Nr. 24/2007 vom 14.06.2007

Die Blue Notes leben weiter

In Südafrika ist eine junge Generation von JazzmusikerInnen aktiv. Der Saxofonist Zim Ngqawana sucht nach neuen Wegen, ohne die Tradition zu vergessen.

Von Richard Butz

In der Schweizer Jazzszene sind die Erinnerungen an die Aufenthalte und das Wirken des südafrikanischen Musikers Abdullah Ibrahim (Dollar Brand) sowie der Blue Notes mit Chris McGregor im Zürich der sechziger Jahre immer noch gegenwärtig. Inzwischen ist in Südafrika eine neue Generation von JazzmusikerInnen herangewachsen.

Zu ihnen gehört der Saxofonist, Flötist, Komponist und Bandleader Zim Ngqawana, der 1959 in Port Elizabeth in Südafrikas östlicher Kapregion geboren wurde. Er studierte für ein Jazzdiplom an der Universität von Natal und kam anschliessend dank Stipendien von Max Roach und Wynton Marsalis in die USA. Er nutzte sie zum Studium mit den Jazzlegenden Archie Shepp und Yusef Lateef.

Musikalischer Botschafter

1990 kehrte er nach Südafrika zurück, wo er in den Bands von Abdullah Ibrahim und Hugh Masekela mitwirkte. Parallel dazu stellte er verschiedene eigene Bands auf, vom Quartett über die achtköpfige Gruppe Ingoma bis zum hundert MusikerInnen umfassenden Drums for Peace Orchestra. Ngqawanas musikalischer Horizont umfasst südafrikanische Musik, Weltmusik, Free Jazz, indische und westliche klassische Musik. Aber auch Theater, Poesie und Tanz interessieren ihn.

«Wir spielen Love-Music», sagte er kürzlich bei einem Konzert in St. Gallen. Dem Hass, der Verstörung und den gesellschaftlichen Wirren in Südafrika will er Musik entgegensetzen. Er versteht sich als musikalischer Botschafter des neuen Südafrika. Die Musik der Blue Notes gehört für ihn zu dieser Botschaft. «Wir sind die Erben von Chris McGregor und den Blue Notes», sagt er. Dass dies keine leeren Worte sind, zeigt sich beim Anhören seiner bisher fünf CDs, die er für das südafrikanische Label Sheer Sound aufgenommen hat. Bemerkenswert dabei ist die Zusammenarbeit mit den norwegischen Musikern Björn Ole Solberg (Saxofon), Ingebrigt Håker Flaten (Bass) und Paal Nilssen-Love (Drums, Percussion), die 1996 zum Album «San Song» geführt hat. Am Piano sitzt der vielseitige und bestechend improvisierende Andile Yenana, der das Kernstück des Albums, «Amagoduka», im Stil von Abdullah Ibrahim einleitet: treibende und pulsierende Musik, in drei Sätze angelegt, gewidmet den WanderarbeiterInnen Südafrikas.

Die gleichen Musiker (ohne Solberg) sind auf dem 1998 erschienenen Album «Zimology» zu hören. In seinen «Elegies in C-Minor» verbeugt sich der Saxofonist vor den verstorbenen Musikern der Blue Notes und ihrem einzigen Überlebenden und immer noch aktiven Perkussionisten Louis Moholo. Unüberhörbar auch die Verarbeitungen der Musik von Jazzgrössen wie John Coltrane, Duke Ellington und Thelonious Monk.

1999 brachte Ngqawana mit den gleichen Musikern, ergänzt durch den Trompeter Dumaliude Msuthwana und den Poeten Lefifi Tladi, «Ingoma» heraus. Auch hier erweist sich die südafrikanisch-norwegische Zusammenarbeit als sehr fruchtbar. Momente grosser Schönheit gehen in fiebrige Improvisationen über, es ist bittersüsse, brodelnde und bewegende Musik. Mit einem, abgesehen von Yenana, neu besetzten Quartett, dem Zymphony Orchestra, spielte der Saxofonist 2001 «Zymphonic Suites» ein. Bass spielt Herbie Tsoaeli, an den Drums sitzt Kevin Gibson. Das Leben sei eine Sinfonie, und es sei die Rolle eines jeden Menschen, in seinem Leben die zu ihm passende Rolle zu spielen, umschreibt der Musiker seine Lebensphilosophie, dazu den Sufimeister Inayat Khan sowie den Bantuweisen Chinweizu zitierend. Dieses Album ist eine leidenschaftlich gespielte Reise durch das ganze Spektrum südafrikanischer Musik.

Spiritualität und Satire

«Vadzimu», das bisher letzte Album, ist vor vier Jahren erschienen. Wobei schon die Besetzung mit - neben Yenana und Tsoaeli - Trompete, Posaune, Harfe, Viola, zwei Drummern, einem Congaspieler und vier Djembeperkussionisten auf ein vielschichtiges Projekt hindeutet. Die Meisterschaft von Zim Ngqawana erweist sich aber gerade darin, dass nichts überladen wirkt. Spiritualität, Satire, Lyrik, Straight-Jazz, Latin, Hymnen, Anlehnungen an Brecht/Weill, afrikanische Rhythmik und Exkursionen in den Free-Bereich verbinden sich zu einer Musik von grosser Transparenz und Emotionalität.

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