Nr. 36/2007 vom 06.09.2007

Achtzehn Antworten

Von Roman Schürmann

Es gibt inzwischen viele Leute, die das kapitalistische Produktionssystem für ebenso natürlich halten wie die Schwerkraft oder den Schmerz, den sie spüren, wenn sie mit dem Hammer nicht den Nagel, sondern ihren Daumen treffen. Ist doch logisch: Wer Geld hat und dieses mit ein bisschen Grips einzusetzen weiss, profitiert und verdient mehr Geld, schafft Arbeitsplätze und spendet vielleicht für die Armen in Afrika. Klar, so wie in Manchester im vorletzten Jahrhundert gehts natürlich nicht - Hungerlöhne, keine staatliche Kontrolle, kein soziales Netz. Aber heute siehts besser aus; ja, wir sind fast alle selber, wenn nicht über Fonds, dann zumindest über unsere Pensionskasse, zu KapitalistInnen geworden - und profitieren!

Etwas differenzierter sehen dies der Politikwissenschaftler und politische Publizist Georg Fülberth sowie der Professor für politische Ökonomie und WOZ-Autor Michael R. Krätke. Sie beantworteten anlässlich der Rosa-Luxemburg-Konferenz der gleichnamigen Stiftung am 4. März 2006 neun Fragen zum Kapitalismus; ihre Antworten liegen nun auch gedruckt vor. «Was ist eigentlich Kapitalismus?», so lautet die erste Frage, weitere Themen sind die Herkunft des Kapitalismus, der Profit, der «neue» Imperialismus, der «neoliberale» Kapitalismus, schliesslich die Frage: «Wann endlich kommt der grosse Kladderadatsch und ist der Kapitalismus zu Ende?» Krätke macht aus seiner Haltung kein Hehl: «Wer also das Wort 'Kapitalismus' heute in den Mund nimmt, gibt sich schon als jemand zu erkennen, der den bestehenden Verhältnissen skeptisch bis kritisch gegenübersteht. Davor», beruhigt er, «braucht man sich nicht zu fürchten.»

Fülberth und Krätke haben nicht den Anspruch, endgültige und umfassende Definitionen zu liefern. Es geht ihnen um Denkanstösse, um kritische Einwürfe. Und das gelingt auch ganz gut. Die Texte sind verständlich verfasst und setzen keine Kenntnisse voraus. Anregend ist, dass dieselben Fragen zweimal beantwortet werden - obwohl Fülberth und Krätke sehr ähnliche Positionen haben, unterscheiden sich ihre Bemerkungen zum Teil recht stark. Während Fülberth mitunter allzu sparsam argumentiert oder beim Anekdotischen bleibt, schafft es Krätke auch auf knappem Raum, die Themen in ihrer Vielschichtigkeit zu skizzieren und zu gliedern. Hilfreich ist zudem, dass beide auf weiterführende Literatur verweisen.

«Das Ende des Kapitalismus kommt erst, wenn seine Legitimität nicht mehr fraglos gilt, wenn der Schein der Selbstverständlichkeit und Alternativlosigkeit dieses Wirtschaftssystems auf breiter Front durchbrochen worden ist», schreibt Krätke. Zwar führe der Kapitalismus zwangsläufig zu ökonomischen Krisen, sozialen und ökonomischen Katastrophen, aber ohne «ständige, radikale Kritik der kapitalistischen Verhältnisse und ihrer Folgen» sei ein Ende nicht absehbar. Und für diese Kritik brauche es «Kraft und einen langen Atem». Wer die «Neun Fragen zum Kapitalismus» studiert, kann erst mal tief Luft holen.

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