Nr. 20/2007 vom 17.05.2007

Ehrenbürger in der Todeszelle

Schon zweimal stand der prominenteste Todeskandidat der USA kurz vor der Hinrichtung. Nach 25 Jahren könnte sein Fall jetzt neu aufgerollt werden.

Von Daniel Stern

Am 17. Mai findet vor dem Berufungsgericht in Philadelphia eine Anhörung zum Fall Mumia Abu-Jamal statt. Es geht um die Frage, ob er einen neuen Prozess erhält, lebenslänglich hinter Gitter bleibt oder ob das Todesurteil vom 3. Juli 1982 gegen ihn vollstreckt werden kann.

Mumia Abu-Jamal soll am 9. Dezember 1981 den Polizisten Daniel Faulkner ermordet haben. Abu-Jamal hatte in dieser Nacht als Taxifahrer mitbekommen, wie sein Bruder William Cook von einer Polizeistreife angehalten und misshandelt wurde. Er sagt, er sei aus seinem Auto gestiegen, um seinem Bruder zu Hilfe zu eilen. Gemäss Aussage der Polizei habe er dann sofort geschossen und sei danach selber angeschossen worden.

Unbequeme Stimme

Der deutsche Autor und Übersetzer Michael Schiffmann, selbst ein Unterstützer von Abu-Jamal, hat jahrelang in der Sache recherchiert. Er vertritt in einem letztes Jahr veröffentlichten Buch die These, dass Faulkner, wegen des heranstürmenden Schwarzen in Panik geraten war und zuerst auf Abu-Jamal schoss. Daraufhin habe ein Begleiter seines Bruders, der Jahre später tot aufgefundene Kenneth Freeman, auf den Polizisten geschossen. Schiffmann stützt sich bei seinen Recherchen auf ZeugInnenaussagen und vorher nie veröffentlichte Pressebilder, die unmittelbar nach der Schiesserei aufgenommen wurden. Sie sollen belegen, dass die von der Staatsanwaltschaft angeführten ZeugInnen nicht die Wahrheit gesagt haben.

Abu-Jamals UnterstützerInnen kritisieren seit Jahren, dass bestimmte ZeugInnen nicht angehört und andere von der Polizei unter Druck gesetzt wurden. Sie werfen der Polizei von Philadelphia vor, sie habe Beweismaterial manipuliert, um sich eine unbequeme Stimme vom Hals zu schaffen. Abu-Jamal gehörte in den siebziger Jahren zu den Black Panthers, einer revolutionären Schwarzenorganisation, die die Quartiere der Schwarzen vor Polizeiübergriffen schützen wollte, aber auch Suppenküchen organisierte und politische Agitation betrieb. Später arbeitete Abu-Jamal als Radiojournalist und setzte sich in seinen Beiträgen sehr kritisch mit der Polizeiarbeit auseinander. So unterstützte er AktivistInnen der linkssektiererischen Move-Kommune, die immer wieder mit der Polizei in Konflikt geriet.

Die Theorie einer Polizeiintrige ist nicht aus der Luft gegriffen: Die Bundespolizei FBI betrieb in den sechziger und siebziger Jahren gegen die Black-Panther-Bewegung tatsächlich ein Aufstandsbekämpfungsprogramm, bei dem sie verdeckte Agenten einsetzte, um die Bewegung zu spalten und zu kriminalisieren. Ausserdem war auch die Polizei von Philadelphia im Umgang mit schwarzen PolitaktivistInnen alles andere als zimperlich. Ihren Kampf gegen die Move-Kommune trieb sie auf die Spitze. Sie hat 1985, als sie einige Move-Mitglieder verhaften wollte und angeblich auf bewaffnete Gegenwehr stiess, deren Wohnhaus von einem Helikopter aus mit Bomben beworfen und dadurch einen Grossbrand im Quartier ausgelöst. Die Feuerwehr durfte 45 Minuten lang nicht löschen, in dieser Zeit verschoss die Polizei 10 000 Schuss Munition. Am Schluss wurden elf tote Move-Mitglieder gezählt, fünf davon waren Kinder.

Beim Gerichtstermin vom Donnerstag wird darüber befunden, ob Abu-Jamal 1982 einen fairen Prozess erhalten habe. Das Berufungsgericht hat drei Anträge der Verteidigung zugelassen. So muss es den Vorwurf beurteilen, der Staatsanwalt habe damals rassistisch gehandelt, weil er, ohne Gründe zu nennen, elf schwarze Geschworene ablehnte, obwohl sich diese nicht grundsätzlich gegen die Todesstrafe ausgesprochen hatten. Ausserdem habe der Ankläger Joseph McGill in seinem Plädoyer suggeriert, es sei egal, wenn die Geschworenen den Angeklagten zum Tode verurteilten, weil die Sache sowieso noch nicht endgültig entschieden sei. Ein weiterer Vorwurf der Verteidigung richtet sich gegen den damaligen Richter Albert Sabo. Dieser habe einen von Vorurteilen geprägten Verhandlungsstil an den Tag gelegt. Eine Gerichtsstenografin will gehört haben, wie Sabo in einer Verhandlungspause sagte, er werde «denen helfen, den Nigger zu grillen».

Beiträge im Gefängnisradio

Auch die Staatsanwaltschaft ist beim Hearing vom Donnerstag mit einem Antrag präsent: Sie rekurriert gegen die Entscheidung vom Dezember 2001, nach der Abu-Jamal wegen der Fehlinformation von McGill gegenüber den Geschworenen nicht hingerichtet werden soll, sondern «nur» lebenslänglich hinter Gitter zu bleiben habe.

Mumia Abu-Jamal ist zu einer weltweit bekannten Symbolfigur geworden. Zweimal stand sein Hinrichtungstermin bereits fest. Für die Linke ist er ein Beispiel von jemandem, der nie aufgegeben hat. Abu-Jamal, der im Gefängnis per Fernstudium einen Juraabschluss erworben hat, produziert regelmässig Radiobeiträge, in denen er etwa die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung in den USA thematisiert oder sich zu aktuellen Themen wie Krieg und Globalisierung äussert (www.prisonradio.org). Immer noch sitzt er 22 Stunden am Tag in Isolationshaft. Von BesucherInnen ist er immer durch eine Trennscheibe getrennt, er darf auch seine Enkelkinder nicht in den Arm nehmen. Seit 1976 sind in den USA 1072 Todesurteile vollstreckt worden. Derzeit sitzen 3350 Menschen in einer Todeszelle, 42 Prozent davon sind Schwarze. Für die Freilassung von Mumia Abu-Jamal haben sich inzwischen viele Prominente eingesetzt. Unterstützung erhielt er auch von mehreren grossen Gewerkschaften, Kirchen und etwa den Stadtparlamenten von San Francisco und Detroit. In der französischen Hauptstadt Paris ist Abu-Jamal Ehrenbürger, im Vorort Saint-Denis wurde eine Strasse nach ihm benannt.

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