Nr. 43/2007 vom 25.10.2007

Ein Lob des Compañero Presidente

Der Präsident Boliviens symbolisiert für Millionen Indígenas das Erwachen ihres politischen Selbstbewusstseins. Für alle anderen war er bisher schwer zu verstehen.

Von Sonja Wenger

Der Mann hat Charisma, Mut und ein einleuchtendes politisches Programm. Wer dem bolivianischen Präsidenten Evo Morales einmal persönlich begegnet ist - beispielsweise bei seinem Zürcher Fifa-Besuch im Sommer -, weiss, dass man sich nur schwer der Faszination entziehen kann, die von ihm ausgeht. So dominiert in der internationalen Berichterstattung über Morales mehr die allgemeine Irritation als die generelle Ablehnung, wie sie bei Venezuelas Präsidenten Hugo Chávez üblich ist, der oft als Morales' Vorbild bezeichnet wird.

Seit Evo, wie er noch immer genannt werden will, im Dezember 2005 mit deutlicher Mehrheit zum «Compañero Presidente» gewählt wurde, rätselt die Welt, auf welcher Logik seine Entscheidungen basieren. Nur langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass es sich bei Morales tatsächlich um ein Staatsoberhaupt zu handeln scheint, bei dem die herkömmlichen Massstäbe für PolitikerInnen nicht funktionieren.

Autor Muruchi Poma, der wie Morales aus dem indigenen Volk der bolivianischen Aymara stammt, versucht zu erklären, warum das so ist. Sein Buch «Evo Morales - die Biografie» geht weit über die klassischen biografischen Eckdaten von Morales persönlichem und politischem Werdegang hinaus. Es bietet kein trockenes Futter für AkademikerInnen, sondern eine leicht lesbare Mischung aus kulturhistorischem Handbuch und privatem Fotoalbum mit Zeittafeln, Karten, Glossaren, angenehm verständlichen Anmerkungen mit einem kleinen Wörterbuch der grössten indigenen Sprachen Boliviens sowie einer Fülle an Informationen über die Kultur der Aymara, ihre Traditionen und Wertvorstellungen.

Faulenze nicht!

So erfahren die LeserInnen, dass Morales politische Vorgehensweise und sein Weltbild von den «Prinzipien, Sitten und Gebräuchen der Aymara-Kultur» geprägt sind. Den Devisen «Stehle nicht, lüge nicht und faulenze nicht!» sei Morales sein Leben lang gefolgt, schreibt Muruchi Poma. «Die moralischen Prinzipien Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Loyalität, Solidarität und Respekt prägen das Leben des heutigen Präsidenten Boliviens», schreibt Poma, und gleich im Anschluss: «Im politischen Leben lernte er, dass Lüge und Betrug die am häufigsten eingesetzten Mittel seiner Gegner sind.» Kein Wunder also, dass das westliche System von Morales infrage gestellt wird, und kein Wunder auch, dass die beinahe bedingungslose Begeisterung des Autors streckenweise ein bisschen übertrieben wirkt.

Trotz des schriftstellerischen Pathos, das ziemlich gewöhnungsbedürftig ist, enthält das Buch eine Reihe von nützlichen Fakten, die den eigenen, westlich geprägten Blickwinkel auf die politische und gesellschaftliche Entwicklung in Bolivien infrage stellen. Und die die Überlegung aufwerfen, ob man durch die Vielzahl negativer Beispiele bereits so desillusioniert ist, dass man es kaum noch glauben mag, ein Mensch könne tatsächlich den Verlockungen der Macht widerstehen.

Koka und Politik

Kaum ein Artikel über Morales scheint ohne den Hinweis auszukommen, dass Boliviens Staatsoberhaupt ein ehemaliger Kokabauer ist. Doch die Medien versehen dies meist mit einem missbilligenden Unterton und benutzen es als Rechtfertigung der Kritik, dass Morales die Kokapflanze international zu rehabilitieren versucht. Doch nicht nur durch Morales' Leben zieht sich das Thema Koka wie ein roter Faden, sondern durch die gesamte politische Geschichte Boliviens der letzten vierzig Jahre.

Poma räumt der Stellung der Kokapflanze in der Andenkultur viel Platz in seinem Buch ein. Koka wird von den Indígenas nicht nur als einträgliche Alternative zur konventionellen Landwirtschaft genutzt. Die Blätter sind ein wichtiger Bestandteil ihrer Kultur: sei es als religiöse Opfergabe, als lebenswichtige Nahrungsergänzung oder als Medizin. Dass Morales im Alter von 21 Jahren vom Land- und Viehwirt zum Kokabauern wurde, war zwar mehr Zufall als ökonomische Überlegung, doch es hat seine spätere Karriere als Gewerkschaftsführer der KokabäuerInnen stark geprägt. Vor allem in den Auseinandersetzungen mit der repressiven Antidrogenpolitik der bolivianischen Regierung hat er sich zu einem offenbar furchtlosen, nervenstarken, strategisch denkenden und politisch gut vernetzten Politiker entwickelt.

Eigentlich schade, dass Pomas Buch Morales' Weg nur bis kurz nach dessen Wahl zum Präsidenten aufzeigt. Denn der Autor verfügt über die bemerkenswerte Fähigkeit, komplexe Informationen einfach zu formulieren und in einen grösseren Zusammenhang einzubetten. Immer wieder bietet Poma passende Exkurse wie über die Kolonialisierung des amerikanischen Kontinents oder über den Wasserkrieg in Cochabamba 2001. So versteht man nach der Lektüre den Hintergrund der Nationalisierung der Erdgasförderung oder die Ursachen der internen Widerstände, die zu einer ständigen Verzögerung bei der Umsetzung von Morales' politischem Programm geführt haben. Und man versteht, weshalb Morales einen beinahe grenzenlosen Respekt bei seinen AnhängerInnen geniesst, der aber weit davon entfernt ist, zu einem kritiklosen Personenkult zu verkommen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch