Nr. 48/2007 vom 29.11.2007

Einsichten

Von Brigitte Matern

«Alles wird gut», beruhigte uns einst eine Inschrift von einem Gebäude der besetzten Zürcher Wohlgroth herab. Hätte das Internetprojekt «Learning To Love You More» schon damals existiert, wäre eine der darin gestellten Aufgaben bereits erfüllt gewesen: «Make an encouraging banner», «Mach ein ermutigendes Banner». Doch das von den US-amerikanischen MedienkünstlerInnen Miranda July und Harrell Fletcher initiierte Projekt gibt es erst seit 2002, und so lautet eine der heutigen Botschaften: «You have a spine», «Du hast ein Rückgrat». 3000 Menschen aus 25 Ländern haben bislang am multimedialen Unternehmen teilgenommen und zumindest einige der 63 Anweisungen ausgeführt. Die daraus entstandenen Werke sind unter www.learningtoloveyoumore.com ausgestellt. Der gleichnamige Bildband macht sie in einer Auswahl nun auch (englischkundigen) BuchleserInnen zugänglich.

Und so blicken wir unter fremde Betten, schauen in die ernsten Gesichter händchenhaltender Menschen, betrachten Gegenlichtaufnahmen, lesen fiktive Telefongespräche, Lebensläufe. Der Bildband präsentiert keine ästhetischen Leckerbissen, vielmehr geht es um eine - zugegeben nicht ganz neue - Idee: Wir sollen, nachdem wir Kunstschaffen und -verstand weitgehend an ExpertInnen abgegeben haben, beides für uns zurückerobern, und zwar mithilfe der «assignments», Anweisungen, im Anhang des Buches, die mit einem Audio- oder Videoaufnahmegerät, aber auch mit Malstiften, Schere oder Spaten ausgeführt werden können.

So werden wir aufgefordert, einen Bauzaun für eine Kunstausstellung zu nutzen, eine Sammlung bizarrer Schatten anzulegen oder uns selbst in der Vergangenheit einen Rat zu geben. Faszinierend ist, wie wenig es braucht, um öffentliche Irritation herzustellen: Es genügt, an einer Parkuhr ein Schild anzubringen, auf dem das korrekte Decken eines Tischs erklärt wird. Spannung bezieht das Projekt aber nicht aus gesuchter Originalität oder Komik, sondern daraus, inwieweit man es schafft, seinem eigenen künstlerischen Ich auf die Spur zu kommen und dabei - ganz nebenbei - seine Mitmenschen zu entdecken

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