Sonderwirtschaftszonen in Indien : Eine Vision mit Preisschild

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Der Subkontinent will wachsen - und zwar schnell. Dabei helfen sollen spezielle Zonen mit traumhaften Bedingungen für InvestorInnen. Die lokale Bevölkerung und die Umwelt haben dabei das Nachsehen.

Das Handels- und Finanzzentrum Bombay an der Westküste Indiens ist von sumpfigem und brachliegendem Land umgeben. Hier soll in wenigen Jahren die modernste Metropole des Landes entstehen. Das grösste Infrastrukturprojekt des Subkontinents werde nicht nur den Standort Dubai in den Schatten stellen, sondern auch Singapur und Schanghai, glaubt Mukesh Ambani, einer der reichsten Unternehmer des Landes (Reliance Industries) und Initiator der New Mumbay Special Economic Zone. Seine Vision ist eine Skyline hochmoderner Wolkenkratzer zum Arbeiten und Wohnen, aufgelockert durch Freizeitanlagen, Einkaufszentren und einen Golfplatz. Die mehr als eine Million BewohnerInnen der Zone werden schätzungsweise 1000 Megawatt Strom und 300 Millionen Liter Wasser täglich verbrauchen. Mit einem Lift gelangen sie von ihrer Wohnung zu ihrer Arbeitsstelle. Und wer einen Ausflug in das «alte» Bombay unternehmen möchte, kann dies über eine zwanzig Kilometer lange, sechsspurige Autobahnbrücke über das Meer tun. Auch der neue Flug- und der Seehafen befinden sich in der Nähe.

Tradition des Widerstands

Die geplante Sonderwirtschaftszone liegt fünfzig Kilometer südlich von Bombay entfernt und nimmt eine Fläche von fünfzig Quadratkilometern ein. Die Vorteile des Standorts liegen auf der Hand: die Nähe zum Handelszentrum Bombay, intakte Strassen und gute Verkehrsbedingungen sowie ein ständiger Zugriff auf ausgebildete Arbeitskräfte. Die Kosten des durch ein internationales Konsortium entworfenen Grossprojekts sind auf 520 Millionen Dollar veranschlagt. Die Sonderwirtschaftszone, die spätestens im Jahr 2015 fertig erstellt sein wird, soll Investitionen in der Höhe von 1,5 Milliarden Franken nach sich ziehen.

Die Vision hat ihren Preis: Nicht nur Flüsse, Kanäle, Sümpfe und Hügel müssen trockengelegt, aufgefüllt, abgetragen werden. Auch fünfzehn Dörfer sind teils massiv betroffen: Mehr als 5500 Haushalte beziehungsweise 26 000 BewohnerInnen sollen umgesiedelt werden.

Auf der Gewinnerseite hingegen sieht sich der Bundesstaat Maharashtra. Bereits in der allerersten Planungsphase entpuppt sich das Projekt als Goldgrube. Denn bei jedem Landkauf, jedem Bauvorhaben, jeder Genehmigung rollen Rupien in die Staatskasse - und in die Taschen der Verwaltungsangestellten. Diese verdienen, wie die PolitkerInnen, oft auch direkt als VermittlerInnen dazu. Diese Extras betragen bis zum Zwanzigfachen ihres regulären Salärs. Doch die lukrativsten Geschäfte tätigen die ImmobilienhändlerInnen: Allein in den letzten zwölf Monaten haben sich die Landpreise mehr als vervierfacht. Das Interesse der ausländischen InvestorInnen ist gross: Sie erhalten nicht nur automatisch eine Genehmigung für ihre Geschäftstätigkeit, sondern profitieren von Subventionen und Steuererleichterungen während mehrerer Jahre. Ihre Angestellten sind zudem dem Verbot unterworfen, wild zu streiken. Obwohl die Regierung die Erschliessung des Gebietes regeln sollte, wissen die wenigsten der betroffenen DorfbewohnerInnen, wie viel ihr Land inzwischen wert ist und welche Vor- oder Nachteile ihnen ein Verkauf einbringt. Im Jahr 2005, beim Start des Projekts, begann der Grosskonzern Reliance Industries, im grossen Stil Land zu einem Preis von bis zu 10 000 Dollar pro Hektar zu kaufen. Als zu wenig lokal Ansässige anbissen, verdoppelte Reliance 2006 ihr Angebot. Trotzdem wehren sich immer noch einige DorfbewohnerInnen gegen die Vereinnahmung ihres Landes. «Wir sind nicht gegen Entwicklung. Aber um welche Art von Entwicklung geht es hier? Niemand informiert uns. Wer ein faires Geschäft mit uns abschliessen will, müsste sich mit uns an einen Tisch setzen, oder?», sagt D. K. Patil, Präsident der Bauernvereinigung des Grossraums Bombay. Bei den lokalen LandbesitzerInnen handelt es sich vorwiegend um Bäuerinnen und Fischer. «Wir wurden zuerst aus Bombay vertrieben und jetzt von hier. Wohin sollen wir nun gehen?», so Patil.

Ständig tauchen Regierungsleute auf, nehmen irgendwelche Messungen vor und verschwinden wieder, kommentarlos. «Auch Immobilienmakler und andere Geschäftsleute schauen sich regelmässig unser Land an», sagt der 35-jährige Devidas Patil, der eine kleine Teestube betreibt. «Doch wir können unser Land nicht hergeben. Es ist unsere Zukunft, unsere Sicherheit.» Es gebe Arbeit in der Umgebung, Schulen, Gesundheitszentren und Tempel. «Wir sind einfache Leute mit einfachen Bedürfnissen. Uns gefällt es so, wie es ist.» Die Strassen durch die Dörfer sind gut instand gesetzt und sauber. Männer und Frauen arbeiten in den Reisfeldern.

Das Dorf Chirner kennt eine lange Tradition des Widerstands. Bereits 1930 wehrten sich die BewohnerInnen gegen die britische Kolonialverwaltung, als diese ihnen verbot, Feuerholz im nahe gelegenen Wald zu sammeln. Die Auseinandersetzung kostete neun Personen das Leben. Nun sehen die DorfbewohnerInnen einen neuen Kampf auf sich zukommen, diesmal allerdings gegen Reliance Industries. Das Unternehmen ist nicht nur direkt in den Aufbau der Infrastruktur involviert, ihm kommt auch die Rolle des Türöffners zu, um möglichst viele ausländische InvestorInnen anzuziehen. Was Reliance-Chef Ambani hier plant, ist das Gleiche, was bereits die Britische Ostindienkompanie in ihren Handelsstationen und späteren Kolonien praktiziert hatte: Steuererleichterungen und andere Privilegien für die einen, keine Arbeits- und Mitspracherechte für die anderen.

Bereits in den siebziger Jahren mussten in der Umgebung von Bombay 95 Dörfer der Stadterweiterung Neu-Bombay weichen. Dies bedeutete für 30 000 Familien die Umsiedlung. Die DorfbewohnerInnen hatten damals für eine faire Entschädigung gekämpft, dabei erschoss die Polizei zwei Personen. Schliesslich gab die Regierung nach, verdoppelte den Bodenpreis und versprach Arbeitsstellen sowie die Rückgabe eines Zehntels des Landes. «Doch nichts von all dem geschah. Stattdessen haben sie uns - nun ohne Vieh und Land - zu Bettlern gemacht», sagt der 69-jährige Salinenarbeiter Dharma Patil.

Brodelnde Gerüchteküche

Die Regierung möchte einen Aufstand, der womöglich auch noch internationale Beachtung und Unterstützung finden könnte, um jeden Preis vermeiden und betreibt vor Ort eine Politik der Desinformation und Beschönigung. Gleichzeitig lobt sie das Grossbauprojekt vor den InvestorInnen in den höchsten Tönen. Regelmässig erscheinen positive Beiträge im Fernsehen und in Zeitungen.

In den betroffenen Dörfern bringt jeder Besuch eines Journalisten, einer Unternehmerin oder eines Immobilienmaklers die Gerüchteküche noch mehr zum Kochen. «Wöchentlich erreichen uns neue Spekulationen», sagt Mangesh Patil, ein alter Bauer im Dorf Awre. «Einmal heisst es, dass das ganze Dorf verschwinden wird, dann wieder 'nur' das umliegende Ackerland», sagt Patil. «Auch von einem Umzug in ein Auffanglager war schon die Rede.»

Die meisten BewohnerInnen von Awre sind - im Gegensatz zu vielen anderen - zu einer Umsiedelung bereit. Denn die Umweltverschmutzung hat zunehmend ihre Lebensbedingungen zerstört. «Alles, um was ich bitte, ist eine anständige Entschädigung, ein gutes Haus und Arbeit für meine zwei Söhne», sagt Patil.

Doch das Thema Umwelt wird auch im Zusammenhang mit der geplanten Sonderwirtschaftszone komplett unter den Teppich gekehrt. Das bisher bestehende organisch zusammengewachsene Geflecht von natürlichen Wasserzu- und -abflüssen hat bisher immer für eine gewisse Regulierung gesorgt. Die künstlich erschaffene Zone wird das ökologische Gleichgewicht der Region komplett zerstören.

Im Jahr 2004 verfasste das TataInstitut für Sozialwissenschaften eine Studie über die sozialen Auswirkungen des Projekts auf die fünfzehn direkt betroffenen Dörfer. Niemand jedoch hat sich mit den Auswirkungen des Projekts auf die Umwelt befasst. Ebenso wenig Beachtung wird dem künftigen massiven Energie-, Strom- und Wasserbrauch in der Sonderwirtschaftszone geschenkt. Bereits heute sind permanente Stromausfälle in der Region die Regel. Der Energiebedarf steigt kontinuierlich, doch bisher gab es keine Bestrebungen, die Stromlieferungen zu erhöhen. Wo aber sollen die veranschlagten 1000 Megawatt pro Tag für die Zone herkommen? Will das Projekt internationalen Standards und Bedürfnissen genügen, so ist eine nachhaltige Energieversorgung dringender gefragt denn je.