Nr. 08/2018 vom 22.02.2018

Mit Witz und Zwurch

Happy Birthday, Franz Hohler! Am 1. März wird der Autor, Kabarettist und Aktivist 75 Jahre alt. WOZ-AutorInnen beleuchten Hohlers Schaffen und erinnern sich an persönliche Begegnungen.

Von Ruedi Widmer, Florian KellerMail an AutorIn, Hans Ulrich Probst, Rahel Locher und Stefan Howald

Der «Spielhaus»-Mann

Feine und absurde Clownerie

Ich war in der dritten Klasse, und es war 1983. Unsere Schulklasse durfte eine Unterführung unter der neuen Umfahrungsstrasse unseres Dorfs bemalen. Mit Sujets aus Franz Hohlers Buch «Die Rückeroberung». So eroberten auf den kahlen Betonwänden Bären, Wölfe, riesige Farne und Löwenzahnblätter die wichtigsten Gebäude unserer Gemeinde. Zur Einweihung war Franz Hohler eingeladen. Ich durfte mit ihm auf dem Spaziergang vom Schulhaus zur Unterführung ein paar Worte wechseln. Ich sprach ihn, trotz grossem Interesse an seinen «Tschipo»-Büchern und an der «Rückeroberung», die ich beide in dieser Zeit las, zuerst auf René an. Ich wollte wissen, wer er ist und ob er wirklich nichts sagt.

Der Pantomime René Quellet ist letztes Jahr 86-jährig verstorben. Er war der Bühnenpartner oder Tischpartner oder Bettpartner oder Stuhlpartner oder «Filmchischtepartner» von Franz. Als Franz und René traten sie von 1973 bis 1994 am Fernsehen in der Sendung «Spielhaus» auf. Mit einfachsten Mitteln vermochten die beiden, die Kinder der Schweiz eine halbe Stunde lang zu fesseln. Das funktionierte auch deshalb so gut, weil sich Franz bei Problemlösungen im Zusammenleben mit René mit Fragen direkt an die Kinder vor dem Fernseher wandte. Was bei mir in den achtziger Jahren funktionierte, geht auch noch heute: Die gut vier, fünf Episoden, die sich vom Schweizer Fernsehen auf Youtube gerettet haben, hat sich mein Nachwuchs schon oft angeschaut und dabei ebenso gelacht wie einst ich.

Weil Franz cellistisch und sprachlich immer die Oberhand behält, konzentriert sich die Aufmerksamkeit automatisch auf René, der nie spricht. Sagt er mal etwas, dann: «I säge nüt.» Drei Worte – eine Ikone des Minimalismus. Man fragt sich, ob so etwas planbar ist oder einfach zufällig entsteht. Jedenfalls ist dieser Satz Dreh- und Angelpunkt der ganzen von Hohler geschriebenen Episoden. Doch es ist nicht nur die immer feine und oft absurde Clownerie in der kargen, mit Holzstäben begrenzten Studiowohnung – in der «Filmchischte» ulken Franz und René auch im Freien herum, und in einer Episode findet ein Drama mit papierenen Fischchen im Fenster eines Fenstercouverts statt (der «Expressfisch» ist aus einem weinroten «Express»-Kleber der Post).

Franz und René sind in der Zeit der von Pixar und Disney naturalistisch computeranimierten Superfilme wie «Dschungelbuch» oder «Cars» eine unglaublich und erfrischend effektive Art, Geschichten zu erzählen. Ich wünschte, die Episoden würden vollständig den Weg auf DVDs finden (oder sogar als Schweizer Kulturexport auf Netflix, liebes No-Billag-Komitee?).

Ruedi Widmer

Ruedi Widmer (45) ist Grafiker und Hauscartoonist der WOZ.

Der Kabarettist

Klein Flori allein zu Haus

Ein Abend im Frühling 1986, die Eltern ausser Haus, und ich hab den Auftrag, eine Flugzeugentführung mitzuschneiden. Radio DRS strahlt den «Flug nach Milano» aus, ich soll das auf Kassette aufnehmen. Franz Hohler spielt darin sich selbst, als Dichter, der ein Flugzeug kapert: Terror als Ultima Ratio, weil der Künstler realisiert hat, dass all sein Wirken für die Füchse war. Demos und Menschenketten, Diskussionen und Strassentheater für eine bessere Welt – vergebene Liebesmüh. «Wir behandeln die Schweiz nicht mehr wie etwas Lebendiges, sondern immer mehr wie eine Sache, aus der es das Letzte herauszupressen gilt.» Hohler, der Ökopatriot. Und weil er überzeugt ist, dass man die Welt zuallererst durch die Sprache verändert, stellt der Luftpirat dem Bundesrat ein Ultimatum: Die Schweiz sei in ein Neutrum umzutaufen. Fortan solle das Land «das Schweiz» heissen, und zwar so lange, bis es den Namen «die Schweiz» wieder verdient.

Es ist eine Form von engagiertem Kabarett, die von meiner Generation gerne verächtlich gemacht wird, dabei ist das manchmal gar nicht so weit weg von dem, was heute als Poetry-Slam bejubelt wird. Und das Publikum als Schicksalsgemeinschaft, die vom Künstler in Geiselhaft genommen wird: Das ist bestes High-Concept-Kabarett – und dank Sounddesign, Schaltungen ins Cockpit und TV-Monitor sogar «multimedial», wie man das nannte, bevor alles Multimedia war.

Vor allem aber bündelt sich im «Flug nach Milano» der komplette Hohler: der Fabulierer, der Sprachspieler, der Aktivist und auch der Dichter der Überflussgesellschaft, der sich im Zweifel auf die Seite der vermeintlich apolitischen Jugend schlägt («Es ist alles da»). Zum Glück nur selten zum Zug kommt hier der singende Cellist Hohler, dafür holt uns zum Schluss jäh die Gegenwart ein. Da wirbt ein Dr. Streuli vom Katastrophenschutz dafür, radioaktiven Abfall daheim im Weinkeller zu lagern: ein heimeliges Gefühl, wenn zwischen Chablis und Beaujolais unser ganz persönliches Radioaktivitätsquantum durchschimmert!

Florian Keller

Florian Keller (42) ist Kulturredaktor der WOZ.

Der Lyriker

Bekenntnis und Selbstbefragung

Eigentlich erstaunt es, dass sich im fünf Jahrzehnte umfassenden Œuvre von Franz Hohler – der mit anarchischer Lust an Hochsprache und Mundart virtuos alle literarischen Gattungen bespielt hat, der ein begnadeter Kinderreimer, ein versierter Liedverfasser und Poet des unscheinbaren Alltags ist –, dass sich darin nur gerade drei Gedichtbände finden. «Vierzig vorbei» (1988), «Vom richtigen Gebrauch der Zeit» (2006) und «Alt?» (2017).

Wer diese Bände liest, wird zwar gewahr, dass Gedichte nicht zu den ganz grossen Stärken des Autors gehören, er wird aber mit der Entdeckung belohnt, dass Hohler im Gedicht so persönlich von sich spricht wie sonst selten, ernst und heiter, nachdenklich und selbstironisch, subtil und ungeschützt. Wie die drei Titel andeuten, dominieren in den Gedichten die Themen Vergänglichkeit, Alter, Sterben, Tod und die Liebe – genauer die Dankbarkeit für die gelungene und gelingende Verbindung mit der lebenslangen Gefährtin Ursula Nagel. Hohler nutzt die Gedichtform für Bekenntnis und Selbstbefragung. Seine Texte sind häufig klug rhythmisierte Prosa, dank des Zeilenfalls als Gedicht ausgewiesen, faszinieren aber in der hartnäckigen Introspektion und Reflexion – etwa der kaum wahrnehmbaren Alterungsprozesse, wie sie das Titelgedicht «Alt?» komisch und melancholisch zugleich aufzeichnet.

Eines meiner Lieblingsgedichte heisst schlicht «S Läbe»: «Mängisch dunkts eim scho / Dass s Läbe nüt anders sig / Als es Gwitter / Und mir / Mir seckle derdur / Und der eint breicht der Blitz / Und der ander nit / Und nienen e Hütte / Wyt und breit»

Vielleicht kein Zufall, dass Mundarttexte zu Hohlers stärksten Gedichten gehören, und dazu zählen auch seine prägnanten Übersetzungen von Gedichten aus der Weltliteratur. Franz Hohlers Gedichtbände bieten viel aufschlussreiche Gedankenlyrik. Glanzstücke von lyrischer Qualität finden sich an eher unerwarteter Stelle im Werk des Autors: in seinen wie beiläufig erzählten «Spaziergängen» zum Beispiel, wunderbaren Miniaturen aus dem sinnlich erfassten Alltag des Autors, etwa wenn er im Norden Zürichs den Flugzeugen im Anflug zusieht und ihre Scheinwerfer ihn «an die grossen Augen von Kühen, die langsam auf das geöffnete Stalltor zukommen» erinnern. Oder, literarisch grossartig, wie Hohler in «Alp Bergalga» einen Wintermoment im Averstal erfasst: «Es gibt nichts Verlasseneres als Alphütten im Winter (…) Jetzt hängen die Eiszapfen von den Dachrinnen, Fenster und Türen sind verriegelt, und aus der Böschung vor dem Vorplatz starren verdorrte Blacken wie arme Seelen aus dem Schnee. In der Höhe aber sonnen sich Berggipfel und breiten ihre weissen Mäntel aus, feine Wölkchen wehen über die Kämme, Gebirgsgedanken.»

Hans Ulrich Probst

Hans Ulrich Probst (69) war Literaturredaktor bei SRF 2 Kultur.

Der Kinderbuchautor

Träumen wie Tschipo

Ich erinnere mich sofort an den Elch und die Gasmasken. In der Kindergeschichte «Der Verkäufer und der Elch» (1978) erklärt Franz Hohler einen, wie ich es heute verstehe, Grundmechanismus kapitalistischer Produktion: Dinge werden nicht entsprechend vorhandenen Bedürfnissen produziert, sondern nach der Notwendigkeit einer stetigen Produktionserweiterung. Umso besser, wenn als Begleiterscheinung dieser Produktionserweiterung wiederum neue Märkte eröffnet werden. Hohler treibt in seiner Kurzgeschichte die Logik auf die Spitze: Der Verkäufer, der Gasmasken an Elche verkaufen will, verschmutzt mit seiner Fabrik, in der Gasmasken hergestellt werden, die Luft gleich selbst. Insbesondere in seinen Kurzgeschichten wirft Hohler Schlaglichter auf eine gleichzeitig wunderbare und bedrohliche Welt, oft lapidar und mit leiser Ironie. Es sind prägnante Gedankensplitter, deren Verbindung von Witz und Tiefgang Kinder und Erwachsene inspirieren können.

Wie ich wohl als Mädchen diese Geschichten verstanden habe? Daran erinnere ich mich nicht mehr. Gut besinne ich mich hingegen an den Wunsch, wie Tschipo träumen zu können: Die drei «Tschipo»-Bände gehören zu Hohlers erfolgreichsten Kinderbüchern und drehen sich um einen Jungen, von dessen Träumen am Morgen etwas übrig bleibt – eine Baustelle in seinem Zimmer, ein Wald. Wenn er von einem See träumt, ist auch mal die ganze Wohnung überflutet. Kein Wunder, wollen seine Eltern diese Träume bald verhindern. Aber Tschipo träumt sich einfach weg, erlebt lauter fantastische Dinge und stösst auf Tschako, einen über dem Meer abgestürzten Piloten, der sich auf eine Insel gerettet hat. Und gerade träumte, dass ein Junge namens Tschipo ihn von dieser wegholen wird. Tschipo ist also plötzlich nicht mehr alleine mit seiner wundersamen Art zu träumen.

Die anderen Traumreisen führen Tschipo in die Antarktis und zurück in die Steinzeit, wo er den Höhlenmenschen Urch, Zwurch, Murch, Gurps, Schlurch und noch einigen mehr begegnet. Wie schön wäre es doch gewesen, an Tschipos Seite diese Abenteuer zu erleben!

Rahel Locher

Rahel Locher (28) ist freie Journalistin und Sozialpädagogin.

Der Politaktivist

Gegen die Verwilderung

«Nachtübung» hiess 1973 ein Kabarettprogramm von Franz Hohler, und darin führte er die Absurditäten des Schweizer Zivilschutzes im Angesicht einer imaginierten Katastrophe vor. Zwei Jahre später sang er auf dem besetzten Gelände von Kaiseraugst Protestlieder gegen das geplante Atomkraftwerk, und 2011 trat er wieder auf am «Menschenstrom gegen Atom». Umweltgefährdung und Anti-AKW-Bewegung sind Konstanten von Hohlers Engagement. Nicht nur im Politischen, auch im Literarischen. Schliesslich hat er in der «Rückeroberung» (1982) die Verwilderung einer Stadt beschrieben, in der die Natur gegen die menschliche Gewalt zurückschlägt.

Ebenso besorgt aber war und ist er über soziale Verwilderungen. Im Zürcher AJZ trat er 1980 als Fürsprecher für die Jungen und zugleich als Vermittler auf. Er wandte sich in den achtziger Jahren gegen die Rückschaffung von Asylsuchenden, unterstützte 1990 im Zeichen des Fichenskandals den Kulturboykott und das Komitee gegen den Schnüffelstaat und beschrieb 1992 – unter anderem mit einem Text in der WOZ – das Drogenelend in Zürich wegen einer verfehlten Repressionspolitik.

Hohlers Haltung war nicht kostenlos zu haben. 1982 verweigerte ihm der Zürcher Regierungsrat eine literarische Auszeichnung. Ein Jahr später setzte das Fernsehen eine seiner satirischen «Denkpausen» kurzfristig ab – die Übersetzung von Boris Vians Klassiker über einen Kriegsdienstverweigerer ging schon zu weit. Auch 1990 sah er sich im Zusammenhang mit seiner Kritik am Schnüffelstaat Zensur ausgesetzt.

Dabei war Franz Hohler nie der laute linke Ankläger, eher der aufrechte, entschiedene Humanist. So lancierte er 1993/94 einen Appell für Bosnien und rief zur Solidarität mit Sarajevo auf, oder er beklagte 2004, wiederum in der WOZ, den entwürdigenden Alltag von PalästinenserInnen in den von Israel besetzten Gebieten. Bis heute zeigt er sich ungebeugt. 2015 verfasste er ein Manifest für eine menschlichere und grosszügigere Flüchtlingspolitik, und selbstverständlich kämpft er auch gegen die No-Billag-Initiative. Ja, man könnte ihn einen Gutmenschen nennen, wenn man diesen demagogischen Kampfbegriff umdrehen will: einer, der sich für andere und eine menschenwürdigere Gesellschaft einsetzt.

Stefan Howald

Stefan Howald (64) ist Kultur- und Abschlussredaktor der WOZ.

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