Nr. 22/2007 vom 31.05.2007

Die Hoffnung stirbt im Meer

Sie leben in einem der sogenannt hoffnungsvollsten Länder Afrikas. Trotzdem versuchen Tausende junger Menschen nach Europa zu gelangen. Weshalb? Eine Reise zu Fischern, Müttern und Zurückgekehrten.

Von Judith Wyder

Am 15. August 2006 erreichte ein knapp seetauglicher senegalesischer Holzkutter mit 80 erschöpften afrikanischen Flüchtlingen an Bord den Strand von Gran Canaria. Das Rote Kreuz nahm die Männer in Empfang und verpflegte sie. Die meisten waren Senegalesen, ein paar Malier. Unter den Gestrandeten, die neun Tage und neun Nächte auf offener See verbracht hatten, befand sich auch der 32-jährige Ablaye Sow. Die Polizei befragte ihn. Er wurde in ein Auffanglanger gebracht und von einem Richter verhört. Dem Flüchtling kam zu Ohren, dass eine Delegation von senegalesischen Politikern am Ort eingetroffen sei; er ahnte, dass dies nichts Gutes bedeuten kann.

38 Tage nach seiner Ankunft auf Gran Canaria wurde Ablaye wieder in sein Heimatland ausgeschafft, nach St. Louis, der im Norden des Senegals gelegenen Grenzstadt zu Mauretanien. Dort drückte man ihm 10 000 Francs CFA in die Hand, circa 24 Franken, und liess ihn laufen - zurück in sein altes Leben.

Sein altes Leben unterteilt Ablaye in eine gute und eine schlechte Zeit. In der guten Zeit hatte er einen Job. Er gehörte dem Sicherheitscorps des ehemaligen Premierministers Idrissa Seck an. Es war eine temporäre Anstellung, das ist im Senegal normal; fast alle Jungen in der Stadt arbeiten auf Zeit, unregelmässig oder auf Abruf. Wenn sie überhaupt eine Beschäftigung haben. Auch Ablaye verlor seine temporäre Stelle - und fand keine neue mehr.

Privatisierte Erdnüsse

Wenn Ablaye früher hörte, dass Landsmänner in Pirogen versuchen, die Kanarischen Inseln zu erreichen, schüttelte er den Kopf: Nie würde er sein Leben so leichtsinnig aufs Spiel setzen, dachte er damals. Horror und Hunger und Hetzjagden assoziierte er mit einer solchen Flucht, die für ihn schlicht unmenschlich war.

Doch Ablayes Tage ohne Arbeit wurden immer länger. Er lag seiner Mutter auf der Tasche, fiel der Grossmutter zur Last, statt dass er sie, wie in Afrika üblich, unterstützte. Die schlechte Zeit führte ihm immer klarer vor Augen, dass er - im besten Alter - vom Leben und von der Zukunft abgeschnitten war. Ohne Verdienst hatte er keine Chance, eine Frau zu finden, zu heiraten, Kinder zu haben. Ohne Arbeit war er ausserstande, eine Familie zu unterstützen, wie es ein allseits respektiertes, ungeschriebenes Gesetz auch im Senegal will. Aber selbst die Matura nützte ihm nichts - er fand keinen Job. Da änderte Ablaye seine Meinung: Lieber Horror und Hunger und Hetzjagden, als mit 32 Jahren langsam sterben.

So wie Ablaye geht es im Senegal vielen. Vor allem die Generation der 20- bis 35-Jährigen leidet unter der Arbeitslosigkeit, die nach offiziellen Angaben 48 Prozent beträgt. Und jung ist im Senegal die Mehrheit: 80 Prozent der beinahe 12 Millionen Senegalesinnen und Senegalesen zählen weniger als 30 Jahre. Najib Sagna, Journalist bei der senegalesischen Zeitung «Walfadjri» und dem gleichnamigen Radio, schätzt, dass von dieser Generation jeder Zweite ohne Arbeit ist, in Zahlen heisst dies: 4,8 Millionen.

Dabei gehört Senegal, das nordwestafrikanische Land, das hauptsächlich Erdnüsse, Fisch und Phosphate exportiert, nicht zu den ärmsten und schon gar nicht zu den aussichtslosesten in Afrika. Im Gegenteil. Im Senegal ereignete sich nie ein Militärputsch, es existiert ein Mehrparteiensystem, die HIV-Rate ist eine der niedrigsten im subsaharischen Raum, die Presse weitgehend frei. Der Ökonom Mats Karlsson, Direktor der Weltbank in Westafrika, hält acht afrikanische Länder für fähig, den «Sprung in die Moderne» zu schaffen. Neben Burkina Faso, Uganda und Botswana gilt für ihn auch der Senegal als gesetzt.

Trotzdem läuft vieles nicht rund im afrikanischen Land der Hoffnung. Nachdem Senegal ab 2003 mit einem Wirtschaftswachstum zwischen fünf und sechs Prozent aufwarten konnte, verringerte sich die Zunahme 2006 um die Hälfte und erreichte noch 2,8 Prozent. Der Hauptgrund für den Rückgang war der Anstieg des Ölpreises. Der Senegal, der kein Erdöl fördert, geriet in eine Energiekrise. Gleichzeitig fielen nach der Privatisierung des Erdnussverwertungsunternehmens Suneor - in der Landessprache Wolof: unser Gold - die Preise für Erdnüsse. In der Erdnussproduktion, die drei Millionen SenegalesInnen beschäftigt, musste man Ertragseinbussen von dreissig Prozent hinnehmen, die durch Monokultur ausgelaugten Böden geben immer weniger her, der ausbleibende Regen tat sein Übriges. Noch schlechter geht es Senegals Fischerei, früher eines der wirtschaftlichen Standbeine: Die Fischer klagen immer häufiger über leere Netze. Technologisch modernst ausgerüstete Fischereiflotten aus China, Japan, Europa plünderten die früher reichhaltigen Fischgründe auf Kosten der lokalen Bevölkerung. Dazu kommen Einbussen im Tourismus und höhere Preise für die Grundnahrungsmittel Mehl, Reis und Pflanzenöl. Im Kleinhandel bekommen die Einheimischen neben der libanesischen nun auch noch die chinesische Konkurrenz und die Öffnung des Marktes für ausländische Lebensmittel zu spüren. «Bei uns sieht die durchschnittliche Bevölkerung nichts vom Wirtschaftswachstum, im Gegenteil, die Reichen werden immer reicher, die Armen ärmer», sagt Pape Sow, ein unabhängiger Wirtschaftsexperte, der für die Weltbank und die Uno das Land beobachtet. Laut eines Uno-Berichts leben zwei Drittel der SenegalesInnen mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag.

Ein grosser Teil der Männer kennt heute nur noch ein Motto: «Barça ou Barsakh», was auf Wolof so viel bedeutet wie: «Barcelona oder Sterben». Fatalismus und Perspektivenlosigkeit greifen im Senegal immer mehr um sich.

«Les Lions» im Viertelfinal

Das war nicht immer so. Wer 2002 den Senegal besuchte, der traf auf ein Land, das vorwärts schaute, im Aufbruch war, im Siegesrausch sogar. 2000 hatte die Oppositionspartei unter dem liberalen Maître Abdoulaye Wade die Macht übernommen und das faktische Herrschaftsmonopol der Parti Socialiste Sénégalais (PS) beendet, die seit der Unabhängigkeit 1960 regierte - es war ein friedlicher Regierungswechsel, was in Afrika eine Ausnahme ist. Der Bevölkerung - vor allem der jungen Generation, welcher der neue Präsident die Wahl zu verdanken hatte - versprach er «Sopi», Veränderung, Jobs und Fortkommen. Zwei Jahre später jubelten Kinder, Junge, Alte zusammen auf der Strasse. An der Fussball-WM hatte die senegalesische Mannschaft, «Les Lions», über «Les Bleus», die Elf der einstigen Kolonialmacht Frankreich, den Sieg errungen und obendrein den Viertelfinal erreicht. Die Hauptstadt Dakar war mit Klebern in den Nationalfarben Grün-Gelb-Rot tapeziert: «0:1: Dieuredieuf, nous n’oublierons jamais», «0:1, Danke, das werden wir niemals vergessen», stand darauf. Die Menschen im Senegal waren voller Zuversicht, der Präsident, von seinen Bürgern liebevoll «Papi» gerufen, genoss das Bad in der Menge, mit stolzer Miene kutschierte er im offenen Wagen durch Dakars staubige Strassen. Damals dachten alle, alles wird gut. Doch es kam alles anders.

Hoffnungsträger Wade startete gut, versprach viel und hielt wenig. «Wade hat die Senegalesen träumen lassen, aber er hat nicht ein Zehntel seiner Versprechungen in die Tat umgesetzt», sagt Madiambal Diagne, Verleger und Besitzer der Tageszeitung «Le Quotidien». Die Generation der jungen WählerInnen, die dem mittlerweile 81-jährigen Präsidenten den Wandel zutrauten, wandte sich schon bald enttäuscht ab. Als nun Ende Februar im «Good-Governance»-Staat - wie Senegal seiner politischen Stabilität wegen vom Norden gerne gelobt wird - Neuwahlen anstanden, fürchtete Wade die Wut und die Verzweiflung der arbeitslosen jungen Generation. Doch der «Gorgui», der Alte, wurde im ersten Wahlgang mit knapp 56 Prozent wiedergewählt - für weitere fünf Jahre. Vierzehn Kandidaten hatten mit ihm um das höchste Amt gekämpft; zu viele, um einen politischen Wechsel herbeizuführen.

Der Mensch ist sesshaft, eigentlich

2006 erreichten 30 000 AfrikanerInnen von den Küsten Senegals und Mauretaniens aus die Kanaren, die meisten davon waren SenegalesInnen. Es hätten 36 000 sein sollen, denn nach offiziellen Angaben haben 6000 die Überfahrt nicht überlebt. Ablaye Sow nahm am 6. August 2006 in einer bunt bemalten Piroge eines Fischers Kurs auf die Kanarischen Inseln. Gestartet wurde im sechzig Kilometer nördlich von Dakar gelegenen Fischerdorf Kayar. Das Holzboot war wenig vertrauenswürdig, aber es verfügte über zwei Motoren. Die Überfahrt kostete ihn 400 000 Francs CFA, circa 1000 Schweizer Franken. Einen Teil des Geldes hatte ihm seine Mutter geliehen; den Rest hatte er selbst zusammengespart. Ablayes Erinnerungen an die Flucht: «Ich konnte zuerst die Beine nicht mehr bewegen und verlor langsam das Gefühl für den ganzen Körper. Doch wir hatten Glück im Unglück. Das Meer war ruhig; Essen und Wasser reichten bis zum Schluss.»

Ablaye, der arbeitslose Namensvetter des Präsidenten, kletterte im letzten Sommer nicht ins Boot, weil er vom Paradies Europa träumte. Er weiss, dass in Paris die Flüchtlinge im Winter auf der Strasse beinahe erfrieren. Er weiss, dass schwarze MigrantInnen in Spaniens südlichen Gemüsegärten miserabel bezahlt und schlecht behandelt werden. Er weiss, dass in Europa niemand auf ihn wartet, obwohl er stark ist, klug und jung. Dennoch beschloss er zu gehen: «Weil ich nicht mehr wusste, wo mein Platz, mein Zuhause war.»

Der «Spiegel»-Journalist Klaus Brinkbäumer hat mit einem afrikanischen Migranten dessen Fluchtweg nach Europa noch einmal zurückgelegt und über diese Erfahrung «on the road» in seinem Buch «Der Traum vom Leben - eine afrikanische Odyssee» berichtet. Sein Fazit: «Der Mensch ist sesshaft - wenn seine Heimat ein Zuhause ist. Wenn nicht - dann geht er.»

In Afrika haben sich über siebzehn Millionen Menschen entschlossen zu gehen. Sie sind jung, manche haben ein abgeschlossenes Studium, andere können kaum lesen, sprechen nur die Landessprache Wolof. Die Arbeitslosigkeit ist in allen Bildungsschichten verbreitet. «Wenn du keine Beziehungen zu irgendeinem Politiker oder sonst einer wichtigen Person hast, sind deine Chancen verschwindend klein. Ausser du hast viel Geld. Mit Geld kann man sich hier alles kaufen, auch ein Visum für Europa», sagt Ablaye.

Metamorphose in Dakar

Bereits unter Präsident Abdou Diouf, Wades sozialistischem Vorgänger, war die Korruption ein Millionen-Dollar-Problem. Doch unter der aktuellen Regierung sei das Schmiergeldbudget über die Zehn-Milliarden-Grenze hinausgeschnellt. Der senegalesische Autor Latif Coulibaly, ein scharfer Kritiker Wades, unterstellt dem Präsidenten, die Vetternwirtschaft im Land perfektioniert zu haben. Der ehemalige Premierminister der Regierung Diouf, Mamadou Lamine Loum, klagt in einem Interview: «In unserem Land kann man mittlerweile mit Politik am sichersten viel Geld machen. Das tut weh.» Vor allem im öffentlichen Dienst ist Nepotismus weitverbreitet. Doch auch im Parlament ortet Autor Coulibaly unhaltbare Zustände: «Nur gut 4 von 120 senegalesischen Abgeordneten haben ein abgeschlossenes Studium. Achtzig Prozent können kaum lesen. Sie sind die politischen Akteure und haben die Demokratie als Geisel genommen.»

Um die Moscheen in Dakar nächtigen Menschen in Lumpen. Viele leiden an Lepra. Stunden ohne Strom, Tage ohne Gas und Benzin sind keine Seltenheit. Es gibt unzählige fliegende HändlerInnen, die Schuhe, Teller, Sonnenbrillen, Ohrenstäbchen und Batterien, alles made in China, auf den Märkten oder durchs offene Autofenster feilbieten. Dem Grossteil der Bevölkerung fehlt jedoch das nötige Kleingeld, um diese afrikanische Art des «Window-Shopping» zu nutzen. Die Elite des Landes dagegen residiert in ihren Villen in Almadie und Point-E und kurvt in 4-×-4-Karossen durch die stets verstopften Strassen.

Die Hauptstadt wird seit Jahren von einer Zuwanderungswelle überrollt: Zählte Dakar 1960, im Jahr der Unabhängigkeit von Frankreich, gerade mal 300 000 EinwohnerInnen, so lebt mittlerweile ein Viertel der Bevölkerung in der Kapitale: 2,5 Millionen Menschen. Die meisten kamen auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Stadt. Den Präsidenten des Landes kümmern - wenn nicht gerade Wahlkampf ist - die Probleme der «einfachen» Bevölkerung eher wenig. Sein Blick ist nach vorne und oben gerichtet, auf die künftige Infrastruktur und das Prestige seines Landes. Das heisst, er lässt bauen. Mit finanzieller Unterstützung aus Kuweit und der Hilfe von portugiesischen, chinesischen und senegalesischen Gesellschaften. Unter anderem sollen eine neue Autobahn und ein neuer internationaler Flughafen realisiert werden. Auf der bekannten Corniche der Hauptstadt sind die Bulldozer aufgefahren. Geht es nach dem Willen des Präsidenten und seines Sohnes, der, wie der Journalist Najib Sagna sagt, überall die Finger im Spiel hat, soll Dakar 2008, wenn Senegal das Gastgeberland für die Organisation der Islamischen Konferenz sein wird, nicht wiederzuerkennen sein. Eine gigantische Plakatwand mit der Aufschrift «En route vers le sommet», «Auf dem Weg an die Spitze», kündet die geplante Metamorphose der Metropole am westlichsten Zipfel Afrikas an. Doch was bringt eine neue schöne Promenade all jenen, die der tägliche Überlebenskampf bis zur Erschöpfung beansprucht?

«Die Regierung tut nichts für uns», sagt Yaye Bayam Diouf, 48, «es waren schon Minister hier, aber passiert ist danach nichts.» In Thiaroye sur Mer, einem Vorort von Dakar, sitzt die Frau mit den dunklen Augenringen in einem himmelblauen Einzimmerbüro, durch dessen offene Türe der bleiche Sahel-Sand hereinweht. An den Wänden hängen Fotos von Versammlungen; draussen auf der Strasse hat ein gutes Dutzend Frauen Platz genommen, Schafe blöken im Hinterhof, und Kinder spielen Fussball. Der Reiseführer empfiehlt: «Thiaroye ist ein wenig malerisches Fischerdorf im Ballungsgebiet von Dakar, das man getrost passieren kann, ohne anzuhalten.»

Yaye Bayam lebt in Thiaroye. Sie ist Frau eines Fischers und seit März 2006 Präsidentin eines Hilfsverbands für Witwen und Mütter, der sich im Kampf gegen die illegale Auswanderung engagiert. Alle diese Mütter haben ihr Erspartes gegeben, Landparzellen und Schmuck verkauft, damit ihre arbeitslosen Söhne und Töchter die risikoreiche Reise übers Meer nach Europa antreten können. Dort sollten sie das Geld verdienen, das hier so dringend benötigt wird. Doch ihre Hoffnungen wurden zerstört: Viele ihrer Kinder sind tot. «Die betroffenen Fischerfrauen wollen nicht mehr an den Strand gehen, obwohl sie dies ihr ganzes Leben lang taten», klagt Yaye Bayam. Für viele Frauen ist der Atlantik heute das Meer, das ihnen die Kinder genommen hat.

Auch Yaye Bayams Sohn, Alioune Marr, 26, von Beruf Fischer, starb in den Fluten. Die Nacht vom 25. März war kühl, erinnert sich die Mutter, das Meer unruhig. Seine Stimme hörte sie am Telefon zum letzten Mal. Bald darauf traf die Nachricht ein. Das Boot mit den jungen Menschen aus Thiaroye war in der stürmischen See gekentert. 83 Flüchtlinge ertranken - darunter Yaye Bayams einziger Sohn.

«Am Anfang weinte ich viel», sagt die Frau im orangen Boubou, «doch irgendwann wusste ich, dass ich handeln muss.» Seither redet sie in Thiaroye, in St. Louis und in Mbour den Müttern ins Gewissen: «Macht nicht den gleichen Fehler wie ich, haltet eure Kinder ab von dieser verrückten und unmenschlichen Flucht.» Als Zeichen des Widerstands tragen die Mitglieder des Kollektivs rote Armbänder. Wenn sie hören, dass eine Piroge ablegen will, versuchen sie die Jungen zum Dableiben zu bewegen. Erst vor ein paar Tagen konnten die Frauen wieder ein paar Auswanderungswillige umstimmen.

Yaye Bayam und ihre Frauen gehören alle zur Ethnie der Lebou, eines Volkes von FischerInnen. Das Meer gab den Menschen von Thiaroye Arbeit und Nahrung. Yaye Bayam zum Beispiel reiste mit getrockneten Fischen bis nach Mali, um diese dort am Markt zu verkaufen. Doch jetzt, da ausländische Flotten mit ihren fahrenden Fischfabriken die Gewässer leer gefischt haben, fehlt den Menschen vor Ort ihre Existenzgrundlage. «Unsere Männer müssen heute weite Wege zurücklegen», sagt Yaye Bayam, «um halbwegs die Netze zu füllen.» Und sie erzählt, wie einst eine Piroge ungewollt bis zu den Kanarischen Inseln übergesetzt habe. Von diesem Moment an war klar: Die Überfahrt ist zwar risikoreich, aber möglich.

Nun fischen die Männer von Thiaroye 83 Kilometer südöstlich von Dakar, auf der Höhe der Kleinstadt Mbour. Einige sitzen in der Mittagshitze unter einem grossen Baobab-Baum und bessern ihre grünen Netze aus. Amadou Diop, der 52-jährige Chef einer Piroge, bestätigt, dass die Überfischung seit 1997 stetig zugenommen habe. Vor zehn Jahren kehrten die Fischer nach drei Tagen mit einem Fang im Wert von 2500 Franken zurück; heute bringen drei Tage harte Arbeit auf dem Meer oft nicht mehr als 50 Franken ein. «Ich habe kürzlich einen Kredit aufgenommen, weil ich nicht mehr weiss, wie ich das Benzin bezahlen soll, wie meine Familie ernähren», sagt Amadou Diop.

Um etwas zum Lebensunterhalt der Familien beizutragen, verkaufen die Frauen von Yaye Bayams Kollektiv Couscous im Quartier, Hibiskusblütensaft und Ingwerjus. Am Abend erhält jede 1000 Francs CFA, 2.40 Franken; der Überschuss wird auf die Seite gelegt, für schwangere Mütter, Mikrokredite, Notfälle.

Die Scham der Repatriés

In Rufisque, einer Kleinstadt dreissig Kilometer südlich von Dakar, versammelt sich im Büro des Journalisten Najib Sagna eine Gruppe von «Repatriés», jenen jungen Männer, denen die Flucht zwar gelang, die aber in ihre Heimat rückgeschafft wurden. Ablaye ist so etwas wie ihr Wortführer. Nun diskutieren sie mit dem Journalisten darüber, wie sie sich organisieren können, um mit den PolitikerInnen in Kontakt zu kommen. Eine geplante Demonstration wurde von der Polizei schon einmal verhindert; bereits in der Vorbereitungsphase wurden vier Jugendliche verhaftet, weil sie angeblich zur Gewalt aufgerufen hätten.

Auch Awa Dieng, 33, Mutter von drei Kindern, landete für eine Woche im Gefängnis. Die gelernte Coiffeuse, die nur Wolof spricht, war auf «ihrer» Piroge die einzige Frau. Sie hungerte und dachte immer wieder, sie würde sterben. Darum betete sie ohne Unterbruch. Ihre Kinder hatte die Muslimin bei ihren Eltern zurückgelassen. Über ihre Fluchtpläne informierte sie die Familie nicht, nur ein Freund wusste Bescheid.

«Nach der Abschiebung mit leeren Händen nach Hause zurückkehren zu müssen, war beschämend für mich», sagt Awa Dieng. «Ich hatte vorher alles verkauft, mein Handy, meinen Schmuck.» Ihre Mutter Soukaye Diop, 58, hat Verständnis für die Verzweiflung ihrer Tochter, und doch kritisiert sie ihren Entscheid. «Ich habe Angst, dass sie noch einmal aufbricht. Die Situation im Land hat sich in den letzten fünf Jahren mehr und mehr zugespitzt, die Jungen finden keine Arbeit mehr.» Im Moment wohnen im Hof von Awas Eltern fünfzig Erwachsene und Kinder - nur eine einzige Person hat eine Anstellung und ein Einkommen.

Die Arbeitslosen, die sich zum Bleiben entscheiden, fühlen sich nutzlos, sie leiden darunter, dass sie ihren Familien Last und nicht Hilfe sind. Für einen Ausweg aus dieser hoffnungslosen Situation nehmen sie auch den Tod in Kauf. Für einige ist es eine Art Dschihad: Sie opfern sich für die Eltern, Brüder und Schwestern, für die Gemeinschaft. Tahir Fall, der Imam von Rufisque, ein grosser Mann in einem bodenlangen schwarzen Boubou, betont, dass die Geistlichen des Landes diese Haltung nicht unterstützen. «In unserer Heimat hat die Emigration zwar eine sehr lange Tradition, ein Mann kann nicht zu Hause bleiben, wenn er keine Nahrung und Kleider für die Familie kaufen kann. Die Flucht übers Meer jedoch ist zu risikoreich und kostet zu viele Menschenleben.»

Der kürzlich verstorbene renommierte polnische Reporter Ryszard Kapuscinski, der den Kontinent während vierzig Jahren immer wieder bereiste, war der Meinung, dass die Europäer die Probleme, die mit der afrikanischen Migration zu tun haben, verzerrt wahrnehmen. «Es ist absurd, dass Europa die Liberalisierung in allen wirtschaftlichen Bereichen fördert und ausgerechnet für die Menschen einschränken will. Europa braucht eine Diskussion darüber, wie Leben in dieser Welt möglich sein wird, eine echte Debatte über unsere Kultur der Zukunft», so Kapuscinski.

Die sagenumwobene «Titanic»

Der Kommissar von Rufisque, Mamadou Lamine Niang, 31, ein dürrer und langer Mann in einem mausgrauen Blazer mit dicken Schulterpolstern, soll im Auftrag der senegalesischen Regierung die Migration verhindern. Er versucht dies mit den bescheidenen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen. In seinem Zuständigkeitsbereich überwacht der Kommissar mit acht Polizisten vier wichtige Ablegestellen, Tag und Nacht. Ein vermeintlich dicker Fisch ist ihm soeben ins Netz gegangen. Er konnte den Bootsbauer der sagenumwobenen «Titanic» verhaften. Das Schiff mit dem berühmten Namen sei die grösste Piroge, die im Senegal je erbaut worden sei, und lege in nächster Zeit ab - mit dem Ziel USA, so erzählte man sich vor Ort. Die Botschaft der USA nahm das Gerücht ernst und schickte MitarbeiterInnen nach Rufisque, um Details in Erfahrung zu bringen. «Nun haben wir den Schuldigen aufgespürt, und es hat sich herausgestellt», sagt Kommissar Niang, «dass das Schiff mit 25 Metern Länge nicht viel länger war als eine normale Piroge.»

Die USA brauchen also die Ankunft senegalesischer Flüchtlinge in gigantischen Pirogen nicht zu fürchten.

«Kann man die vielen Afrikaner, die auf dem Weg nach Norden sind, wirklich aussperren? Ertrinken lassen? Kriminalisieren? Ignorieren?», fragt Klaus Brinkbäumer in seinem Buch «Der Traum vom Leben - eine afrikanische Odyssee».

Doch eine Lösung des Problems ist in weiter Ferne. Immerhin: Spanien stellte im Februar 700 SenegalesInnen ein Visum inklusive Arbeitserlaubnis in privaten Fischereibetrieben in Aussicht; ausserdem unterstützt es voraussichtlich mit rund zwanzig Millionen Euro den von der senegalesischen Regierung initiierten Plan «Reva» («Zurück zur Landwirtschaft»), der neue Arbeitsplätze im Agrarbereich schaffen will.

Ablaye gehörte nicht zu den glücklichen Visumskandidaten. Er erwartet auch von «Reva» - wenn dieser Plan denn eines Tages Realität werden soll - keine Rettung: «Ich bin kein Bauer, und ohne Fachleute kann ein solches Projekt kaum reüssieren.»

Während der Präsidentschaftswahlen Ende Februar hatte er für kurze Zeit gedacht, dass sich das Blatt doch noch zum Guten wenden könnte; sein Favorit Idrissa Seck war jedoch chancenlos gegen «Gorgui», den Alten. Wie es nun mit dem Senegal weitergehen wird, weiss Ablaye nicht. Aber er ist bereit, zu kämpfen. Wie die Tomatenbauern im Norden des Landes. Im Sommer 2006 drohten diese dem Staat, nicht mehr zu säen, falls der senegalesische Markt weiterhin mit subventionierten und entsprechend billigen Tomaten aus Europa überschwemmt wird. Ablaye will, dass die Regierung jetzt auch die arbeitslose Jugend anhört.

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