Nr. 47/2007 vom 22.11.2007

«Schtarch isch das»

Von Sonja Wenger

Wenn ein Vogel leise zwitschert, wenn sich einem wegen der Weltpolitik das Herz zusammenzieht oder wenn man nachts plötzlich aus dem Schlaf aufschreckt: Welche Worte kommen dem aufmerksamen Geist dann in den Sinn? Welche Gedanken flackern kurz auf und entgleiten doch gleich wieder, noch bevor man sich dazu aufraffen konnte, sie irgendwo niederzuschreiben?

Ursula Hohler hat sich über viele Jahre immer wieder die Zeit genommen, ihre Reflexionen über Begegnungen, eigene Reaktionen und kleine alltägliche Sehnsüchte festzuhalten. Und sie hat es in ihrer Muttersprache Schweizerdeutsch getan. Herausgekommen ist dabei die Gedichtsammlung «Öpper het mini Chnöche vertuu-schet».

Die kurzen Gedichte ohne Reime, dafür mit vielen Stilbrüchen und witzigen Wendungen, kommen gänzlich ohne gekünstelte Folklore oder intellektuelle Schwerfälligkeit aus. Sie sind genau das richtige Heilmittel für jeden gehetzten Geist, der in unserer rasenden Welt manchmal verzweifeln möchte. Ursula Hohlers Gedichte versteht man, weil einem ihre Geschichten vertraut sind. Es gibt dabei viel zum Schmunzeln und Nachdenken. Man liest sie mit einer wachsenden Freude, möchte sie anderen mitteilen und selbst die Ermunterung zum Innehalten mehr beherzigen. «Öpper het mini Chnöche vertuuschet» ist vor allem eine Aufforderung, durchzuatmen und den Alltag kurz loszulassen.

Die Autorin schreibt zu so universalen Themen wie Angst, Träume, Familie, Frauen oder die Welt - und bleibt doch stets per Du mit der Welt. Im Nachwort schreibt Hansjörg Schneider, dass Ursula Hohlers Gedichte schweizerdeutsch seien, sei «in diesem Fall am besten so. Und es zeigt wieder einmal, wie selbstverständlich klar und schön die Mundart sein kann.»

Sie nimmt nicht mehr oder weniger wahr als alle Menschen um uns herum, aber sie schenkt den ganz kleinen Alltagsdingen mehr Aufmerksamkeit, als wir es uns heute gewohnt sind. Mehr mag man gar nicht sagen, denn ihre Gedichte sprechen für sich - so wie «Immer no do»:

Angscht du alti Schildchrot
bisch immer no do?
Und du au Muet
fräche Hund
Mit em ewig junge Fäll
voll alti Narbe.

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