Nr. 48/2007 vom 29.11.2007

Tellerwäscher?

Fragen, die man sich auch noch stellen sollte, wenn man die alljährliche Hitparade der Reichsten in der Schweiz studiert.

Interview: Johannes Wartenweiler

WOZ: Sarah Schilliger, Sie sind Reichtumsforscherin. Sind Sie reich?

Sarah Schilliger: Für den französischen Soziologen Pierre Bourdieu umfasst Reichtum verschiedene Elemente: das ökonomische Kapital, das kulturelle Kapital - die Bildung - und das soziale Kapital - die sozialen Netze. Mit einem Universitätsabschluss verfüge ich über ein gewisses kulturelles Kapital - ökonomisch betrachtet bin ich bestimmt nicht reich.

Warum betreiben Sie Reichtumsforschung?

In der Soziologie gehen viele davon aus, dass es keine Klassen mehr gibt, insbesondere keine herrschende Klasse. Zudem ist die Behauptung im Trend, dass wir in einer Gesellschaft leben, die die Besten mit den Spitzenrängen in der gesellschaftlichen Hierarchie belohnt. Entsprechend erachten viele die Erforschung der «Spitze» der Gesellschaft als überflüssig. In der Ungleichheitsforschung fokussiert man vorwiegend auf den Aspekt der Armut. Aber stehen Armut und Reichtum nicht in einem direkten Zusammenhang? Gerade angesichts der zunehmend ungleichen Eigentumsverhältnisse erachte ich es als dringend notwendig, diese kleine Minderheit, die über die grosse Mehrheit an Kapital verfügt, etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Wer ist denn überhaupt reich?

Ich habe mich auf die Liste der 300 Reichsten gestützt, die die «Bilanz» jeweils vor Weihnachten publiziert. Alle, die dort aufgeführt werden, haben ein Vermögen von mindestens hundert Millionen Franken. Sie haben bedeutende Besitzanteile an den führenden Unternehmen im Bereich Industrie, Banken und Versicherungen. Daneben gibt es die Gruppe der ausländischen Superreichen, die vorwiegend wegen Steuervorteilen in der Schweiz leben - wie der Ikea-Gründer Ingvar Kamprad.

Im Jahr 1989 besassen die 300 Reichsten zusammen 86 Milliarden Franken. 2006 waren es bereits 455 Milliarden Franken. Warum nahm der Besitz der Reichen in den letzten zwei Jahrzehnten in diesem Ausmass zu?

Das hat mit der neoliberalen Umverteilungs- und Enteignungspolitik zu tun. Mit einer Steuerpolitik, die auf die Interessen der Wohlhabenden ausgerichtet ist. Dazu gehören etwa Vorstösse zur Abschaffung der obersten Progressionsstufen und der Erbschaftssteuern für direkte Nachkommen. Zudem ist die schnelle Vermehrung ihrer Vermögen auch auf massive Gewinne auf den Finanzmärkten zurückzuführen. Während die Reichen also noch viel reicher wurden, stagnieren die Löhne der grossen Mehrheit - wie die Lohnstatistik des Bundes zeigt.

Handelt es sich beim grossen Reichtum zumeist um verdienten Besitz oder um ererbten Besitz?

Den meisten Superreichen wurde das Vermögen in den Schoss gelegt. Einige der reichsten Familien haben in den sogenannten Pionierjahren im 19. Jahrhundert angefangen, ihren Reichtum anzuhäufen, und sind heute schon in der dritten, vierten oder fünften Generation wohlhabend.

Wenn vererbt wird, wird auch wieder verteilt. Das ist doch auch bei grossem Reichtum so ...

Die wirklich Reichen haben in dieser Frage schon vorgesorgt. Einerseits durch Heiratspolitik, die heute allerdings nicht mehr so offensichtlich ist wie noch vor fünfzig Jahren - die Methoden haben sich verfeinert. Aber noch immer finden Menschen aus dem gleichen Milieu eher Gefallen aneinander - Bourdieu spricht von «Wahlverwandtschaften». Vor allem aber gründen vermögende Familien immer häufiger Stiftungen, um den Familienbesitz zusammenzuhalten.

Sie haben versucht, sich den Reichen in einer ethnografischen Feldforschung zu nähern. Was heisst das genau?

Die sozialen Unterschiede kann man nicht nur mit statistischen Daten einfangen. Mir schien es vielversprechender zu sein, mit einer qualitativen Forschung ans Thema heranzugehen: Ich habe mich in die Empfangshalle eines Luxushotels gesetzt und beobachtet, wie sich die Leute verhalten. Ich bin durch Villenquartiere spaziert, zum Beispiel am Suvrettahügel in St. Moritz. Ich habe mich als Journalistin - «undercover» sozusagen - an Benefizgalas und ähnlichen Veranstaltungen eingeschlichen. Natürlich habe ich auch viel gelesen: neben den einschlägigen Wirtschaftsmagazinen auch die Klatschpresse.

Welches Erlebnis hat sie besonders beeindruckt?

Ich habe gestaunt über diesen Lebensstil. Das Ausmass des Reichtums habe ich mir vorher nicht vorstellen können. Bei einem Event in St. Moritz habe ich festgestellt, wie gut sich alle untereinander kennen. In St. Moritz fiel mir auch der Luxuskonsum auf. Wer besucht schon ein Geschäft, in dessen Schaufenster ein Collier im Wert von 120 000 Franken ausgestellt ist?

Liess man Sie die «feinen Unterschiede» auch persönlich spüren, die nach Bourdieu ein wichtiges soziales Unterscheidungsmerkmal sind?

Ja, die soziale Distanz wurde für mich sehr konkret erfahrbar. Oft fühlte ich mich fehl am Platz bei diesen gesellschaftlichen Ereignissen - wenn ich zum Beispiel etwas hilflos versuchte, Austern zu schlürfen, was ich zum ersten Mal in meinem Leben tat. Als ich am Suvrettahügel mit Rucksack und Wanderschuhen unterwegs war, hat man mich zweimal angesprochen und gefragt, ob ich jemanden suche.

Hat Sie bei Ihren Recherchen etwas besonders abgestossen?

Wenn ich den Gesprächen zugehört habe, dann habe ich viel neoliberale Ideologie gehört. Zudem habe ich mich oft gestossen daran, wie sich beispielsweise an einer Benefizgala die Reichen als Wohltäter aufgeführt haben. Sie zelebrierten dabei ihre Werte und moralischen Qualitäten, verschafften sich nach aussen einen guten Ruf und stärkten nach innen das Gefühl, einer Gruppe von herausragenden Menschen anzugehören.

Sie haben den Suvrettahügel in St. Moritz erwähnt. Das ist für Sie offensichtlich ein Inbegriff für akkumulierten Reichtum in der Schweiz?

Ja. In der Schweiz gibt es keine expliziten «gated communities», Siedlungen mit Zugangskontrollen, wie beispielsweise in den USA. Aber es ist ähnlich. Ich habe diesen sozial exklusiven Raum als «soft enclosure» bezeichnet; die Zugangsschranken sind nicht materieller, sondern eher symbolischer Art. Viele Multimillionäre haben am Suvrettahügel ihren Zweitwohnsitz. Mittendrin steht das traditionelle Nobelhotel Suvretta, wo man sich zur Pflege der Beziehungen trifft. Eine Investorengruppe um «Suvretta»-Besitzer Urs E. Schwarzenbach hat den Flugplatz in Samedan gekauft, der in grossen Finanzschwierigkeiten steckte, damit die Leute weiterhin mit dem Privatjet landen können. Das Milieu ist sehr international.

Wie verhält sich Reichtum zur Macht?

Die reichen Familien und Unternehmer stehen im Gravitationszentrum des Machtapparats, obwohl sie - mit wichtigen Ausnahmen wie zum Beispiel jener von Bundesrat Blocher - nicht im Parlament oder in der Regierung sitzen. Sie sind umgeben von Konzern- und Finanzeliten, also den Spezialisten der Kapitalverwertung, und von politischem Personal, das für die Wahrnehmung ihrer Interessen sorgt - in Wirtschaftsverbänden, in verschiedenen Stiftungen, Thinktanks, Universitätsräten und ausserparlamentarischen Kommissionen. Zudem üben sie direkten Einfluss auf die Massenmedien aus.

Sind alle Reichen politisch rechts?

Tendenziell schon - wobei die Ausnahme die Regel bestätigt. Einigen ist ein soziales Engagement wichtig, allerdings wollen sie selber darüber entscheiden, wo sie aktiv werden. Sie wollen möglichst wenig von ihrem Geld über Steuern umverteilen.

Welche Schlussfolgerungen und Forderungen ziehen Sie aus Ihrer Erforschung der Reichen und des Reichtums?

Wir müssen die Eigentumsverhältnisse in unserer Gesellschaft radikal infrage stellen. Die neoliberale Politik - in Wahrheit handelt es sich um einen Klassenkampf von oben - hat zu einer riesigen Ansammlung von Vermögenswerten an der Spitze geführt: 3 Prozent besitzen gleich viel wie die restlichen 97 Prozent zusammen. Es ist verrückt, wie man gleichzeitig auf die Armen losgeht und sie als Sozialschmarotzer bezeichnet.

Sind denn die Reichen Sozialschmarotzer?

Das ist ein blödes Wort. Aber sie sind unbestritten Profiteure des bestehenden Systems. Ihr Reichtum basiert auf der Arbeit der lohnabhängigen Bevölkerung.

Um Steuervergünstigungen und Steuerschlupflöcher zu stopfen, muss man politische Mehrheiten finden. Gibt es in der Gesellschaft ein kritisches Bewusstsein über den akkumulierten Reichtum?

Bei uns ist der Mythos vom Tellerwäscher, der zum Millionär aufsteigt, tief verankert. Wer es nicht nach oben schafft, ist selber schuld. Es wird ein sozialer Wettbewerb vorgegaukelt, und man glaubt, dass Reichtum durch harte Arbeit und Leistung erschaffen worden sei. Er sei also gerecht.

Das ist er nicht?

Nein, das ist er nicht. Die kleine Minderheit der Superreichen schafft es jedoch, sich den Ruf einer Leistungselite zu verschaffen. Sie deutet dabei Privilegien in erworbene Qualitäten und eigene Leistungen um und verschleiert dadurch die realen Machtungleichgewichte.

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