Nr. 30/2007 vom 26.07.2007

Heilt Autofahren das blinde Grosi?

In den siebziger Jahren als Kind zur aufsteigenden Mittelschicht zu gehören, hiess: Auto fahren. Zum Skifahren, nach Italien, mit der Grossmutter. Erbarmungslos. Bis zum Erbrechen.

Von Nicole Ziegler

Meine Mutter steht vor unserem roten Familienauto. Sie stapelt Kleider, Badetücher und alles, was sonst noch weich und für den Urlaub an der italienischen Riviera unentbehrlich ist, in den Spalt zwischen Hinter- und Vordersitzen. Sie beigt und beigt, bis der Stapel die Höhe des Hintersitzes erreicht hat. Dieser aufgefüllte Leerraum ist für die Dauer unserer Reise an die Adria mein Bett. Oder das Bett meiner Schwester. Darüber stritten wir immer heftig.

Meine Schwester, meine Mutter, mein Vater und ich lebten in einer Ostschweizer Kleinstadt. In einem Mehrfamilienhaus mit einem flachen Dach inmitten anderer Mehrfamilienhäuser mit flachem Dach. Mein Vater arbeitete bei einer Firma als Vertreter, meine Mutter blieb zu Hause und hielt uns Kinder und den Haushalt in Schwung. Wir assen Arbeiterkoteletten - geschälte und geviertelte Cervelats, in der mit Wasser angerührten braunen Sauce der Migros aufgewärmt - , Bover (grüne Erbsen) und Rüebli aus der Büchse, und zum Zvieri gabs Schoggi mit Brot. Ich hatte zwei Paar schöne Hosen für die Schule, zwei Paar schöne Hosen für den Sonntag und mehrere Paar abgeschossene Manchester-Hosen mit angesetzten Stössen und Flicken auf den Knien. Das waren die «Verrusä-Hosä». Wenn ich aus der Schule heimgekommen war, Schoggi mit Brot gegessen und die Aufgaben gemacht hatte, zog ich sie an, und die Welt stand mir offen. Viel Geld hatten wir nicht. Aber es waren die siebziger Jahre, und die untere Mittelschicht profitierte vom Wirtschaftsaufschwung. Und wir mit.

Das Auto ist auch ein Wohnzimmer

Vom Wirtschaftsaufschwung profitieren bedeutete in erster Linie, ein Auto zu haben. Und wir hatten ein Auto. Ein richtiges Auto. Wenn ich es zeichnete, malte ich vier senkrechte und vier waagerechte Striche und unten zwei Kreise dran. Auf eine Seite gehörte ein einstrichiger Auspuff - aber nur, damit man wusste, in welche Richtung das Auto fuhr. Manchmal zeichnete ich Fenster in den Autoumriss, und daraus guckten dann vier lachende Gesichter. Denn Auto fahren - das tat ich fast immer gern. Am Sonntag zum Beispiel holten wir die Grossmutter ab. Zuerst schenkte sie meiner Schwes-ter und mir Schokolade, dann setzten wir sie ins Auto. Meine Grossmutter sah schlecht. Fast nichts mehr. Die Linsen ihrer Augen waren milchig. Aber sie wurde fürs Leben gern von ihrem Sohn durch die Landschaft kutschiert. Wenn wir so fuhren, kommentierte meine Grossmutter alles. «Schaut doch, wie schön die Apfelbäume blühen. Jessas, ist das schön!» Sie sah die Berge, das Restaurant auf dem Säntisgipfel, sie sah die Felder und genauestens was darauf wuchs. Aber sie sah nicht, dass ihr beim Zvierihalt neben all den anderen ausfahrenden Mittelschichtfamilien der halbe Kuchen aufs Tischtuch gefallen war und sie die Kaffeetasse neben den Untersatz gestellt hatte. Es war ein Wunder. «Sieht das Grosi wegen dem Autofahren wieder?», fragte ich meinen Vater, und der nickte. «Klar.» Und dann zupfte er mich an den Haaren, weil ich den Sirup auf meinen Glacelöffel gestellt hatte und alles meinem Vater auf die Sonntagshose tropfte.

Vom Wirtschaftsaufschwung profitieren bedeutete auch, Frau und Kinder ins Auto zu packen und einmal im Jahr für zwei Wochen nach Italien ans Meer und im Winter sonntags zum Skisport zu fahren. Wir taten beides. Wenn wir in den kalten Monaten in die Berge fuhren, wurde mir schlecht. Nach einer halben Stunde kotzte ich das erste Mal. Aber nie ins Auto. Ich war gut konditioniert. «Mami ich muss dann gleich», sagt ich. Meine Mutter sagte: «Gleich?» Ich: «Vielleicht noch zwei Kurven, aber dann.» Mein Vater genervt: «Was hat sie jetzt schon wieder?» Und meine Mutter entschuldigend: «Schatz, du musst anhalten, die Kleine muss sich übergeben.» Es reichte immer. Wenn ich fertig war, sagte mein Vater: «Das ist einfach mühsam.» Und meine Mutter fragte mich, ob ich Tee wolle. Aber den Tee wollte ich nicht. Er kam aus einer grünen Plastikthermoskanne, war brühend heiss und schmeckte nach lauem Kaffee vom Verwandtenpicknick im Sommer. Gegen die Autoreiseübelkeit gab es damals etwas: Stilresistente hängten einen Gummistreifen, der den Boden berührte, hinten ans Auto und befahlen ihren Kindern: «So, jetzt wird euch nicht mehr schlecht.» Wenn meine Mutter meinen Vater nach meinen Kotzattacken darauf ansprach, meinte er: «So ein Seich, das kommt mir nicht ans Auto.» Ich konnte ihm nur zustimmen. Und am Mittag, in der Skifahrpause, war auch alles wieder vergessen. Wir sassen in unserem kalten Auto, streckten die Stinksockenfüsse von uns und assen die mitgebrachten Brötli - Zmittag im Restaurant konnten wir uns erst später leisten - : Weissbrotweggli mit Fleischkäse. Und endlich tranken wir auch den Tee-Kaffee. Unser Auto war unser Familienraum, unser Wohnzimmer, unser Picknickplatz.

Schlafzimmer

Und für die Italienreise im Sommer auch unser Schlafzimmer. Denn nach Italien fahren hiess, eine Nacht im Auto zu liegen. Auf der Kleiderbeige zwischen Vorder- und Rücksitzen oder auf dem Rücksitz. Das hiess, eine Nacht von meinem Vater durch die Schweiz, den San Bernardino, über die Grenze und die italienischen Autobahnen ans Meer gefahren zu werden. Es hiess, immer mal wieder aufzuwachen, damit mein Vater an einer italienischen Raststätte den steifen Nacken lockern und einen Ristretto trinken und meine Schwester, meine Mutter und ich aufs Klo gehen konnten. Ich liebte diese Reisen. Ich liebte das Brummen des Motors, den Benzingeruch auf den Raststätten, die Stimmen meiner Eltern auf den Vordersitzen, während ich döste. Und noch mehr liebte ich dann unser Auto. Es brachte mich weg aus unserer Mietwohnung unterm Flachdach, in welcher in der einen Küchenecke ein Schimmelpilz wuchs und der Nachbarjunge aus der Wohnung unter uns wegen der Schläge seiner Mutter laut weinte. Es brachte mich weg aus dieser Wohnblocksiedlung, wo sich nachts in Garagen Nachbarn mit dem Kohlendioxid ihrer Autos aus dem Leben schafften und andere Nachbarn in den Garagen auf ihre Exgeliebte warteten und sie dort erschlugen. Das Auto brachte mich ans Meer und es machte mich stolz: Ferien in Italien. Mit dem Auto. Ja, das war was. Das konnte ich später in der Schule erzählen. Das waren die späten Siebziger, das waren die frühen Achtziger. Das war, als jeder irgendwie zu so viel Geld kam, dass er sich und seiner Familie ein paar wichtige Statussymbole leisten konnte und alle dran glaubten.

Unterschlupf und Rettung

Aber dann passierten zwei Dinge: Erstens erlaubte mein Vater meiner Mutter, sich eine Arbeit zu suchen - die fand sich auch sofort - , und schenkte ihr ein kleines Auto. Einen dunkelblauen Fiat. Meine Mutter kaufte sich silbrige Klebebuchstaben, schrieb «Schnupf» auf die Heckscheibe und setzte sich selbst ans Steuer. Dann trennten sich meine Eltern. Schnupf war das Auto, das meiner Mutter und mir nach dem Auseinanderfallen unserer Kleinfamilie Unterschlupf gewährte. Meine Schwester hatte längst einen Freund mit einem eigenen Wagen. Ich mochte den kleinen Fiat sehr.

Zweitens starb der Wald. Und das hatte etwas mit den Autos zu tun, die mich wie selbstverständlich durch meine Kindheit kutschiert hatten. Dass das, was durch den Auspuff herausgeblasen wurde, nicht unbedingt gesund war, merkte ich spätestens, als der Abgasselbstmord im Quartier passierte. Aber dass es so giftig war, dass der ganze Wald daran zugrunde ging, das war neu für mich. Ab sofort wurde mir immer schlecht beim Autofahren. Doch ich war die Einzige in meiner Familie, die derart sensibel auf die Nachricht reagierte, welche ein paar PolitikerInnen dazu veranlasste, eine neue Partei ins Leben zu rufen, und welche das Katalysatorobligatorium zur Folge hatte. Anderswo in der Schweiz formierte sich die grüne Jugend, kämpfte man gegen Kaiseraugst, wurde man revolutionär umweltbewusst. Meine Verwandtschaft fuhr tapfer weiter Auto. Mein Vater - der nach dem Wirtschaftswachstum der Siebziger nun vom Wirtschaftsboom der Achtziger profitierte - kaufte sich immer grössere Autos mit immer mehr Schnickschnack. Einen Audi 100, weiss, mit Skisack inwendig, so konnte er sich den hässlichen Skiträger vom Auto fernhalten. Dann zusätzlich ein Ford Escort Cabriolet mit violetten Seitenstreifen für die schönen Sommertage. Das Dach konnte er elektronisch öffnen und schliessen.

Und der neue Mann meiner Mutter besass eine kleine Autogarage im Thurgau. Ich hörte ihm gerne zu, wenn er über seine Verkaufsstrategien sprach, wenn er Geschichten über seine Kunden zum Besten gab. Da gab es den Pferdezüchter, der mangels Bargeld ein Pferd gegen ein Auto tauschen wollte. «Au ja, mach das!», sagte ich. Ich sah mich schon mit eingetauschtem Pferd in die Schule reiten. Er tat es natürlich nicht. - Oder er erzählte von der Kundin, bei deren Auto auf dem Armaturenbrett immer ein Lämpli leuchtete, und keiner wusste, warum. Als die geplagte Autofahrerin deswegen zum dritten Mal in der Werkstatt auftauchte, schraubte mein Stiefvater kurzerhand das Glühbirnchen raus und löste so das Problem sachgemäss und nachhaltig. Die Kundin kam nicht wieder.

Irgendwann in der Pubertät wollte ich Automechanikerin werden. Mein Stiefvater fand das super. Ich verwarf es dann, dachte ein bisschen an den Wald, verliebte mich stattdessen in einen Automechanikerlehrling - das war natürlich noch besser - und bestand die Aufnahmeprüfung fürs Lehrerseminar. Dort war man unter zwanzig und grün und bewegt. Und am Frauenstreiktag wies man auch darauf hin, dass es vor allem Männer waren, die Auto fahren und Kinder überfahren.

Es war wirklich schwierig, in dieser Familie umweltbewusst durch die Jugend zu kommen. Ich wohnte mittlerweile mit meiner Mutter und meinem Stiefvater in einem Dorf, das vom öffentlichen Verkehr abgeschnitten weitab von jeder städtischen Zivilisation lag. Die Liebe zum Automechaniker war längst vorbei. Ich wohnte über einer Autowerkstatt, vor dem Haus stand ein Dutzend Autos zum Verkauf bereit. Weg kam ich mit verschiedenen Bekanntschaften, die mich in ihr Auto packten. «Tschüss, Mam, bin mit SvenThomasJürgundsoweiter unterwegs und um Mitternacht zurück.» Meine Mutter winkte, sie kannte das. Mit achtzehn machte ich bei Herrn Stirnimann die Autoprüfung. Und war frei. Zu gehen, wohin, und zu werden, was ich wollte.

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