Nr. 20/2007 vom 17.05.2007

Queer in den Hintern getreten

Das zwischen den Geschlechtern angesiedelte Video «Breakdance Hunx» der kanadischen Band polarisiert, und MySpace löscht ganz aus Versehen das Profil der Band.

Von Michael Saager

Die Kids On TV aus Toronto haben ein lustiges Video aufgenommen - ein Drag-Queen- und Drag-King-Video mit einem überdreht dilettantischen Breakdance-Battle-Showdown. Man sieht unter anderem: grelle Farben, heftig wackelnde Ärsche, nackte Männeroberschenkel zum Reinbeissen, albernen Maskenzinnober, stylische Anschreiszenen, Sexsimulationen mit Fahrrädern. «Breakdance Hunx» (das Video ist Teil des Albums «Mixing Pleasure With Business») verballert mit grosszügig glamouröser Trashgeste und Burlesque-Show-Appeal eine ganze Batterie schwullesbischer und queerer Szenecodes und verbeugt sich nebenbei, möglicherweise mit ironischem Augenzwinkern, vor «Wild Style» (1983) und anderen Klassikern des frühen Hip-Hop-Films.

Die Heterovariante auf MySpace

Gegen «Breakdance Hunx» wirken die visuellen Darbietungen der Scissor Sisters wie Teetrinken in Finken. Und weil sich die Frage nach «sexuell anstössigen Inhalten» sowieso nicht vermeiden lässt: Klar geht es bei den Kids On TV - im Video und auch in den Texten ihrer Songs - ums Ficken, um diese tolle glitschige Sache, von denen die US-amerikanischen Sittenwächter der Internetplattform MySpace offensichtlich immer nur die allerödeste Heterovariante erleben durften, andernfalls hätten sie wohl das MySpace-Profil der Kids on TV im März dieses Jahres nicht einfach gelöscht. Eine Zensur-Unverschämtheit ohne offizielle Stellungnahme und genauere Angabe von Gründen, die andernorts allerdings bereits ausführlich genug diskutiert worden ist und (abgesehen von der Band, die über Nacht 14 000 «FreundInnen» verlor) vor allem jene aufgeschreckt hat, die sich vom Web 2.0 die grenzenlose Freiheit erhofften.

Die Kids On TV könnte man beinahe dem Queercore oder Queerpunk zurechnen, wenn die Gruppe musikalisch nicht längst über diese in den späten achtziger Jahren aus Hardcore beziehungsweise sehr frühem Grunge entstandene Musik hinaus wäre. Andererseits trifft es «hinaus» nicht, denn Punk, No Wave, New Wave und (Euro-)Disco haben ja noch einige Jahre mehr auf dem Buckel. Diese von den Kids On TV zitierten Genres sind, wie sich das für gute EntertainerInnen gehört, zu einem kompromisslosen Electroclash-Punk-Disco-Hybriden zusammengehauen worden.

Das sexualpolitische Begehren

Die Frage, weshalb ausgerechnet linke und queere Szenen nicht genug bekommen von dieser Musik, die in den meisten Clubs kein DJ mehr aufzulegen wagt, hat sicher auch mit der Lahmarschigkeit linker und queerer Szenen zu tun, sobald Musikgewohnheiten zur Debatte stehen - vor allem, wenn sie politisch fundiert sind. So ist das Verquirlen verschiedener Genres insbesondere bei Queerbands auch als ästhetisch-politische Aneignungstaktik heterosexuell bestimmter (Musik-)Diskurse zu verstehen. Muffelig riecht dieser Sound trotzdem. Electroclash, der nächste Verwandte, ist und bleibt von vorgestern.

Aber was solls. Schliesslich dreht sich auf «Mixing Business With Pleasure» alles um den sprichwörtlichen Tritt in den Hintern Richtung Tanzfläche, um Musik, die knallt, scheppert und bewegt. Das tut sie zweifellos. Den Mehrwert des Produktes indessen besorgt allerdings das Wissen der HörerInnen um das performative Spiel der Kids On TV mit Elementen und Codes der Szene(n), kommuniziert nicht zuletzt über die Texte, in denen queere, schwule und lesbische Lebens- und Liebesweisen gezeigt und verhandelt werden. So wie in «Breakdance Hunx», wo es um den Markt-, besser Fleischwert, eines hübschen schwulen Jungen geht. Was den MySpace-BetreiberInnen vermutlich nicht bekommen ist. Oder war es gar das Wort Schwanzlutscher?

Erstaunlicherweise hat MySpace die Seite der Kids On TV inzwischen wieder hergestellt. Und was das Dollste ist: Die BetreiberInnen leugnen, sie je gelöscht zu haben. Es habe sich schlicht um einen «Unfall» gehandelt. Selten eine weniger überzeugende Geschichte gehört.

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