Nr. 23/2009 vom 04.06.2009

Ein ungeklärter Tod mehr

Spektakuläre Morde an Bus- und Taxifahrern lähmen das zentralamerikanische Land seit bald zwei Jahren. Was aussieht wie Bandenkriminalität und Schutzgelderpressung, hat in Wirklichkeit politische Ziele.

Von Toni Keppeler und Cecibel Romero, Guatemala-Stadt

Die meisten Taxifahrer winken ab, wenn man in die Colonia Limón chauffiert werden will. Nicht einmal ein deutlich überhöhtes Preisangebot kann sie überzeugen, schon gar nicht nach Einbruch der Dunkelheit. Limón gilt als gefährliches Pflaster, besonders für Taxifahrer.

Colonia Limón ist eines der ältesten Armenviertel von Guatemala-Stadt, in deren Grossraum 3,5 Millionen Menschen leben und die in einem Kessel zwischen Hochebenen liegt. Limón liegt weit weg vom Zentrum, an der Ausfallstrasse zum Atlantik. Schon vor dreissig Jahren wurden dort die ersten Hütten gebaut. Auf der Hochebene donnern Lastwagen, tief in der Schlucht klebt ein Häuschen am anderen. Die meisten sind aus Stein, ein oder zwei kleine Zimmer mit einem Dach aus Wellblech. Manche sind sogar verputzt. Dazwischen enge Gässchen, in denen gerade einmal zwei Menschen nebeneinander gehen können. Nachts wird das Viertel von wenigen Laternen in gelbes Dämmerlicht getaucht. In den Türen sitzen Männer in Unterhemden.

Von der Fernstrasse führt eine kleine, steile Stichstrasse hinunter an den Rand von Limón. Oben an der Einmündung auf einem staubigen Platz warten die Taxis auf Kundschaft, genauso wie unten am Rand der Siedlung, vor dem Park mit den verrosteten Schaukeln, auf denen nie ein Kind zu sehen ist. Sie fahren die BewohnerInnen von Limón morgens hinauf zur Bushaltestelle oder bringen sie abends zurück. Der Weg ist beschwerlich. Und es gibt hier viele Überfälle.

6000 Morde pro Jahr

Beim Taxihalt an der Fernstrasse wurde am Abend des 18. Juli 2007 der 27-jährige Walfred Monterosa erschossen - der erste Taxifahrer, der dort starb. Seither sind an der gleichen Stelle noch drei seiner Kollegen ermordet worden. Wie 98 Prozent aller Tötungsdelikte sind auch diese Verbrechen ungeklärt. In Guatemala werden jährlich über 6000 Menschen umgebracht. Und doch ist der Mord an Walfred ein besonderer. Er war einer der ersten in einer langen Reihe spektakulärer Morde an Bus- und Taxifahrern, die mit grosser Wahrscheinlichkeit politische Hintergründe haben.

«Ein Junge aus der Nachbarschaft kam völlig ausser Atem angerannt», erinnert sich Nancy Flores an den Abend, an dem ihr Mann starb. «Er war so aufgeregt, dass er erst kein Wort herausbrachte. Dann schrie er mich an: Sie haben Walfred mit Blei gefüllt.» Nancy Flores ist klein und schmal und hat dunkle Ringe unter den Augen. Als sie neunzehn war, kam ihre Tochter Alejandra zur Welt. Danach war sie mit Walfred verheiratet. Alejandra ist heute sechs, Maria Fernanda, die kleine Schwester, ist drei. Seit Walfred nicht mehr lebt, kann sich die arbeitslose Nancy das kleine Mietshäuschen nicht mehr leisten. Die drei sind zurück ins Haus ihrer Mutter gezogen und leben dort zusammen mit fünf von deren sieben Kindern und der Grossmutter. Neben der Tür, die vom Wohnzimmer zur Küche im Hinterhof führt, hängt ein Bild von Walfred. Er war gross und bullig und trägt auf dem unscharfen Foto weite Jeans und ein zu grosses T-Shirt. Die Mütze trägt er mit dem Schild nach hinten. Er grinst. Nicht einmal ein Jahr hat er als Taxifahrer gearbeitet, mit dem Auto eines Bekannten. «Nach allem, was er abgeben musste, brachte er abends fast 400 Quetzales nach Hause», sagt Flores. Fünfzig Franken, kein schlechtes Einkommen in Guatemala.

Walfred fiel keinem Raubüberfall zum Opfer. Geld interessierte seine Mörder nicht. Zwei Jungs aus einer Jugendbande waren die Täter. Sie kamen von der Hochebene herunter und gingen einfach auf das erstbeste Taxi zu, zogen die Pistolen und leerten die Magazine. Fast zwanzig Schuss aus nächster Nähe, vor den Augen der anderen Taxifahrer und der Wartenden an der Bushaltestelle. Und so schnell, wie sie gekommen waren, so schnurstracks sind sie wieder gegangen.

Nancy Flores rannte damals zum Tatort und kämpfte sich durch die Schaulustigen vor zum Wagen. «Walfried lag zurückgelehnt auf dem Fahrersitz und schützte das Gesicht mit einem Arm», erzählt sie und weint. «Ich glaubte zu sehen, dass er noch atmet, aber ein Feuerwehrmann sagte mir, er sei tot.»

Möglichst öffentlich

Die Jugendbanden sind das grösste Sicherheitsproblem Zentralamerikas. Mehrere zehntausend junge Männer und Frauen sind in diesen sogenannten Mara organisiert, hauptsächlich in Guatemala, El Salvador und Honduras. Es ist bekannt, dass sie Schutzgeld erpressen, mit Drogen handeln und sich als KillerInnen verdingen. Auch die Fahrer von Limón bezahlen Schutzgeld, jeder fünfzehn Quetzales am Tag. Man weiss, dass Mareros genannte Jugendliche die Bus- und Taxifahrer oder LadenbesitzerInnen nicht nur einschüchtern oder verprügeln, sondern auch erschiessen, wenn diese die Zahlung verweigern. Doch das erklärt nicht die lange Reihe von Morden an Bus- und Taxifahrern, die die Bevölkerung seit bald zwei Jahren schreckt. Allein im vergangenen Jahr wurden 129 Busfahrer, 42 ihrer Begleiter und 52 Taxifahrer ermordet, manchmal drei oder vier an einem Tag. Fast alle diese Morde wurden öffentlich begangen - so dass es möglichst viele sehen.

«Solche Morde sind immer spektakulär», sagt Carmen Aída Ibarra von der Menschenrechtsorganisation Myrna Mack. «Sie haben politische und soziale Auswirkungen.» Wenn ein Fahrer ermordet wird, streiken seine Kollegen und blockieren mit ihren Fahrzeugen die Strasse. Die Menschen kommen nicht zur Arbeit, die Medien berichten ausführlich. «Es soll Angst verbreitet und Chaos provoziert werden. Letztlich haben solche Morde die Unregierbarkeit des Landes zum Ziel.» Die meisten Chauffeure sterben in den Aussenvierteln der Hauptstadt, entlang der grossen Ausfallstrassen, die zu den Häfen am Atlantik und am Pazifik oder ins benachbarte El Salvador führen. «Die auf die Morde folgenden Strassenblockaden bedeuten jedes Mal Millionenverluste für die Wirtschaft», sagt Mario Polanco, Direktor der Menschenrechtsorganisation Gruppe für gegenseitige Hilfe.

Die Serie begann im Wahlkampf 2007. Damals warf man dem später knapp unterlegenen rechten Kandidaten und früheren General Otto Pérez Molina vor, er gebe Morde an Busfahrern in Auftrag, um mit der Forderung nach einer harten Hand punkten zu können. Das klingt durchaus plausibel. Molina ist nicht zimperlich. Die Truppe, die er im Bürgerkrieg (1960-1996) kommandiert hatte, ist für Massaker an der indigenen Bevölkerung verantwortlich. Im Wahlkampf aber wurde - wie so oft - nur behauptet und nichts bewiesen.

Gemeinsames Interesse

Seit der damalige Wahlsieger Álvaro Colom an der Regierung ist, haben die Morde an Bus- und Taxifahrern deutlich zugenommen. Der Sozialdemokrat ist der erste Präsident, der glaubhaft an der Aufklärung der Verbrechen des Bürgerkriegs interessiert ist. Er hat das Archiv der damaligen Nationalpolizei für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ein paar Kriegsverbrechen wurden mit Hilfe der dort lagernden Akten bereits aufgeklärt. Es gab erste Verhaftungen. Und Colom hat erst vor kurzem das Mandat der von der Uno gestellten internationalen juristischen Kommission gegen die Straflosigkeit in Guatemala (CICIG) verlängert, die Politmorde klären und den durch und durch korrupten Justizapparat reformieren soll.

Den Schlächtern von damals gefällt das nicht, und genauso wenig gefällt es den Drogenmafias, die von Mexiko her nach Guatemala drängen und im Norden ganze Landstriche kontrollieren. Längst sind die beiden Gruppen miteinander verbandelt. Sie finanzieren Wahlkämpfe und haben ihre Leute in Bürgermeisterämtern und Parlament. Sie schmieren die Polizei, Staatsanwältinnen und RichterInnen. Maras sind meist nur ihre billigen Vollstrecker. «Alle diese Gruppen eint ein Interesse», sagt Ibarra. «Sie wollen, dass das System der Straffreiheit in Guatemala erhalten bleibt.»

Nach dem Tod von Walfred Monterosa wurde zumindest ermittelt. «Staatsanwälte waren bei mir und haben gefragt, was passiert ist», erzählt Nancy Flores. Was sollte sie ihnen sagen, sie hatte ja nichts gesehen. Zumindest nichts vom Mord. Und dass Limón ganz allgemein eine unsichere Gegend ist, das wussten die ErmittlerInnen schon. «Wir sind daran gewöhnt, Schiessereien zu hören und danach die Sirenen der Krankenwagen», sagt Flores. Ihre Kinder dürfen wie alle Kinder im Viertel nie alleine auf die Strasse. Nicht am Tag und schon gar nicht nach Einbruch der Dunkelheit.

Früher gab es drei Maras in Limón, eine auf der Hochebene, eine in der Mitte und eine in der Schlucht. Nach einem blutigen Bandenkrieg blieb nur noch eine übrig. Die Mitglieder der anderen sind tot oder flohen in andere Viertel. «Die Polizei tut nichts», sagt Flores. «Einmal hat sie die Mareros sogar mit dem Pick-up zum Überfall gefahren.» Walfred aber habe mit Maras nie etwas zu tun gehabt und sei ihnen auch nicht in die Quere gekommen. «Er hatte mit niemand Streit.» Es habe keine Drohungen gegeben vor seinem Tod. «Ich hätte das gewusst. Wir sprachen über alles.»

Ein paar Tage nach dem Mord hatte die Staatsanwaltschaft ein paar Verdächtige und kam mit Fotos von ihnen zu Flores nach Hause. «Ich habe keinen gekannt. Und selbst wenn, hätte ich nichts gesagt.» Sie fürchtet um ihr Leben und um das ihrer Kinder. «Viele, die jemand angezeigt haben, sind danach gestorben.» Manchmal werden in Guatemala ZeugInnen und AnwältInnen der Opfer auf dem Weg ins Gericht erschossen. Flores ist es fast lieber, dass der Mord an ihrem Mann einer der vielen ist, die nie aufgeklärt werden. «Niemand wird mir erklären können, warum ausgerechnet er sterben musste, und so genau will ich es auch gar nicht wissen. Walfred wird nicht zurückkommen und mir ist mein Leben mehr wert.»

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