Nr. 35/2007 vom 30.08.2007

Müllhalde des Grauens

Lange wurde das Polizeiarchiv von der Regierung geheim gehalten. Jetzt werden Millionen von Akten gesäubert, geordnet, gescannt und aufbereitet - zumindest bis zu den Wahlen vom 9. September.

Von Toni Keppeler, Guatemala-Stadt

Das gesamte Rechtssystem von Guatemala ist auf Papier aufgebaut. Selbst in Gerichtsverfahren haben die Behörden lange nur Papierberge hin und her geschoben, um zu einem Urteil zu kommen. Erst seit kurzem kennt man die mündliche Verhandlung, und wer in Guatemala einmal in Berührung mit der Bürokratie kam, weiss, dass für alles und jedes Akten erstellt, Formulare ausgefüllt, Fingerabdrücke genommen, Passbilder aufgeklebt werden.

Man fragt sich, was mit all diesen Akten passiert, und stellt sich ein grosses Haus vor, in dem bis unters Dach Tonnen von Papier gestapelt werden. Genau so sieht das historische Archiv der Nationalpolizei von Guatemala aus: ein zweigeschossiger Zweckbau aus Beton in der heruntergekommenen Zone 6 der Hauptstadt. In der Nachbarschaft haben sich Handwerks- und kleinere Industriebetriebe in ein Wohnviertel gemischt, direkt daneben ein Schrottplatz für Autos. Nie hat sich jemand um das Gebäude gekümmert. Das Dach ist im Lauf der Jahre undicht geworden. Es gibt kein Licht und keine Ventilation. Es riecht nach Staub, Moder und Verwesung.

Die Räume sind vollgestapelt mit Papier; manchmal in Regalen, aber auch einfach so auf dem Boden. Ratten und andere Insekten fressen sich durch die Aktenberge. An der Decke hängen Fledermäuse. Ihr Kot ist klebrig und ätzend. Wenn er trocknet, wird er hart wie Beton. Damit verschmutzte Akten können nie mehr gesäubert werden. In diesem Zustand wurde das Archiv am 5. Juli 2005 «entdeckt», und teilweise sieht es noch heute so aus. Nur das Dach wurde abgedichtet, und die Kammerjäger vernichteten das Ungeziefer. Ein paar Fledermäuse sind geblieben.

Von der Gründung bis zur Auflösung der Nationalpolizei 1997 war das Archiv in Betrieb. 117 Jahre in Akten. Manchmal wurden sie in geschnürten Bündeln angeliefert, manchmal einfach von einem Kleinlaster vor die Tür gekippt. Im Polizeijargon hiess das Haus «el vertedero», die Müllhalde. Die dort arbeitenden Frauen waren strafversetzt worden. Eine Anordnung verbot die Verwendung der Akten als Klopapier. Die Frauen ordneten die angelieferten Schriftstücke bestenfalls nach Jahr und Polizeieinheit. Dann kamen sie auf die hohen Stapel. Ein Antrag auf einen Führerschein liegt auf der Akte über den Fund einer Leiche mit Folterspuren, Listen mit den Namen später ermordeter OppositionspolitikerInnen vermischen sich mit Rapporten von Viehdiebstahl.

Eine Zufallsentdeckung

Natürlich wussten Regierung, Justizbehörden und Polizei von diesem Archiv. Aber als 1997 die Wahrheitskommission zur Aufklärung der in 36 Jahren Bürgerkrieg verübten Verbrechen nach einem Polizeiarchiv fragte, sagte der damalige Präsident Álvaro Arzú, so etwas gebe es nicht. Dass es acht Jahre später entdeckt wurde und seither aufgearbeitet wird, war ein Zufall.

Zwei Monate zuvor war mitten in Guatemala-Stadt ein Waffenlager der Armee explodiert. Um weitere derartige Unfälle zu vermeiden, inspizierten MitarbeiterInnen des Büros des staatlichen Menschenrechtsbeauftragten alle Einrichtungen in der Stadt, in denen Waffenlager und Sprengstoff vermutet wurden; darunter die Räume der Einheit zur Beseitigung von Sprengstoffen, die unmittelbar neben dem Polizeiarchiv liegen. Der Mitarbeiter der Menschenrechtsbehörde sah durch ein Fenster die hohen Papierstapel und fragte eine Polizistin, was das denn sei. Die antwortete arglos: das Archiv der Nationalpolizei. Sofort meldete der Mitarbeiter in seiner Zentrale: Ich bin soeben auf einen versteckten Schatz gestossen.

«Zum ersten Mal können wir schwere Verbrechen des Bürgerkriegs mit den Dokumenten der Täter rekonstruieren», sagt Alberto Fuentes, der das Archiv betreut. Diese Arbeit beginnt langsam. Zunächst musste die Menschenrechtsbehörde per Gerichtsbeschluss durchsetzen, dass sie überhaupt in den Papieren ermitteln darf. Dann musste Personal gesucht und geschult werden. «Wir hatten keine Ahnung, wie man ein Archiv aufarbeiten und nutzen kann», sagt Fuentes. Und das Gebäude musste abgesichert werden. Sechzehn Videokameras wurden installiert, private Sicherheitsleute wachen rund um die Uhr. Die Polizei darf nur die weitere Umgebung beobachten.

Trotzdem flog schon ein Molotowcocktail über die Umzäunung. Der Vorsitzende der Veteranenvereinigung der Armee drohte dem Menschenrechtsbeauftragten offen mit Anschlägen auf seine MitarbeiterInnen. Er weiss, dass in den Papieren Brisantes zu finden ist.

Puzzleteile

«Die ganz spektakulären Dokumente, in denen zum Beispiel Morde angeordnet werden, findet man nicht», sagt Fuentes. «Zu verstehen, wie das damals funktioniert hat, ist wie das Zusammensetzen eines Puzzles. Man muss Befehlsketten verfolgen, die internen Beziehungen der Polizei rekonstruieren, herausfinden, wer mit wem gesprochen hat.» Ein paar Fälle wurden schon geklärt. So konnten durch den Abgleich von Polizeiakten über aufgefundene Leichen mit Listen von Verschwundenen, Daten aus der Personalausweis-abteilung und Archiven von Menschenrechtsorganisationen vierzig Tote identifiziert werden, die in den achtziger Jahren auf dem Armenfriedhof von Guatemala-Stadt anonym begraben worden waren. Man hat herausgefunden, wer die mutmasslichen Mörder von acht jungen Männern waren, deren Leichen 1982 in der Zone 5 der Hauptstadt gefunden wurden: Im Archiv fand sich eine Akte, wonach sie zwei Monate zuvor von der Polizei verhaftet worden waren. Und es gibt eine Akte über die Verhaftung einer neunköpfigen Familie, vom einjährigen Baby bis zur 73-jährigen Grossmutter, weil sie angeblich der Guerilla angehörte. Bislang galt diese Familie einfach als verschwunden. «Es gibt 45 000 Familien in Guatemala, die noch immer nicht wissen, was mit ihren Angehörigen passiert ist», sagt Fuentes. «Sie haben ihnen nicht nur das Recht auf Leben, sondern auch das Recht auf den Tod geraubt.»

Archiv in der Schweiz

Sechs Millionen der geschätzten achtzig Millionen Akten wurden bislang gesäubert und vorgeordnet. Männer und Frauen mit Mundschutz und Handschuhen trennen die oft zusammengeklebten Blätter voneinander, entfernen Metallklammern und bewahren jeden einzelnen Fall in einem Umschlag auf. Der wird beschriftet und nach Datum und Polizeieinheit abgelegt. 3,5 Millionen dieser vorsortierten Akten wurden bereits gescannt. Die Daten liegen mit Stichworten versehen auf einem Server im Archiv und auf einem zweiten in der staatlichen Menschenrechtsbehörde. Mit der Schweizer Botschaft wurde vor kurzem ein Abkommen unterzeichnet, das die Installation eines dritten Servers in der Schweiz vorsieht. Man weiss ja nie: «Die Schweiz ist politisch einfach stabiler», sagt Fuentes. Zwanzig Jahre werde es dauern, alle Papiere zu erfassen und zu ordnen, glaubt er. Und um sie auszuwerten? Er lacht: «Zum Glück haben wir Enkel.»

Die Menschenrechtsbehörde beschäftigt 206 MitarbeiterInnen im Archiv. Rechte PolitikerInnen kritisieren diesen Aufwand. Man gebe viel Geld für wenig Ergebnisse aus. Fuentes widerspricht. Als Stichprobe wurden 18 000 Akten untersucht, um aus dem Ergebnis auf den gesamten Inhalt des Archivs schliessen zu können. «Fünfzehn Prozent der Akten haben mit schweren Menschenrechtsverletzungen zu tun.» Armee und Polizei wissen, warum sie das Archiv am liebsten für immer schliessen würden.

Nicht nur wegen der Akten. Das Haus birgt einen verwinkelten Trakt mit vielen Kämmerchen ohne Fenster. Fuentes wird ernst, als er ihn betritt. «Als wir das erste Mal hier hereinkamen, lagen vergammelte Matratzen auf dem Boden, Reste von Drogen und Medikamenten und Exkremente.» Es ist bekannt, dass die Polizei irgendwo in Guatemala-Stadt ein geheimes Folterzentrum unterhielt, das man «la isla», die Insel, nannte. Fuentes zeichnet einen Plan in den Notizblock. Der Trakt liegt wie eine Insel mitten im Gebäude. «Ich bin sicher, dass dies die Insel ist», sagt er. «Aber ich habe keine Beweise.»

Es besteht die Gefahr, dass die Insel und die sie umgebenden Akten für Fuentes bald nicht mehr zugänglich sein werden. Für die Präsidentschaftswahl vom 9. September gehört mit Otto Pérez Molina ein ehemaliger General zu den Favoriten, der alles andere als eine weisse Weste hat. «Wenn er gewinnt», sagt der Archivar, «werden wir alle am nächsten Tag dieses Haus verlassen müssen.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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