel an. Die Ölzeit brachte nicht nur neue Konsumgüter hervor, sondern auch deren massenhafte Verbreitung. Die «feinen Unterschiede» verschwanden nicht, dennoch wurde der Konsum «demokratisiert». Autos und Flugreisen – Inbegriff des elitären Lebens der Bourgeoisie der Zwischenkriegszeit – wurden plötzlich für eine breite Masse der Bevölkerung erschwinglich.

Die Quellen sprudeln

Die Golfregion, deren Ölvorkommen erst in den Kriegsjahren entdeckt worden waren, lieferten den Rohstoff für Europa, das sich nicht – im Gegensatz zu den USA – selbst versorgen konnte. Zwei Drittel des in Europa verbrauchten Öls kam 1955 durch den Suezkanal, die Produktion in der Golfregion hielt mit dem exponentiell ansteigenden Verbrauch in Europa Schritt: In den Boomjahren von 1948 bis 1972 nahm die Fördermenge um das Fünfzehnfache zu. Es gab nicht nur äusserst viel Erdöl rund um den persischen Golf, es liess sich auch mit geringen Kosten aus dem Boden holen. Die US-amerikanischen und europäischen Öl-Konzerne hatten von den feudalen Herrschern am Golf günstige Förderkonzessionen erhalten, die keinerlei Beschränkungen der Produktionsmenge beinhalteten. Neue, grosse Supertanker transportierten das Öl billig nach Europa.

Erdöl verhielt sich anders als Kohle: Die Kohle wurde in konjunkturellen Aufschwüngen jeweils knapp und ihr Preis zog an, der Preis des Öls sank hingegen auch in Phasen starken Wirtschaftswachstums. Das Erdöl hatte aber auch einen weiteren entscheidenden Vorteil: Es wurden keine Bergarbeiter benötigt, die bessere Löhne und Arbeitsbedingungen forderten und durch Streiks den Preis nach oben treiben konnten.

Relativ gesehen wurde Erdöl immer billiger. Während sich die Preise der meisten Konsumgüter parallel zu den Löhnen entwickelten, die seit 1950 um das Neunfache gestiegen sind, verdoppelte sich der Benzinpreis lediglich. 1950 kostete ein Liter Benzin zwanzig Prozent mehr als ein Kilo Schwarzbrot. Ein Facharbeiter konnte sich mit einem Stundenlohn etwa vier Liter Benzin leisten. 1990 kostete Brot dreimal mehr als Benzin, und eine Stunde Arbeit brachte eine Tankfüllung von zwanzig Litern. Hätte sich Benzin wie Brot verteuert, würde der Benzinpreis heute bei über fünf Franken liegen.

Mitten in der schönsten Wachstumsphase – von Juli 1972 bis Juli 1973 wuchs die Industrieproduktion in den OECD-Ländern um zehn Prozent an – endete die sorglose Ölzeit abrupt. Die arabischen Ölproduzenten entdeckten 1973 das Öl als politische Waffe. Als Reaktion auf den Krieg zwischen Ägypten und Israel verhängten sie ein Embargo gegen die USA und ihre Verbündeten. Obwohl sich die verfügbare Ölmenge nicht dramatisch reduzierte, explodierten die Preise. Ein Barrel Öl kostete plötzlich dreimal mehr. Die Industrieländer traf diese Preisexplosion völlig unvorbereitet. Bis zu diesem Zeitpunkt steuerten die USA den Ölpreis über ihre eigene Produktion, und nur fünf Jahre vorher war ein Embargoversuch kläglich gescheitert. Der Importanteil am US-amerikanischen Verbrauch war in der Zwischenzeit jedoch auf einen Drittel angestiegen, obwohl die US-Produktion auf Hochtouren lief. Die Bevölkerung befand sich in einem Schockzustand. Bei einer Umfrage im Mai 1973 gaben 62 Prozent der befragten US-AmerikanerInnen an, «dass es dem Land gut geht», sechs Monate später waren nur noch 27 Prozent dieser Meinung.

Das Klima setzt Grenzen

Mitte der siebziger Jahre trennten sich – als Folge des Preisschocks – die Entwicklungen von Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch. Man bemühte sich fortan, kleinere Motoren oder leichtere Autos zu bauen, und begann die Häuser zu isolieren, die Industrie setzte zunehmend auf Energieeffizienz. Absolut und dauerhaft ging der Ölverbrauch aber nicht zurück. Verglichen mit anderen Energieträgern verlor das Erdöl nur in denjenigen Ländern an Bedeutung, die vor dem Schock in thermischen Kraftwerken grosse Mengen Öl verbrannt hatten und dieses nach der Preiserhöhung durch Kohle, Gas oder Atomstrom ersetzten.

Verändert hat sich in den letzten Jahren allerdings der Diskurs: Die neuen Schlagworte heissen New Economy, Cyberspace, virtuelle Ökonomie. Die «Globalisierung» – was immer man genau darunter versteht – ist ohne billige Massentransporte per Schiff oder auf der Strasse ebenso wenig denkbar wie ohne billige Flugverbindungen. Auch im virtuellen Zeitalter braucht es also billiges Öl. Denn ein grosser Teil des E-Commerce ist nichts anderes als ein elektronischer Versandhandel, statt im Katalog wird in den Internetseiten geblättert. Am Ende der Leitung werden die gekauften Produkte ganz gewöhnlich verteilt: E-Commerce bedeutet also auch Mehrverkehr.

Es gibt heute keine Anzeichen dafür, dass das Erdöl in absehbarer Zeit an Bedeutung verlieren wird. Trotzdem wird das Ende der Ölzeit kommen. Die Ölkrise schien damals vielen Menschen als letzte Warnung vor den «Grenzen des Wachstums». 1973 reichten die bekannten Vorräte für etwa weitere 25 Jahre, doch obwohl jedes Jahr viel Öl verfeuert wurde, gibt es heute Reserven für fast 40 Jahre. Das sind nur die Lagerstätten, die mit heutiger Technik kommerziell genutzt werden können. Die meisten Ökonomen sehen daher überhaupt keine Knappheitsproblematik. Ein ansteigender Preis, so argumentieren sie, würde dazu führen, dass unkonventionelle Ölvorkommen lukrativ würden, zum Beispiel Ölsande, die in Kanada grossflächig vorkommen.

Doch es gibt eine andere Grenze, die Anlass dafür sein könnte, die Ölzeit schnell zu beenden: die globale Erwärmung, den durch Menschen verursachten Treibhauseffekt. Der Klima-Direktor von Greenpeace, Bill Hare, errechnete, dass nur noch ein Viertel der bekannten, ökonomisch lukrativen Reserven von fossilen Brennstoffen (Kohle, Erdöl, Erdgas) verbrannt werden dürfe, ohne dass die globale Erwärmung ein Grad übersteigt (ganz verhindert werden kann die Erwärmung aber bereits heute nicht mehr). Zwar kann niemand voraussagen, welche Folgen eine Klimaerwärmung von einem Grad hat, doch gilt dieses Szenario in der internationalen Diskussion als der noch «sichere», risikoarme Bereich. Greenpeace fordert deshalb, auf die weitere Suche nach Erdöllagern und auf die Entwicklung von Techniken für die Förderung unkonventioneller Ölvorkommen zu verzichten, auch darf nicht mehr Erdgas oder gar Kohle verfeuert werden. Gegen Atomstrom spricht die Gefahr der radioaktiven Verseuchung und das ungelöste Atommüllproblem. Die Lösung liegt deshalb allein beim Energiesparen und bei erneuerbaren Energien.

Da das Öl die heutige Wirtschaft und Weltordnung geprägt hat, stellt sich die Frage, wie die nachfossile Gesellschaft aussehen wird. Welche Verhaltensnormen, welche politischen und ökonomischen Systeme braucht eine Gesellschaft, die ohne hochkonzentrierte Energiequelle auskommen muss? Kann es mit viel weniger Energie weiterhin ein ausreichendes Wirtschaftswachstum geben, das bislang die Verteilungskonflikte in den Industrieländern entschärfte? Wird die Ausgrenzung durch Energiemangel zunehmen? Oder wird die Verteilung zwischen Kapital und Arbeit grundsätzlich anders angegangen?

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